Warum nehmen eigentlich nur so wenige Japanerinnen die Pille?

Rund 3% der Japanerinnen lassen sich laut einer Statistik aus dem Jahr 2009 regelmäßig die Pille verschreiben. Rund 30% von ihnen tun das zur Schwangerschaftsverhütung. Der Rest nimmt die Pille aus medizinischen Gründen, wie zur Aknebekämpfung oder auch zur Linderung von Menstruationsbeschwerden. 3% ist eine erschreckend niedrige Zahl. Sucht man nach Ursachen für diese geringe Akzeptanz der Pille, stößt man auf Unsicherheiten durch mangelnde Aufklärung, Sorgen um die Gesundheit und unwillige Ärzte. Meine letzte Arztrechnung zeigt aber auch eine andere mögliche Ursache dafür auf:

Was Sie hier sehen, meine Damen und Herren, ist eine Arztrechnung über 8190 Yen für drei Monate Pille. Das sind umgerechnet 63 Euro. 63 Euro! Die Hälfte in etwa habe ich für eine Halbjahrespackung Pille in Deutschland bezahlt. Inklusive Untersuchung, die die Krankenkasse ja übernimmt. Für ein halbes Jahr Pille sind wir hier schon bei 126 Euro. Ohne Untersuchung. Das ist der Preis nur für das Verhütungsmittel. Ich hatte mir damals 2008 ja schon einmal die Pille in Japan verschreiben lassen und hatte sie auch noch recht teuer im Hinterkopf, aber dass sich daran seit nun fast genau 7 Jahren nichts geändert hat, erstaunt mich dann doch sehr. Hält die niedrige Akzeptanzrate die Pille so teuer oder der teure Preis die Akzeptanz so niedrig? Das Huhn und das Ei … Aber bei dem Preis kann ich schon verstehen, wenn vielleicht gerade jüngere Japanerinnen sich die Pille nicht leisten können, selbst wenn sie wollten.

Und ja, ihr habt richtig gelesen: die Pille gibt es in Rationen von bis zu drei Monaten. Mehr dürfen die Ärzte nicht herausgeben. Alle drei Monate zum Frauenarzt also. Als hätte mich der halbjährliche Besuch in Deutschland nicht schon genug genervt. Das ist alles hier dann doch noch mal etwas umständlicher und könnte ein weiterer Grund sein, warum man in Japan lieber auf andere Weise verhütet … *husthust* coitus interruptus *hust*

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Der Eichhörnchenpark in Machida

An einem Samstag Morgen im Februar packte Kei und mich die Lust, etwas bei uns in der Umgebung zu unternehmen. Ich befragte Google nach Tourispots und Empfehlungen und stieß auf den Eichhörnchenpark in Machida, den 町田リス園 machida risuen,  einen Park, der einem erlaubt, seine Eichhörnchen zu füttern. Wie hätte ich dazu Nein sagen können?

Der Eichhörnchenpark ist nicht sehr groß, das Gelände für die Eichhörnchen jedoch ausladend. Die Tiere, bei denen es sich übrigens nicht um unsere roten Eichhörnchen, Sciurus vulgaris, sondern um seine grauen Verwandten, auf Englisch so genannte Pallas’s squirrel (Callosciurus erythraeus), handelt, laufen frei herum und lassen sich mit Sonnenblumenkernen zu 100 Yen das Tütchen anlocken. Etwa 200 von ihnen sollen auf dem Gelände leben, das ich persönlich mit all den Kletter- und auch Versteckmöglichkeiten sehr schön eingerichtet finde.

Dennoch frage ich mich, ob 200 Eichhörnchen nicht  etwas zu viel für eine einzige Anlage sind. Ich kenne mich mit den Tieren nicht großartig aus, aber Territorialstreitigkeiten waren schon zu beobachten. Die anwesenden Besucher haben die Tiere weniger gestresst, als sie sich hier und dort gegenseitig. Satte Eichhörnchen verkochen sich, hungrige klettern an einem hoch und rissen einem auch schon mal das ganze Tütchen mit Sonnenblumenkernen aus der Hand XD

Es gibt wohl auch drei Streifenhörnchen auf dem Gelände, die haben wir jedoch nicht zu sehen bekommen. Außerdem eine riesengroße Schildkröte, bei deren Fütterung wir zugucken durften. Die Eichhörnchen waren sehr gut darin, der Schildkröte ihr Obst und Gemüse zu mopsen O_o

Der Rest des Parks hat bei mir leider absolut keine Begeisterung ausgelöst. Von den Zuständen bei den Meerschweinchen war ich so geschockt, dass ich nicht mal Photos gemacht habe. Da waren ungelogen mindestens 100 Tiere in einem keine 4qm kleinen Käfig untergebracht, der Boden harter Stein. Man konnte Gemüse kaufen, um die Schweinis zu füttern. Damit diese besser ans Futter kommen, hatte man Plastikkübel als Erhöhungen in den Käfig gestellt. Was passierte, war, dass sich auf jeder Erhöhung rund 30 Meerschweinchen drängte, die unbedingt ans Futter wollten, und sich gegenseitig von den Kübeln schubsten. Und die waren bestimmt 30 – 50 cm hoch – für ein Meerschweinchen lebensgefährlich! Ich möchte nicht wissen, wie viele von den Tieren sich da tagtäglich verletzten. Das Ganze ist einfach mal unter aller Sau! Die restlichen Meerschweinchen waren in noch kleineren Käfigen zusammengepfercht und man konnte sie sich zum Kuscheln rausgeben lassen. Den Hasen ging es nicht besser. Im zu kleinem Gehege mit Verletzungsgefahr oder in kleinen Käfigen als Kuscheltiere gehalten. Eigentlich muss ich sagen, dass alle Tiere bis auf die Eichhörnchen in katastrophalen Bedingungen untergebracht waren. Die Papageien und Kakadus konnten gerade so ihre Flügel ausstrecken, an fliegen war jedoch nicht zu denken. Die Erdmännchen hatten keine tiefe Erde zum Buddeln … Ich bereute schnell die 400 Yen, die jeder von uns für den Eintritt bezahlt hatte … Aber Hauptsache der Souvenir-Shop hat schön viel Platz, nicht?

