[Unterwegs] Wo kann man eigentlich Cabypara streicheln?

Es gibt so Themen, über die ich eigentlich schreiben wollte, aber die dann irgendwie untergingen. Dieses hier fiel definitiv dem Vor- und Nachbereitungsstress meiner Dienstreise nach London zum Opfer und kam mir erst wieder in den Sinn, als ich eine Suchanfrage sah, mit der ein Benutzer auf meine Seite weitergeleitet wurde: Wo kann man Capybara streicheln? Nun, die Frage kann ich beantworten!

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Da gibt es zum einen das „Königreich der Tiere“, 神戸どうぶつ王国 kōbe dōbutsu ōkoku, in Kōbe, das ich zur Golden Week vor drei Jahren mit Kei besuchte.

Nicht ganz so bequem zu erreichen, aber mindestens genauso vollgestopft mit Capybara ist hingegen unsere neueste Entdeckung: der Aloha Garden Tateyama in Chiba. Die Homepage empfiehlt zur Anreise eine Kombi aus Bus und Bahn oder Auto und Fähre. Während wir uns auf der Hinfahrt die 3 Stunden mit dem Auto gegeben haben, nahmen wir für die Rückfahrt die Fähre in Anspruch, denn …

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… wie viel Umweg man sich hier spart!!! Und einer Fährtfahrt bin ich ja nie abgeneigt und komme auch später noch mal dazu 😉

Blog_2018-10-06 12.57.50Der Aloha Garden Tateyama kommt genauso kitschig daher, wie der Name es vermuten lässt. Dass bei unserer Ankunft der Moana-Soundtrack spielte, unterstrich nur, was wir von Anfang an vermutet hatten: alles war auf Hawaii ausgerichtet. Hawaii auf Budget mit ganz vielen Stereotypen im Kopf. Leis an allen Ecken und Enden, Acerola-Bowls im Café und einer Hula-Tanzeinlage zur Mittagsstunde. Aber wir waren ja hauptsächlich für die Capybara hier und von denen gab es reichlich!

Zum einen gibt es ein Gehege, in denem die jungen Capybara untergebracht sind. BABY-CAPYBARA, Leute! Gibt es was Besseres???

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Capybara sind im Prinzip Meerschweinchen im Großformat, aber mit dem Gemüt eines Meerschweinchen, das weiß, dass es Übergroß daherkommt und sich deshalb vor nichts fürchten muss. Sie sind einfach komplett tiefentspannt und das gilt schon für die kleinsten von ihnen.

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Die erwachsenen Capybara sind in einem anderen Gehege untergebracht und genauso entspannt wie ihre Mini-Mes. Sie liegen in der Sonne oder im Schatten und kauen genüsslich auf ihrem Heu.

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Richtig Bewegung kam ins Gehege, als wir uns für 100 Yen einen mit Gemüse gefüllten Eimer besorgten. Plötzlich wurden die Capybara richtig zielstrebig, schubsten sich gegenseitig aus dem Weg und kletterten an uns hoch. Erst, wenn man den Beweis erbringt, dass der Eimer auch WIRKLICH leer ist, …

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… kehrt wieder entspannte Ruhe ein. Capybara um Capybara floppt auf die Seite und wartet auf Streicheleinheiten.

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Welche nach einer Weile übrigens ganz schön an die Haut gehen, denn Capybara sind richtig borstig. Warum eigentlich??? Ein Capybara so weich wie ein Meerschweinchen wäre doch das ideale lebendige Kuscheltier!

So, was kann man neben dem Capybara-Highlight, für das allein sich die Anreise meiner Meinung schon lohnt, sonst noch so im Park machen?

Meerschweinchen angucken! Sie hatten sogar das größte Gehege, was ich für Meerschweinchen in Japan je gesehen habe! So viel Platz zum Rennen!

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Blog_IMG_0472Weniger toll fand ich hingegen die auf Tischen in Schuhboxen zum Kuscheln bereitgestellten Meerschweinchen. Vor Angst zitternd versuchten sie, sich unter dem wenigen Heu, das sie hatten, zu verstecken. Sie taten mir im Vergleich zu den anderen Meerschweinchen so leid, dass ich sie kurzerhand aus den Boxen sammelte und in das große Gehege setzte. Sorry. Not sorry!

Eine Ziege ausführen! Ja, ihr lest richtig! Wir führten eine Ziege spazieren. Das klappte ausschließlich, weil man uns eine Dose Knabberzeug in die Hand drückte, der die Ziege begeistert folgte. Unsere Aufgabe war dann, darauf zu achten, dass uns das Knabberzeug nicht ausgeht, bevor wir die Runde schaffen XD

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Blog_2018-10-06 14.22.38 HDRVögel mit Zuckerwasser füttern! Das war eine der nervenaufreibenderen Aktivitäten, die man sich geben konnte. Die Vögel LIEBEN das Zuckerwasser und kommen kreischend angeflogen, zanken sich laut, versuchen, sich gegenseitig vom Becher zu stoßen, und wenn das alles nicht hilft, auch schon mal einem den Becher aus der Hand zu hauen. Zugucken war lustig, aber mein Trommelfeld war bedient XD

Neben den bereits genannten Tieren gab es auch noch Enten, …

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… Schildkröten, …

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… Lamas und im Gehege mit den Baby-Capybara zusammen Hasen, aber die waren alle eher nicht so kuschelbedürftig.

„Hawaiianisch“ essen! Wir wäre es mit Paineapple? 😛

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Mitbringsel kaufen! Chiba ist bekannt für seine Erdnüsse und sein Maskottchen ist eine Katze in Erdnussform. Wieder was gelernt 😛

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Einfach die Atmosphäre genießen! Wir hatten blauen Himmel, Palmen und das Meer. Was braucht man mehr?

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Eine Fährtfahrt! Das braucht man mehr! 😛 Hätte ich von Anfang an davon gewusst, hätte ich schon auf unserer Hinfahrt darauf bestanden! Was man an Zeit spart! Mit 730 Yen pro Person und etwas mehr als 2000 Yen pro Auto sicher kein günstiges Vergnügen, aber eine Tankfüllung und die Autobahn kosten auch. Und ich LIEBE Fährfahrten.

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Sie erinnern mich an Sommerurlaub in Norwegen in meiner Kindheit. Während sich alle anderen Passagiere unter Deck verzogen, standen Kei und ich die gesamte Zeit über an der Reling, ließen uns den salzigen Wind um die Nasen blasen und beobachteten den Sonnenuntergang.

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Was für ein fantastischer Abschluss zu einem fantastischem Tag. Ich war die ganze folgende Woche so energiegeladen. Die Macht der Capybara!

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Alle Jahre wieder: Die Grippewelle zieht durchs Land

„Wegen Grippe gehe ich heute früher nach Hause. Ich entschuldige mich für eventuelle Unannehmlichkeiten.“

Mir und meinen Kollegen fiel fast alles aus dem Gesicht, als wir gestern gegen 17 Uhr diese Mail in unseren Posteingängen hatten. Unser Manager war WISSENTLICH mit Grippe zur Arbeit gekommen und fast den ganzen Tag geblieben. Da hört selbst in Japan der Spaß auf! Mit Erkältung zur Arbeit kommen, da kriegt man noch ein Fleißbienchen für. Du großartiger Angestellter, der du dich für die Firma aufopferst. Aber nicht bei Grippe, denn die ist höchst ansteckend. Derzeit rollt eine Grippewelle durchs Land und in 42 von 47 Präfekturen herrscht höchste Warnstufe. Sollte nun auch bei uns die Grippe durch die Abteilung gehen, wissen wir, wer Patient Zero war. Helfen wird uns das dann nicht viel. Dabei kann sicher nicht nur ich auf eine Wiederholung unserer letzten Grippewelle im Büro vor 3 Jahren verzichten. Irgendwie habe ich das Gefühl, die Grippe ist hier auch krasser als zu Hause. In Deutschland war ich jedenfalls noch nie drei Tage am Stück im Fieberdelirium.