Rechts vorne seht ihr das Hasen”gehege”, da hinter ist das Meerschwein”gehege” mit den bunten Kübeln.

Eigentlich sollte ich es inzwischen aber auch wissen. Die japanische Heim- und Zootierhaltung war schon immer etwas, was mich abgrundtief schocken konnte. Für das Eichhorngelände kann ich den Park empfehlen, aber mit den Zuständen, die die anderen Tiere dort zu ertragen haben, könnte ich niemals wieder guten Gewissens dort Geld ausgeben -.-‘

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Das Nagarazoku und die Klimaanlagen

Klimaanlagen in Japan – Segen und Fluch zugleich. Segen, weil man sowohl im Sommer als auch im Winter ohne sie dank fehlender Isolierung Außentemperaturen in geschlossenen Räumen ertragen müsste, und Fluch, weil man in japanischen Büros fälschlicherweise davon ausgeht, die Regulierung selbiger seinen Angestellten überlassen zu können.

Meine Firma macht da keine Ausnahme, und seit vor rund drei Wochen ein paar Platzwechsel stattgefunden haben, befinde ich mich mit einer mir bisher noch nicht bekannten Person im eakon gassen エアコン合戦, in einem ausgewachsenen Krieg um die Klimaanlage. Es geht dabei sowohl um die Temperatur – 19 Grad kalt im Winter??? – als auch um den Winkel, in dem die Luft aus der Klimaanlage gepustet wird – wenn es nach mir geht, parallel zur Decke, wenn es nach dem Störenfried geht, im 90 Grad Winkel nach unten direkt auf meinen Schreibtisch, und zwar mit Karacho. Ja, ich sitze DIREKT UNTER einer unserer Klimaanlagen. Ich bin daher ja der Meinung, ich sollte über die Klimaanlage verfügen dürfen, da ich immer die direkte Leidtragender  bin -.- Teilweise war die Klimaanlage so stark eingestellt, dass sie mir zu bearbeitende Unterlagen vom Schreibtisch geblasen hat, wenn ich mich nicht blitzschnell auf sie geworfen habe! Und ich konnte bisher einfach nicht rausfinden, wer der Irrwisch ist, um mal ein ernstes Gespräch mit dieser Person zu führen – vielleicht hat sie ja einen guten Grund dafür … Jedenfalls hoffe ich das für sie!!! Aber in einem Großraumbüro mit so vielen Angestellten lässt sich das natürlich schwer nachvollziehen.

Letzte Woche Montag jedoch schien die Person plötzlich aufgegeben zu haben. Die Temperatur blieb auf erträglich und der Austrittswinkel parallel zur Decke. Erleichterung. Zumindest für 3 Tage. Am Mittwoch nämlich hatte ich eine ausgewachsene WINTERneurodermitis (im FRÜHLING) auf den Wangen und eine Entzündung im linken Auge entwickelt. Wo kam das denn auf einmal her? Auf den Hinweis einer Kollegin kontrollierte ich die Einstellung der Klimaanlage. Trocken! TROCKEN! TROOOCKEN!!! Bei derzeit sowieso nur 30% Luftfeuchte hat dieser Vollidiot die Luftfeuchte um meinen Schreibtisch herum auf Wüstenniveau herabgesenkt. Ich weiß sowieso nicht, warum Klimaanlagen diese Einstellungen haben, denn im Sommer nutzt sie keiner, weil sie nicht richtig kühlt, und im Winter braucht sie niemand … nun ja, niemand mit Verstand! Ich komme nicht darüber hinweg, dass wir im Büro jemanden haben, der glaubt, “trocken” wäre das perfekte Klima für unser Büro dieser Tage. Inzwischen habe ich meine Haut mit teurer Neurodermitiscreme und meine Augenentzündung mit Augentropfen wieder in den Griff gekriegt, aber ich glaube, der Klimaanlagencheck muss, bis ich die betreffende Person ausfindig gemacht habe, ab jetzt in aller Regelmäßigkeit stattfinden. Und eigentlich hätte ich auch gerne das Geld für den ganzen Kram, den ich durch die Dummheit einer anderen Person für meine Wehwehchen kaufen musste, zurück *ärger*

Mann, Mann, freue ich mich schon wieder auf den Sommer, wenn die Leute in meinem Büro es für legitim halten, den Raum auf 17 Grad runterzukühlen. Denn 17 Grad sind genau die Anzahl an Grad, die man braucht, wenn man in leichten Sommerklamotten zur Arbeit kommt. *rant zu Ende*