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Wenig begeistert von all den kranken Kollegen …

Was macht man nun in Japan, um sich irgendwie vor diesen unmöglichen Mitarbeitern zu schützen? Oft Hände waschen/desinfizieren und Masken tragen. Mit letzterem kann man sich auch ein wenig gegen die Kollegen wappnen, die denken, ihre Erkältung würde sich gut im Büro machen. Denn während man damit bei japanischen Kollegen vielleicht noch Pluspunkte sammeln kann, treiben mir diese Leute Zornesfalten auf die Stirn. Ich weiß, ich weiß: Manchmal hat man wirklich keine Wahl. Verstehe ich alles. Kommt bei jedem Mal vor. Aber sogar die Freelancer??? Ihr könnt doch von zu Hause arbeiten! Sorry, aber um mich herum hustete und schniefte heute ALLES – als wäre plötzlich eine Zombieapokalypse ausgebrochen und immer mehr Leute fielen ihr zum Opfer.

Und wenn dann jedes Büro und jede Abteilung ihre paar Pappenheimer hat, die sich trotz Erkältung und/oder Grippe zur Arbeit schleppen, überrascht eine Grippewelle im Land dann auch gar nicht mehr. Masken sind kein Wundermittel, und ein von einer Erkältung geschwächter Körper ist erst mal so richtig schön anfällig für Grippeviren.

Was war jetzt eigentlich der Sinn dieses Posts? Vermutlich wollte ich einfach nur mal meckern. Ich hoffe, der Spuk ist bald vorbei. Im Sommer hasse ich die Luftfeuchte ja, aber wenn sich die Grippeviren in der trockenen Luft draußen wie drinnen so RICHTIG wohlfühlen, fehlt sie mir.

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[Themencafé] Das Pokémon Café

Blog_2018-12-14 19.53.24Wir springen jetzt in der Zeit zurück in den Dezember, aber da ich meinen Besuch im Pokémon-Café in Nihonbashi 日本橋 mit meinen Kolleginnen nicht unterwähnt lassen möchte, wird man mir verzeihen 😛

Ursprünglich wollten wir ja EIGENTLICH ins zeitlich begrenzte „Pokémon Let’s Go Pikachu & Eevee Café“ (Was für ein Name O_o) in Ikebukuro, aber da man dafür keine Plätze reservieren kann, sondern kommen und sich anstellen muss, und teilweise an Wochentagen Wartezeiten von über 3 Stunden erreicht werden, dachten wir, das permanente Pokémon-Café tut es auch. Blog_2018-12-13 19.50.10

Über die Homepage des Cafés kann man Plätze reservieren und sich für einen von fünf Sitzbereichen entscheiden: Pikachu, Pummeluff, Lapras, Relaxo und Evoli. Wer ganz nah dabei sein will, wenn ein Überraschungspokémon durch das Café geführt wird, Hände schüttelt und brav für Fotos posiert, sollte sich für Pikachu (Tische am Fenster, gut für Gruppen) oder Lapras (Countersitze, gut für Zweiergruppen) entscheiden, denn nur dort sind die Gänge groß genug für das Pokémon, um direkt an die Tische zu kommen. Von den anderen Bereichen aus darf man leider nur zuwinken und für ein Foto angelaufen kommen, sobald das Pokémon auf dem Foto-Spot steht. Dreimal dürft ihr raten, wo wir saßen 😛

Bei uns schneite Evoli zu einem Besuch vorbei.

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An anderen Tag ist es wohl Chefkoch Pikachu. Der Auftritt war natürlich sehr auf Kinder ausgerichtet, auch wenn die in absoluter Unterzahl waren, aber alle anwesenden Erwachsenen hatten genauso viel Spaß 😛

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Das Essen ist natürlich thematisch passend gestaltet. Wir hatten den Relaxo-Burger, das Pikachu-Curry und ein Pikachu-Po-Omuraisu als Hauptgericht …

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… und Pummeluff-Käsekuchen, Mimik-Schokoladenbananen-Crêpe und einem Pokéball-Donut (Wusstet ihr, dass die auf Japanisch ganz langweilig „Monsterball“ heißen und mich hier nie einer versteht, wenn ich vom Pokéball rede?) als Nachtisch.

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Highlight und gleichzeitiges Dilemma des Tages war das Menü für die zur Auswahl stehende Latte-Art. 151 Designs.

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Wir brauchten eine Ewigkeit, um uns zu entscheiden. Das Café ist sowieso schon nicht billig, aber hier fiel ich beim Blick auf den Preis dann doch fast vom Stuhl: 756 Yen für eine Tasse Kaffee. Aber sie war groß. Und das Design fantastisch. Ich war mir nicht ganz sicher über die Qualität und bestellte ein Pummeluff-Design – bei runden Dingen kann man ja nicht viel verkehrt machen – aber selbst die komplizierteren Designs sahen 1A aus! Wie konnte ich nur zweifeln? 😛

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Übrigens der beste Kaffeeschaum, den ich jemals in Japan vorgesetzt bekommen habe!

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Ich habe Beute gemacht!

Nachdem wir fast am Platzen waren, meine Kolleginnen alle im Café verfügbaren Pokémon weggefangen (Ich spiele ja kein PokémonGo mehr, da hier, wo ich wohne, sowohl bei Pokémon als auch bei Arenen und allem anderen totale Flaute herrscht), wir Evolis Hand geschüttelt und viel zu viele Fotos gemacht hatten, waren unsere 90 Minuten auch schon um. Natürlich verfielen wir dem Goodie-Bereich an der Kasse und klatschten jeder noch eine Evoli-Tasse auf unsere sowieso schon nicht günstige Rechnung obendrauf. Egal! Wir hatten viel Spaß! Definitiv eine meiner besseren Themencafé-Erfahrungen hier. Ich habe auch alle Untersetzer unterhalten, die mir zustanden 😛

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[Unterwegs] Hatsumode in Yamanashi

Irgendwie werden diese Blogpausen zum Jahresende hin immer länger ^^; Aber Arbeit war nicht gnädig mit mir die letzten Wochen vor meinem Winterurlaub, und so schön der Besuch bei meinen Eltern über Weihnachten und Neujahr ist, die Vorbereitungen und das Packen und der Hinfug und der Abschied und der Rückflug usw. sind auch keine wirklich Erholung. Wir gönnten uns daher letztes Wochenende einen Ausflug nach Kōfu 甲府 in Yamanashi 山梨, um genau diese Erholung nachzuholen. Wie wir genau auf Stadt und Präfektur kamen, weiß ich gar nicht mehr genau, aber wir fanden dort auch gleich noch einen Schrein, an den wir unserem ersten Schreinbesuch des neuen Jahres nachholen konnten. Wir sind da ja immer recht spät dran, aber dieses Mal waren viele andere zusammen mit uns spät dran und wir mussten überall anstehen O_o Passiert uns sonst nur an den großen Schreinen in Tōkyō oder Hiratsuka, aber eventuell ist der Takeda-Schrein 武田神社 ja auch so ein großer Schrein und wir wussten nur nichts davon XD

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Wir sprachen unser Neujahrsgebet, kauften neue Glücksbringer, brachten unseren Wunsch auf einem ema 絵馬 an und zogen Orkal, die etwas besser hätten sein können, aber zum Glück kann man sie ja am Schrein lassen, damit die Götter sich um den negativen Kram kümmern 😉

IMG_1132_BlogNun sind wir also im Jahr 2019 – im Jahr des Schweins nach dem chinesischen Kalender. Für Kei ein Jahr der Reflexion, für mich angeblich ein finanziell supertolles Jahr – na, das hört man doch gern 😛 Ich bin nun auch endlich aus meinen drei Unglücksjahren raus – ja, man hat Vorunglück 前厄, das tatsächliche Unglücksjahr 厄年 und dann noch Nachunglück 後厄 – bevor ich in die nächsten Unglücksjahre meiner 30er stolpere. Etwas, das nur uns Frauen vorbehalten ist, denn wir sind vier mal im Leben dran, Männer nur drei Mal. Na vielen Dank auch! 😛

Kōfu hat einen großen Bahnhof, ist aber trotzdem noch ländlich und Busse kommen meist nur ein bis zwei Mal die Stunde. Wir liefen daher sowohl den Weg zum Schrein hin als auch zurück zu Fuß und brauchten daher im Anschluss erst einmal eine Stärkung. Ich bestand auf hōtō! Hōtō sind ein regionales Gericht aus Yamanashi, für das flache Nudeln (ich habe sie bisher immer als eine Art udon bezeichnet, aber das mögen die Leute aus Yamanshi wohl nicht, weil der Herstellungsprozess ein anderer ist) und Gemüse in Misosuppe gekocht werden. Es gibt viele Variationen – ich hatte Curry-hōtō und Kei seine in Muschelsuppe gekocht – und sie sind wahnsinnig wärmend und füllend. Genau das Richtige für einen so kalten Tag wie diesen.