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Man soll ja immer mal wieder was dazulernen

Baseball ist eine der beliebtesten Sportarten in Japan und gleichzeitig die Sportart, mit der ich mich wahrscheinlich am wenigsten auskenne. Wie auch? Soweit ich weiß, hat damals kein Baseball-Anime seinen Weg in mein Kinderzimmer gefunden, um mich über die Feinheiten dieses Sports aufzuklären :P

Nun hatte ich aber Dank der guten Tabea und ihrem niemals enden wollendem Vorrat an Freikarten zu allen möglichen Veranstaltungen die Gelegenheit, mir ein Baseballspiel aus der Nähe anzusehen. Und zwar wirklich aus der Nähe, denn wir saßen in einer der ersten Reihen dicht am Spielfeldrand :D

Was die drei Stunden richtig fantastisch gemacht hat, war die Begleitung, in der ich mich befand. Bis auf den Herren in unserer Gruppe kannte sich sonst niemand von uns mit Baseball aus, und wir hatten unglaublich Spaß, herauszufinden, was für Regeln da gerade angewandt wurden. Ich glaube, ich kenne jetzt Dank den geduldigen Erklärungen unseres Herren, Google und scharfer Beobachtungsgabe rund 70% der Regeln, der Rest wollte sich uns einfach nicht erschließen. Aber hey, jetzt weiß ich über Baseball mehr als z.B. übers Golfen :P

Es standen sich übrigens Japan und Europa gegenüber. Ja, Europa. Ein wenig hat uns das schon überrascht, auch, dass wir eine Europahymne haben O_o Wieder was gelernt! Japan hat uns am Ende der letzten Runde leider ordentlich den Hosenboden versohlt, nachdem wir zwei Runden lang eigentlich ziemlich stark waren, aber das Rückspiel am nächsten Abend hat Europa wohl gewonnen ;)

Der Tokyo Dome ist übrigens nicht nur überdacht, was die ganze Veranstaltung bei den Außentemperaturen wahnsinnig erträglich machte, sondern man durfte auch sein eigenes Essen mitbringen. Wir hatten so viel dabei, dass wir am Ende die Treppen hochkullern mussten XD Bier war mit 800 Yen nicht billig, aber eins haben Tabea und ich uns gegönnt, auch um einen Schnappschuss von einer der “Bierdamen” machen zu können. Diese Damen rennen da für 2 1/2 Stunden ohne Pause die Treppen hoch und wieder runter und wieder hoch, mit einem kiloschwerem Rücksack Bier auf dem Rücken. Respekt vor so viel Durchhaltevermögen! Das Lächeln perfekt, Beine aus Stahl, der Job ist nichts für Weicheier, so viel steht fest!

Ach ja, könnte ihr euch noch an dieses Photos hier erinnern, die für eine Weile durch die sozialen Medien schwirrte? Und dann wurde das wieder auf alle Japaner ausgeweitet und auch die Japaner selbst machten da fleißig mit? „Bei uns zu Hause ist es normal, dass wir die Stadien aufräumen!“ und so. Ach ja??? Dann erklärt mir das hier mal bitte:

Japaner räumen nach einem Fußballspiel ihren eigenen Müll nicht weg, obwohl sie gewonnen haben :P

Wir hingegen haben unseren Müll ganz anständig mitgenommen :P

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Die Ume – Das “Stiefkind” der japanischen Blütenschausaison

Teilweise schon Ende Februar, aber spätestens Anfang März dreht sich in Japan alles nur 2013-03-24 13.00.13noch um eins: sakura 桜, die Kirschblüte. Und vor allem die Frage, wann sie denn nun dieses Jahr in voller Blüte stehen wird. Denn Pläne für hanami 花見, die Blütenschau, mit Freunden, Familie und auch Kollegen müssen gemacht werden, um die kurze Zeit, in der man sich an den zartrosafarbenen Blüten erfreuen kann, auch voll auszunutzen. Denn die Kirschblüte ist nicht umsonst DAS japanische Symbol für mono no aware 物の哀れ, die Vergänglichkeit der Dinge. Kaum erblüht, reich ein etwas stärkerer Wind, Regen oder einfach die Zeit, um die Blüten in kürzester Zeit von den Bäumen rieseln zu lassen.

Ich kann2013-03-24 13.00.39 die ganze Aufregung hier um die Kirschblüten schon verstehen. Sie sind hübsch anzusehen und durch die vielen strategisch gepflanzten Bäume überall in Japan kann man sich, wann immer man will, in das Blütenmeer stürzen. Auch die Merchandise-Industrie springt jedes Jahr auf den Zug aus und versorgt den geneigten Käufer mit allem, was man braucht und auch nicht braucht, um in hanami-Stimmung zu kaufen. Ja, ich bin auch jedes Jahr aufs Neue ein geneigter Käufer :P

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Der Chiffon-Kuchen, den man dieses Jahr zur sakura-Saison bei Starbucks kaufen kann

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Ein Tumbler, den es 2008 bei Starbucks zu kaufen gab.

Doch eigentlich gibt es in Japan noch eine Blüte, die sehr viel früher als die der Kirschbäume erblüht und dabei doch genauso schön anzusehen ist: die ume 梅, die japanische Pflaume. Das Farbspektrum ihrer Blüten reicht dabei von Weiß über Rosa bis hin zu einem tiefen Magenta.