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Danach hatten wir genug Energie, um noch durch die Ruinen der Kōfu-Burg 甲府城跡 (auch als Maizuru-Burg bekannt) zu laufen. Das klingt jetzt spannender, als es ist, denn eigentlich ist von der Burg gar nichts mehr übrig, nur noch Park und Anhöhe …

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… aaaber genau diese Anhöhe bietet bei schönem Wetter eine fantastische Aussicht auf den Fuji-san :3

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Generell ist man in Yamanashi so nah am Fuji dran, dass man ihn von fast überall zu sehen bekommt. Der Funkturm oder was das da sein soll hat dezent gestört, aber wenigstens die Sicht nicht komplett versperrt. Aber ganz ehrlich mal: Den hat doch da jemand aus reiner Böswilligkeit hingestellt!

Mehr haben wir an dem Tag dann auch nicht mehr gemacht, denn wir wollten ja Erholung. Wie zogen uns also ins Hotel zurück, gingen ins onsen, aßen in einem der vollkommen überteuernden Hotelrestaurants zu Abend und lagen sonst nutzlos im Zimmer rum und machten einfach gar nichts. Auch mal schön 😛

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Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt

Wer mich kennt, weiß, dass ich ohne meinen Kindle im Normalfall nicht das Haus verlasse. Dabei war ich damals, als das erste Modell rauskam, noch ein ganz überzeugter E-Book-Gegner. Nur echte Bücher sind das Wahre und so! Nun mag ich „echte“ Bücher immer noch, habe aber in einer japanischen Standardwohnung mit Standardplatz schnell die Vorteile einer digitalen Büchersammlung erkannt. Besonders für Leute wie mich, die gerne Bücher hamstern – es gibt sogar einen japanischen Begriff dafür: tsundoku 積ん読. Lesen tue ich die Bücher irgendwann alle, nur eben nicht sofort 😛

Als sich mein Kindle am Mittwoch dann plötzlich weigerte, sich mit dem Internet zu verbinden und mein neuestes Buch zu laden, war guter Rat teuer. Mehrmaliges Neustarten des Kindles brachte nichts, und obwohl alle meine anderen Geräte problemlose mit dem Internet verbunden waren und es daher eigentlich gar nicht die Schuld unseres WLANs sein konnte, startete ich auch selbiges neu. Ebenfalls mehrmals. Nichts. Die Amazon-Supportseite hatte noch ein paar weitere Tipps, die ich alle probierte, u.a. einen Reset des Kindles, der alle meine Bücher und Sammlungen von selbigem löschte, die Internetverbindung aber nicht wiederherstellte. Nun stand ich also da, mit einem komplett leeren Kindle. Und keiner WLAN-Verbindung, um meine Bücher wieder runterzuladen. Toll.

Zum Glück kann man sein Kindle auch über die USB-Verbindung seines Computers wieder mit Büchern vollpacken. Es ist eine Heidenarbeit, will man alle haben, denn alle auf einmal auswählen und schicken geht wieder nur über eine Internetverbindung. Über USB muss man jedes Buch einzeln aus seinem Amazon-Account auf den Kindle runterladen. Und in meinem Fall kamen die alle ohne Cover an. Aber nein, das macht mir gar nichts aus. Unsortierte, coverlose Bücher haben ich am liebsten … T__T Aber gut, wenigstens hatte ich Bücher für die Fahrt zur Arbeit.

Als ich am Abend nach Hause kam, schnappte sich Kei meinen Laptop und setzte sich per Chat mit dem Amazon-Kundenservice in Verbindung. Ein Herr Rin ließ uns noch mal alle Schritte der Amazon-Supportseite ausführen, die ich am Morgen schon mehrmals durchgegangen war und die mich am Ende wieder mit einem komplett leeren Kindle sitzen ließen. Herr Rin entschuldigte sich, unser Problem würde seinen Aufgabenbereich überschreiten und er würde uns daher weiterleiten. An Herrn Miyamoto. Der ließ uns noch mal alle Schritte der Amazon-Supportseite ausführen und kam dann, als das – Überraschung! – nichts brachte, schnell zu dem Urteil: „Da kann man nichts machen. Sie werden sich einen neuen Kindle besorgen müssen. Wir geben Ihnen auch 15% Rabatt.“ Ach, na vielen lieben Dank. Wie reizend aber auch.