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Doch irgendwie hat man den Eindruck, der Funke will in Japan nicht so richtig überspringen, wenn es um die Pflaumenblüte geht. Das war nicht immer so.

Noch lange vor der Heian-Zeit gelangte die Faszination für die Pflaumenblüte wohl über China nach Japan, wie vieles, was damals seinen Weg von China nach Japan machte. Neben wirtschaftlichen und politischen Beziehungen herrschte damals nämlich auch ein reger kultureller Austausch, wobei Japan jedoch eher auf der Empfängerseite stand und begierig alles, was China als Hochkultur zu bieten hatte, aufsaugte. Hofetikette, chinesische Schriftzeichen, und eben auch die Begeisterung für die Pflaumenblüte.

Die Pflaumenblüte hat in China eine lange Tradition. Als Vorbote des Frühlings, der sich bereits im Februar weit vor allen anderen Blüten zeigt, steht sie Wiedergeburt, Stärke und Wachstum und hat ihren Einzug nicht nur in die Literatur gehalten, sondern ist so verwurzelt mit der Kultur Chinas, dass sie im Jahr 1964 zur Staatsblüte der gesamten Republik gemacht wurde. So bezeichnet auch China Airlines seine Flugzeugflotte der Marken Airbus und Boeing als “Pflaumenblütenflotte” und alle Flugzeuge der Fluggesellschaft tragen die Pflaumenblüte auf der Heckflosse.

Auch in Japan hielt die Pflaumenblüte auf verschiedenen Ebenen als erster Frühlingsbote im noch bitterkalten Winter ihren Einzug, egal als ob Symbol in der Literatur oder als Zierbaum im Garten des Kaiserpalasts. Im man’yōshū 万葉集, der ersten großen japanischen Gedichtanthologie, sollen sich wohl mehr Gedichte finden lassen, die die ume thematisieren, als solche, die sich um die sakura drehen. Bis zur Edo-Zeit, also bis in 16. Jahrhundert hinein, stand das japanische Wort für Blume, hana 花, sogar stellvertretend für die Pflaumenblüte – so wie es das Wort heutzutage für die Kirschblüten z.B. im Wort hanami tut. Und das, obwohl die Kirschblüte wohl schon im Anschluss an die Heian-Zeit begann, der Pflaumenblüte langsam den Rang abzulaufen. Warum? Dafür habe ich keine genaue Erklärung finden können. Vorstellen könnte ich mir einen der folgenden Gründe:

(1) Nachdem vor allem die Heian-Zeit im Zeichen der Absorption von Kultur, Staatswesen, Mode und eigentlich allem anderen Chinas war, wollte man sich langsam von der benachbarten Hochkultur emanzipieren. Ein Schritt könnte daher gewesen sein, DAS chinesische Symbol durch ein eigenes zu ersetzen: die sakura. Natürlich gibt es in China auch Kirschblüten, aber so wie hier inzwischen die Faszination für die Pflaumenblüte kaum noch vorhanden ist, geht den Chinesen auch nichts über ihre ume. Wer braucht da schon Kirschblüten?

(2) Die Kirschblüten eignen sich einfach besser zum hanami, weil sie Ende März/Anfang April blühen und die Temperaturen da auf jeden Fall sehr viel angenehmer sind als Ende Februar/Anfang März. Das wäre ein sehr praktischer, aber doch nachvollziehbarer Grund.

(3) Ich habe keine Ahnung, ob ume-Blüten robuster sind als sakura-Blüten, aber sie erwecken den Eindruck. Vielleicht passt zum wehleidigen mono no aware die zarte, fragile, leicht vom Baum gepustete Kirschblüte einfach besser?

(4) Einfach nur Mode. Geschmack ändert sich, das kann man nicht immer logisch erklären. Das wäre allerdings auch der langweiligste Grund :P

Was glaubt ihr? Fällt euch noch ein anderer Grund ein? Oder kennt sich vielleicht sogar jemand hier so richtig mit der Thematik aus?

umeboshi via mery.jp

Packt man die ume/sakura-Geschichte übrigens bei den Früchten an, dann hat die ume definitiv die Nase vorn. In Form von umeboshi 梅干し, sauer eingelegte Pflaumen, umeshu 梅酒, Pflaumenwein, und anderen Köstlichkeiten erfreut sie sich das ganze Jahr über großer Beliebtheit, während Kirschen nicht nur jahreszeitlich stark begrenzt verkauft werden, sondern auch noch schweineteuer sind – auch wenn in beiden Fällen die Früchte von einem anderen Baum kommen als der, der die hübschen Zierblüten trägt :P Eigentlich schade. Wäre es nicht toll, im Anschluss von Pflaumen- und Kirschblütenschau in Kirschen und Pflaumen nur so zu schwimmen?

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[Alltag in Japan] “Entschuldigen Sie die Verspätung!”

Von japanischen Bahnen scheint man generell den Eindruck vermittelt zu bekommen, sie wären über alle Maßen zuverlässig und Verspätungen kämen so gut wie niemals vor. Wer solche Gerüchte in der Welt verbreitet, war sicher nur als Tourist hier und daher nicht nur begrenzt, sondern auch eher zu den komfortablen Zeiten mit japanischen Bahnen unterwegs. Als Bahnnutzer seit mehreren Jahren hier in Japan kann ich sagen: Nein, auch auf den Strecken japanischer Bahnen kommt es zu Verspätungen. Teilweise zu unglaublich langen. Ab und zu verdammt oft hintereinander. Und da in Japan bereits Verspätungen von nur einer Minute durchgesagt werden, gefühlt sogar häufiger als in Deutschland. Besonders auf meiner Linie, der Odakyū 小田急線.

Verspätungen haben verschiedene Ursachen. Sie fangen bei klemmenden Türen und ungewöhnlichen Geräuschen an und hören bei Naturkatastrophen noch nicht auf. Häufig gibt es als Ansage auch 「お客様同士のトラブル」 okyakusama dōshi no toraburu, wortwörtlich “Ärger zwischen Fahrgästen”, was bedeuten kann, dass zwei Fahrgäste in der Bahn aneinandergeraten sind, aber auch, dass ein Fahrgast sexuell belästigt und der Täter mit Gewalt aus der Bahn entfernt wurde. Aber hey, Ansagen! Ist es nicht toll, dass man wenigstens erfährt, warum man hier zwischen zwei Bahnhöfen festhängt? Man kriegt auch fast immer mitgeteilt, wann die Bahn sich voraussichtlich wieder in Bewegung setzt, und meistens trifft die Vorsage zu!

Der bekloppteste Grund, den ich bisher zu hören bekommen habe, war: “Die Tasche eines Fahrgastes hat sich in einer Tür verfangen.” Ja, ja, verfangen. Da ist mal wieder einer in die Bahn gesprungen, als die Türen schon am Schließen waren. Das kann ich hier wirklich niemandem empfehlen, denn anders als in Deutschland öffnen sich die Türen japanischer Bahnen bei Widerstand meist nicht noch einmal automatisch. Warum? Weil sich die Türen in der Rush Hour sonst niemals schließen lassen würden!

Nun sind Bahnverspätungen für den normalen Angestellten mit einer festen Anfangszeit wahrlich eine Katastrophe. “Die Bahn hat sich verspätet? Mit der Ausrede kann ja jeder kommen!” Deshalb erhält man von den Bahngesellschaften bei Verspätungen solch einen Zettel:

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Einen chien shōmeisho 遅延証明書, einen Verspätungsnachweis. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube, sie werden ab 10 Minuten Verspätung ausgehändigt. Auf den Zetteln vermerkt sind der Name der betroffenen Linie, das Datum und das Ausmaß der Verspätung. Bei der Odakyū müssen diese Zettel so häufig ausgeteilt werden, dass man sie inzwischen automatisch ausgedruckt bekommt, wenn man beim Verlassen des Bahnhofs seine Karte auf oder sein Ticket in das Lesegerät gibt. Da dieser Zettel hier automatisch gedruckt wurde, enthält er auch die Uhrzeit zum Zeitpunkt des Ausdrucks. An anderen Bahnhöfen werden die Zettel von Bahnmitarbeitern ausgehändigt. Wieder andere Bahnhöfe stellen einfach nur eine Kiste mit Zetteln aus. Einmal sogar erhielt ich einen Zettel mit der Bitte, ihn doch selbst entsprechend auszufüllen XD

Was kann man mit diesen Nachweisen nun machen? Sie sind dafür gedacht, sie bei einem Arbeitgeber oder aber auch der Schule oder Universität vorzulegen, um eine Verspätung, die ohne gute Erklärung eventuell Konsequenzen haben könnte, zu rechtfertigen. Ist das nicht rücksichtsvoll? Die Bahngesellschaften drucken die Nachweise dabei bei jeder Art von Verspätung, egal ob von ihnen verursacht oder ob sie einem Erdbeben oder Taifun geschuldet ist.

Tja, mir persönlich nützen die Zettelchen leider nichts, denn meine Arbeitszeit beginnt, wann immer ich in der Firma ankomme. Und wenn meine Bahn dann eben mal 1 Stunde Verspätung hat, fängt mein Arbeitstag auch erst eine Stunde später als sonst an … und endet eine Stunde später … Ein Hoch auf die Gleitzeit :P

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[Alltag in Japan] Wie man einen japanischen Arztbesuch überlebt

Ich weiß, die Überschrift ist sehr dramatisch. Aber wer Erfahrungen mit Ärzten in Japan hat, wird mir vermutlich zustimmen. Ich will hier niemandem Angst machen, aber wenn man einen gewissen Standard aus seinem Geburtsland gewohnt ist, und das bin ich, können einen Arztbesuche in Japan konsterniert bis geschockt zurücklassen. Besonders, wenn man nicht weiß, was einen erwartet. Und da ich vor 8 Jahren froh gewesen wäre, wenn mich einer mental auf Arztbesuche hier vorbereitet hätte, tu ich das jetzt für euch. Mann, bin ich lieb :P So, was sollte man also wissen oder beachten, bzw. worauf sollte man vorbereitet sein, wenn man in Japan zum Arzt geht?

(Disclaimer: Alles, was ich hier schreibe, beruht auf eigenen Erfahrungen oder Erzählungen von Freunden. Wenn jemand andere Erfahrungen gemacht hat, würde ich mich über einen Kommentar dazu sehr freuen.)