Ich hatte nach diesem doch enttäuschenden Erlebnis mit dem Kundensupport nicht wirklich Lust, mir gleich einen neuen Kindle zu kaufen. Pah, was fällt denen eigentlich ein?! Als wäre der Kindle der einzige E-Reader auf dem Markt! Wer sagt mir denn, dass sich mein nächster Kindle nicht auch nach 4 Jahren ganz mysteriös aufhängt und die Lösung des Problems nur wieder der Kauf eines neuen Kindles ist? Der Gutschein hat laut Herrn Miyamoto kein Verfalldatum, und mein Kindle lässt sich ja über meinen Computer mit Büchern bestücken … ohne Cover … *grrr* …

„Du könntest natürlich auch meinen Kindle benutzen“, schlug Kei plötzlich vor. „Ich benutz den doch eh nicht.“ Hach, dieser gute Mann! Womit habe ich ihn nur verdient? Großzügig wollte mir Kei also seinen Kindle überlassen und ging ins Menü, um sich von  seinem Konto abzumelden. „Seltsam. Klappt nicht. Ich starte mal neu.“ Was nach dem Neustart geschah, wird euch schockieren! Jepp, wir hatten nun doch tatsächlich ZWEI Kindle, die sich weigerten, sich mit dem Internet zu verbinden. FANTASTISCH. Wir fühlten uns ein wenig wie in einer Komödie, aber so richtig zum Lachen war es nicht.

Da es beide Kindle betraf, konnte es tatsächlich doch irgendwie am Internet liegen, dachten wir. Oder an einem Update. Wir googelten und fanden andere Betroffene, aber das Phänomen verteilte sich irgendwie nicht nur auf verschiedene Monate, sondern ganze Jahre. Hmpf. Kei probierte ein wenig mit den Interneteinstellungen rum, aber es half nichts. Nächster Plan: Am Wochenende irgendwo einen Starbucks finden und gucken, wie es den Kindles dort mit dem WLAN gefällt.

Soweit kam es aber gar nicht erst.

Am Freitag – Dank dem „Tag der Arbeit“ hatten wir frei – saß ich gemütlich unter unserem kotatsu. Im Bad lief die Heizung zum Wäschetrocknen – fancy, ich weiß – und im Fernsehen irgendwas auf Netflix. Der Luftbefeuchter lief auch. Und plötzlich bekam ich Durst und setze Teewasser auf. Das war dem Stromkasten schon zu viel und die Sicherung flog raus. Im Winter passiert uns das vergleichsweise häufig, gerade wenn wir an richtig kalten Tagen auch noch die Klimaanlage laufen lassen. An Wochentagen kann ich mir z.B. erst die Haare föhnen, wenn Kei sein Toast fertig getoastet hat. Ansonsten fliegt wieder die Sicherung raus.

Nachdem wir nach diesem kurzen Stromausfall wieder alles Minus dem Luftbefeuchter aufgesetzt hatten, scherzte Kei kurz, dass es irgendwie lustig wäre, wenn unsere Kindle sich jetzt wieder mit dem Internet verbinden würden. Es wäre lustig. Und das ist genau, was passiert ist. Ich habe keine Ahnung, welche Auswirkungen die rausgesprungene Sicherung auf den Router hatte, die meine 10 Reboots mit mindestens 3x komplett Stecker ziehen nicht hatten, aber ich hinterfrage die Sache mal nicht, sondern freue mich, dass ich nun doch keinen neuen Kindle kaufen muss. Auch wenn ich 15% Rabatt gekriegt hätte 😛

Also, was lernen wir aus der Sache? Bevor ihr ein defektes Gerät ersetzt, immer erst mal den Stromkreis überlasten – Anwendung auf eigene Gefahr 😛

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[Unterwegs] Auf Herbstlaubjagd in Nagano