1. Die Krankenversicherung

Beispiel einer Krankenversicherungskarte der kokumin hoken via agara.co.jp

Ich kenne in Japan zwei Arten, sich zu versichern. Einmal die kokumin hoken 国民保険, die staatliche Krankenversicherung, für die man sich beim Rathaus anmelden kann und dessen monatliche Beiträge auf der Grundlage des Einkommens bestimmt werden. Und dann die Krankenversicherung, bei der einen die eigene Firma anmeldet, wenn man einen Job hat, und für die die Beiträge direkt vom Gehalt abgezogen werden. Unter bestimmten Bedingungen kann man bei dieser Art der Krankenversicherung auch Familienmitglieder mit versichern lassen. Das ist u.a. für Hausfrauen in Japan sehr wichtig. Daneben gibt es noch eine Vielzahl an privaten Versicherungen, die meist eher als Zusatzversicherung fungieren. Ich habe keine Ahnung, ob in Japan eine Versicherungspflicht besteht*, aber besonders als Student sind die Beiträge für die kokumin hoken oft so niedrig, dass man das ruhig in Anspruch nehmen sollte. Noch öfters bezahlt sogar die Austausch-Uni die Beiträge.

*Ein Hinweis aus den Kommentaren von Anika: Als Ausländer muss man sich in Japan versichern, wenn man länger als 90 Tage im Land ist. Das gilt auch, wenn man eine Auslandskrankenversicherung hat.

2. Ohne Japanisch wird es schwer

Ich höre öfters, wie sich Leute, die nach Japan ziehen, ob für begrenzte oder unbegrenzte Zeit, darüber beschweren, dass sie hier mit Englisch nirgends so richtig weiterkommen. Als wäre das in Deutschland anders. Will man in einem Land zum Arzt, hat man es immer, immer leichter, wenn man die betreffende Sprache kann. Da stellt Japan keine Ausnahme dar. Einige Ärzte sprechen Englisch, einige Ärzte können sogar Deutsch, aber darauf sollte man sich auf keinen Fall verlassen. Wer sich den Besuch nicht alleine zutraut, der sollte einen Freund o.ä. mitbringen, der übersetzen kann, ansonsten scheitert man oft schon am Fragebogen über den Gesundheitszustand, den man am Anfang eines Arztbesuches fast immer ausfüllen muss.

3. Einen Arzt finden

Einen Arzt finde ich persönlich meist, indem ich in Google den betreffenden japanischen Begriff für den Arzt und meinen Stadtteil eingebe. Dann klicke ich mich durch die Homepages, aber auch durch Erfahrungsberichte auf anderen Seiten. Sich von Freunden Ärzte empfehlen zu lassen, mit denen sie zufrieden sind, ist sicher auch keine schlechte Idee. Als Austauschstudent kann man oft auch von seiner Uni Empfehlungen für Ärzte bekommen. Eine Ärztin zur Behandlung zu finden ist übrigens in Japan meist gar nicht so einfach. Der Großteil der Ärzte ist männlich, auch der der Gynäkologen. Für die meisten Untersuchungen habe ich kein Problem mit einem männlichen Arzt, aber als Frauenarzt habe ich dann doch eher lieber einen weiblichen Arzt.

Man unterscheidet übrigens auch in Japan zwischen Arztpraxen und Krankenhäusern, aber die Grenzen, für was man sich wohin begibt, sind doch etwas fließender und beide Arten von Einrichtungen werden häufig als byōin 病院 bezeichnet. Wenn also ein Arbeitskollege fragt, ob man mit der Erkältung nicht als ins byōin gehen wolle, meint er in der Regel nicht das Krankenhaus, wie uns das im Japanischunterricht immer beigebracht wird ;) Offiziell heißen die Krankenhäuser hier sōgōbyōin 総合病院 und die Arztpraxen meist nur byōin. Auch in den Krankenhäusern werden Routineuntersuchungen vorgenommen, während einige Arztpraxen gewisse Untersuchungen eventuell gar nicht anbieten. So gibt es z.B. Frauenärzte, die ausschließlich auf Schwangerschaften spezialisiert sind und daher weder Krebsvorsorge machen, noch die Pille verschreiben. Anrufen und nachfragen, bevor man umsonst hingeht, kann nie verkehrt sein, zumal viele Praxen auch nach einem Terminsystem arbeiten und man sich dann gleich einen Termin geben lassen kann. Fast alle Ärzte hier in Kanagawa und Umgebung haben übrigens auch mindestens einen Tag am Wochenende geöffnet. Für Routineuntersuchungen muss man also nicht extra einen Tag freinehmen, nur um zum Arzt gehen zu können.

Auch in Deutschland braucht man ja eine Weile, bis man einen Arzt gefunden hat, mit dem man klarkommt. Hingehen, ausprobieren und wenn einen der Arzt nicht passt beim nächsten Mal einen anderen aufsuchen. Mit den Krankenschwestern hier hatte ich bisher noch nie Probleme. Sie waren immer sehr freundlich und überaus hilfsbereit.