Entgegen der landläufigen Meinung des allgemeinen Japaners ist Japan nicht das einzige Land mit Jahreszeiten, aber man begeht sie hier schon ganz besonders intensiv, das muss ich ihnen lassen. Im Frühling, wenn die Temperaturen langsam ansteigen und es in der Sonne sogar schon richtig warm werden kann, stürmt alles nach draußen, um sich an den Kirschblüten sattzusehen. Das Äquivalent dazu im Herbst, wenn der Sommer und seine tödlichen Temperaturen sich endlich verabschiedet haben, die Luftfeuchte nachlässt und man draußen endlich wieder atmen kann, ist das Herbstlaub, auf Japanisch momiji oder auch kōyō genannt und beides übrigens mit den gleichen Kanji 紅葉 geschrieben. Und genau wie die Kirschblüte zeigt sich das Herbstlaub in einigen Regionen früher als in anderen. Während wie hier in Kantō oft bis Anfang Dezember warten müssen, kann es in den Höhen von Nagano bereits Mitte Oktober so weit sein. Also im Prinzip das gleiche Timing wie in Berlin, wenn ich mich recht erinnere. Wenn nicht, möge man es mir verzeigen – ich bin seit 4 Jahren ausschließlich im Winter dort 😛

Während wir die ersten zwei Tage unserer momiji gari 紅葉狩り – der Herbstlaubjagd – mit dem Wetter leider nicht ganz so viel Glück hatten wie gehofft, wurden wir am dritten Tag mit Sonnenschein belohnt. Wie immer bedeutet das mehr Touristen, mit denen man sich dann rumschlagen muss, aber man kann ja nicht alles haben, was? 😉

Ein empfehlenswerter Ort für die Herbstlaubjagd ist der Yachihokōgen-Park 八千穂高原自然園 in Minamisakugun 南佐久郡. Hier gibt es ein ganzes Gebiet, das gleich mal Herbstlaubgarten モミジの園 am Herbstlaubwasserfall モミジの滝 getauft wurde. Poetisch!

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Und dort war der Name dann auch Programm. Während wir am verregneten Freitag fast den ganzen Park für uns allein hatten, mussten wir ihn uns am sonnigen Sonntag aber mit mehreren Reisegruppen teilen. Zum Glück verteilten sich die Massen im Park ganz gut, obwohl nicht alle Bereiche zugänglich waren, denn Nagano hatte eine Weile mit starken Regenfällen und Taifunschäden zu kämpfen, die auch den Park in Mitleidenschaft gezogen haben. Aber der Herbstlaubpark am Herbstlaubwasserfall war nicht betroffen 😉

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Der Park ist auch so angelegt, dass es in fast jeder Jahreszeit (richtig tiefen Winter mal ausgenommen) was zu gucken gibt – z.B. Kischblüten im Mai und Lilien im August. Warum schreibe ich richtig tiefer Winter? Weil es sich zeitweise im Oktober schon wie tiefer Winter angefühlt hat. Ohne Daunenjacke kommt man zu dieser Zeit besser nicht her, und ich war dieses Mal nach dem Kälteschock zur Golden Week auch eindeutig besser vorbereitet XD

Im Anschluss an seinen Spaziergang im Park kann man es sich im angeschlossenen Restaurant vor dem Kamin gemütlich machen und futtern.

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Kei fand seine soba eigentlich ganz toll, bis dann mein katsudon kam. Also, wer nimmt denn auch Nudeln, wenn er Fleisch haben kann? 😛 Große Empfehlung auf jeden Fall. Irgendeine auf irgendeine besondere Weise in Nagano gezüchtete Schweinesorte. Natürlich war ich eine liebe Frau und überließ Kei eines meiner drei Stücke 😛

Ein anderer Ort, der in Nagano für sein Herbstlaub bekannt ist, ist der Shirakoma-See, doch der liegt noch mal ein paar Meter höher und damit hatte sich das Herbstlaub hier leider schon verabschiedet, als wir ankamen. Das hielt Reisebusse nicht davon ab, Massen von Touristen hier abzuladen, aber die Enttäuschung stellte sich bei vielen schnell ein. Ich hingegen hatte viel Spaß mal wieder ein Set an Vorher-Nachher-Bildern zu schießen, denn bei unserem letzten Besuch hier – damals wollten wir eigentlich Moos sehen – war alles zugeschneit gewesen.