4. Die Behandlungskarte

Beim ersten Besuch sollte man natürlich auf jeden Fall die Versichertenkarte nicht vergessen. Auf ihrer Grundlage wird dann häufig eine Behandlungskarte erstellt, die man zur Weiterbehandlung ab dann anstelle der Versichertenkarte vorzeigt. Sie werden als karute カルテ* bezeichnet und ja, der Begriff kommt von dem deutschen “Karte”. Für neue Wehwehchen muss man allerdings die Versichertenkarte wieder mitbringen ;)

*Der gängige Begriff ist wohl shinsatsuken 診察券, aber meine Ärzte nennen das Ding immer karute カルテ XD  Also auf jeden Fall eine visitenkartengroße Karte, die an der Rezeption ausgehändigt wird und die man ab dann anstelle der Versichertenkarte vorzeigen kann ;)

5. Die Atmosphäre

Japanische Praxen sind meist klein, in irgendeiner Pastellfarbe gehalten, von oben bis unten mit Plastik ausstaffiert und häufig leider etwas zugemöhlt. Im Behandlungszimmer eines Arztes lagen mal so viele Bücher und Hefter rum, dass ich den Arzt selbst bei betreten überhaupt nicht gesehen habe. Und ich meine nicht die “Oh, sie haben aber viele Bücherregale”-Art von so viele Bücher und Hefter, sondern die, bei der die Bücher und Hefter einfach überall gestapelt werden, auch in riesigen Türmen auf dem Fußboden.

6. Die Untersuchung

Das, was gerade uns Deutsche meist am meisten an Arztpraxen hier in Japan stört, ist der Mangel an Privatsphäre. Als Regel gilt: Je mehr man für die Untersuchung an Kleidung ausziehen muss, umso mehr Privatsphäre bekommt man, aber ultimativ heißt das häufig nur, dass die Schwestern einen Vorhang schließen, um einen vor den Blicken der anderen Patienten zu schützen. Ja, auch beim Frauenarzt. Beim Augenarzt z.B. fanden 90% der Untersuchung nur einen Schritt von anderen Patienten entfernt statt. Nur für die Netzhautfotos gab es einen getrennten Raum, aber bestimmt auch nur, weil der extrem abgedunkelt werden muss. Auch beim Zahnarzt liegt man häufig nur wenige Schritte von den anderen Patienten entfernt und der Arzt huscht zwischen 3 oder 4 Mündern gleichzeitig hin und her. Ich hatte damit zu Anfang ein großes, großes Problem. Mir war die Untersuchung vor anderen Patienten unangenehm und ich hatte das Gefühl, jeder würde mir und dem Arzt zuhören. Mir war das Ganze wahnsinnig befremdlich.

Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt, oder besser:  gelernt, damit zu leben. Denn es bringt ja nichts, zum Arzt muss ich hier trotzdem. Und man sitzt mit den anderen Patienten im selben Boot. Auch sie werden vor allen anderen untersucht und man kann den Diagnosen lauschen. Den einzigen Vorteil, den sie eventuell haben, ist, dass sie von klein auf dran gewöhnt sind. Und natürlich, dass sie kein europäisches Gesicht haben, mit dem sie gleich doppelt auffallen und natürlich dreist im Warteraum angestarrt werden :P Ich trage beim Arzt oft eine Mundschutzmaske, dann sehe ich wenigstens von weitem so aus, als würde ich dazugehören ;)

Bei den Untersuchungen selbst gibt es immer nur sehr wenig Körperkontakt. So wird bei mir das Herz fast immer ÜBER meinem T-Shirt abgehört und selbst beim Oberkörperröntgen hat der Arzt lieber Minuten damit verbracht, mir zu erklären, wie ich mich hindrehen solle, als mich einmal in die richtige Position zu schubsen. Gesetzlich ist übrigens geregelt, dass immer eine Krankenschwester (sehen wir der Wahrheit ins Gesicht: 99,9% des Krankenpflegepersonals hier ist weiblich) bei der Untersuchung im Raum mit anwesend sein muss, wohl um sexuelle Übergriffe von Ärzten auf Patienten oder auch nur die Anschuldigung, so etwas getan zu haben, vorzubeugen. Ich weiß ja nicht, was hier in einigen Arztpraxen zu abläuft, aber das würde erklären, warum Ärzte nach Möglichkeit auf Körperkontakt verzichten.

7. Die Diagnose

Der einzige Arzt, den ich persönlich bisher getroffen habe, der mir genau erklärte und namentlich nannte, was das Problem bzw. die Krankheit war, ist unser Tierarzt -.- Von dem Rest bekam ich vage bis gar keine Infos (Fallbeispiel 1, Fallbeispiel 2; ich habe noch mehr, hab aber nicht immer über jeden einen Blogeintrag verfasst). Manchmal kann man dem Arzt die Diagnose aus der Nase ziehen, einige bleiben aber auch beim aufdringlichsten Nachbohren wortkarg. Das kann sehr frustrierend sein und auch kontraproduktiv, wenn man der Patientin die Diagnose enthält, ihr dann Schmerzmittel mit lächerlich wenig Wirkstoff mit nach Hause gibt und die Patientin diese Schmerzmittel dann nicht nimmt, weil 60mg einfach mal nichts bringen werden. Hätte der Arzt mir doch nur gesagt, dass er eine Entzündung vermutet und mir daher Antibiotika mitgibt … Zum Glück haben Google und meine Mama für Aufklärung gesorgt, bevor ich die Packung “Schmerzmittel” entsorgte.

Generell hab ich über die Zeit festgestellt, dass ich mit älteren Ärzten männlichen Geschlechts oft nicht klarkomme. Die haben so eine Art einen von oben herab zu behandeln, dass ich mit denen regelmäßig aneinander gerate. Ich weiß nicht, ob da der “Halbgott in Weiß”-Gedanke noch zu stark gelehrt wurde in der Uni. Daher suche ich mir, wenn möglich, einen recht jungen Arzt oder eine Ärztin. Die haben auch kein Problem damit, wenn man ihnen sagt, dass die Medikamente nicht wirken oder man die Diagnose ein wenig anzweifelt, da können die alteingesessenen schon mal etwas grantig werden O_o

8. Zuzahlungen

Auch mit Krankenversicherung hat man als Patient Kosten zu tragen. Mindestens 30%, aber je nach Untersuchung und Behandlung bis zu 100% selbiger nämlich. Meistens halten sich die Kosten in Grenzen (z.B. rund 30 Euro für eine Komplettuntersuchung beim Augenarzt oder 10 Euro für eine Kariesbehandlung beim Zahnarzt), bei größeren OPs hingegen muss man dann schon mal tiefer in die Taschen greifen (bei Kei waren es mal rund 500 Euro für eine OP bei gerade einmal einem Tag Krankenhausaufenthalt). Hier können Zusatzversicherungen abhilfe schaffen. Bei einem Arbeitsunfall deckt der Arbeitgeber diesen Anteil für den Versicherten ab, man muss es beim Arzt nur als Arbeitsunfall angeben und später den benötigten Antrag auf Arbeit stellen.

9. Medikamente

Japanische Ärzte verschreiben sehr schnell Antibiotika. Das macht Sinn in der Hinsicht, dass es sich viele Leute einfach nicht leisten können, lange Zuhause zu bleiben, denn sie müssen dafür ihre Urlaubstage aufbrauchen. Es geht also bei der Behandlung vor allem darum, den Patienten schnellstmöglich in einen Zustand zu bekommen, in dem er wieder arbeiten gehen kann. Was man davon hält, gleich immer mit Antibiotika vollgestopft zu werden, muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich persönlich bin davon nicht der größte Fan und “vertröste” den Arzt mit Antibiotika bei solchen Sachen wir einer Zahnfleischentzündung auf “wenn es in einer Woche nicht besser ist”. Kommt natürlich auch darauf an, wofür man sie bekommt, oftmals braucht man sie ja auch!

Weiterhin wird einem, setzt man sich ein wenig mit der Materie auseinander, auffallen, dass japanische Medikamente häufig geringer dosiert sind als unsere deutschen. Auch das macht wieder Sinn, dann die Dosierung hängt ja meistens vom Körpergewicht ab und Japaner wiegen im Durchschnitt einfach weniger. Wenn mich der Arzt für eine Dosierung nicht nach meinem Gewicht fragt, weise ich meist von selbst noch mal darauf hin, dass ich etwas mehr wiege, als die Durchschnittsjapanerin. Dann wird ab und an noch mal nach oben korrigiert. Ein Kollege von mir durfte seine Angina extralange mit sich rumschleppen, weil der Arzt ihn wie einen durchschnittlich schweren Japaner dosiert hat und die Medikamente so einfach keine Chance hatten.

Die Medikamente bekommt man beim Arzt selbst, wenn er sie auf Vorrat hat, und sie werden dann auf die Rechnung draufgeschlagen. Oder aber man begibt sich in eine yakukyoku 薬局, eine klitzekleine Apotheke, die sich meist gleich neben einer Arztpraxis befindet. Nicht zu verwechseln mit kusuriya 薬屋, die eher so etwas wie unsere Drogerien sind. Medikamente, die nicht verschreibungspflichtig sind, kann man dort allerdings in großer Auswahl erhalten.

Man erhält die Medikamente übrigens abgezählt, so dass sie genau bis zum nächsten Termin beim Arzt reichen, und keine Tablette mehr! Statt die Tabletten in der Originalverpackung auszuhändigen, werden sie in ein Tütchen umgefüllt, statt dem Beipackzettel bekommt man eine abgespeckte Erklärung mit Bild, die kaum was über Nebenwirkungen aussagt. Ich schlage die Medikamente dann meist online nach. Den Namen in Katakana auf Wikipedia eingeben, und wenn man immer nur noch Bahnhof versteht, einfach den zugehörigen deutschen oder englischen Wikipedia-Eintrag anklicken und schon weiß man genauer, was man da in der Hand hält (und manchmal auch dann erst, was der Arzt bei einem vermutet, siehe die Story mit den “Schmerztabletten”, die Antibiotika waren). Meiner Zimmergenossin an der Tōkai hatte man damals bei einer Mittelohrentzündung auch Allergietabletten mit ins Tütchen geschummelt, obwohl sie protestierte, sie hätte ihre eigenen und würde daher keine brauchen. Durch ein wenig Recherche ließ sich herausfinden, welche die Allergietabletten in der Tüte waren und sie hatte so wenigstens die Freiheit zu entscheiden, ob sie diese zusätzlich zu ihren eigenen nehmen wolle oder nicht. Der Grad an Entmündigung hier ist in der Hinsicht auch etwas, was manchmal etwas schwer zu schlucken ist …

Sind die Medikamente dann aufgebraucht, hat man meist schon den Termin zur Nachuntersuchung. Behandlungskarte nicht vergessen und dann geht der Spaß von vorne los :P

Und das ist erst einmal alles, was mir zu einem Arztbesuch in Japan einfällt. Der Eintrag ist doch etwas länger geworden, als erwartet XD Ich hoffe, der Beitrag hilft dem einen oder anderem weiter und ich freue mich, wenn ihr in den Kommentaren eure Erfahrungen – ähnlich oder vollkommen anders – teilt ;)

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