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Gab es denn dieses Mal Moos zu sehen? Na ja, ein wenig. Leider hat es wohl auch sehr unter dem letzten Taifun gelitten.

Ein Ort, den wir gar nicht so richtig als Herbstlaub-Sightseeingspot auf den Radar hatten, war dann tatsächlich der Megami-See 女神湖 in der Nähe unserer Pension. Anscheinend waren wir da aber die einzigen, denn die Pension war genau aus diesem Grund an dem Wochenende komplett ausgebucht und wir sahen auch immer mal wieder Reisebusse an den See fahren, Touristen ausspucken und nach 20 Minuten wieder einsammeln. Wir hatten durch Zufall genau das Wochenende der Hochsaison der Herbstblattfärbung in Tateshina ausgewählt XD Mehrmals machten wir daraufhin natürlich die drei Tage über Spaziergänge an den See, und jedes Mal zeigte er sich uns in einem etwas anderem Licht.

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Kurz vor dem Regen

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Strahlende Farben in der Sonne

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Im Nebel

Während es draußen zwischen sonnig und regnerisch hin und her schwankte, war es in den meisten Häusern dank Kamin immer gemütlich. Manchmal hätte ich hier auch gerne einen. Aber gut, ein kotatsu ist auch nicht schlecht 😛

IMG_0870Hier in Tōkyō müssen wir, wie gesagt, auf das Herbstlaub noch ein wenig warten. Hoffentlich bekomme ich dieses Mal etwas mehr davon mit. Letztes Jahr hat es ja ständig geregnet und ich kam nur am Samstag meiner Weisheitszahn-OP dazu, auf dem Hinweg zum Zahnarzt ein wenig Herbstlaubbilder zu schießen. Na ja, sollte mir das dieses Jahr wieder passieren, habe ich in Nagano wenigstens schon vorgeherbstlaubtet 😛

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Vielleicht bin ich es, London. Vielleicht bist es aber auch du.

2018-09-15 05.18.47Meine Firma hat einen Sitz in London, und einmal im Jahr im September wird eine Delegation an (Un)Freiwilligen zum regen Austausch genau dorthin geschickt. Dieses Jahr hat es mich getroffen. Ich war von Anfang an nicht besonders begeistert von der Idee, denn Dienstreisen sind an sich ja schon anstrengend, wenn man dafür nicht mehrere Ozeane überqueren muss. Nun sollten wir aber auch insgesamt nur 4 volle Tage da sein. Soll heißen: Kaum hat man sich vom Jetlag nach dem Hinflug erholt, geht es wieder zurück. Fantastisch geplant!

Nun gab es aber keinen Weg daran vorbei und ich versuchte also, mir die wenige Zeit, die ich in London hatte – einer Stadt, in der ich vorher übrigens noch nie gewesen bin – so schön wie möglich zu machen. Ich bestand daher auf einen Nachtflug am Freitag, mit dem ich am Samstag um 6 Uhr morgens in London landen würde, so dass ich das gesamte Wochenende Zeit für Sightseeing hatte. Meine Eltern entschieden spontan, dass sie ihre Tochter schon lange genug nicht mehr gesehen hatten und kamen für das Wochenende auch nach London. Und wir nahmen an Sightseeing mit, was wir in den zwei Tagen mitnehmen konnten. Wir hatten auch wirklich unglaublich gutes Wetter und ich musste nur ein einziges Mal für 5 Minuten meinen Schirm auspacken. Für London wirklich ein kleines Wunder, bestätigte man mir immer wieder.

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Wir waren beide Tage von früh morgens bis spät abends unterwegs und bestritten fast alle unsere Wege zu Fuß. Im Hotel fiel ich jeden Abend einfach nur tot ins Bett. Ein Jetlag hatte so nicht den Hauch einer Chance und ich war am Montag ausgeschlafen wie niemand sonst im Team bereit für den Meetingmarathon, der uns von Montag Morgen bis Mittwoch Abend erwartete. Und natürlich das gemeinsame Essen an allen drei Tagen nach der Arbeit nicht vergessen! Gut, ich will mich nicht beschweren. Man tischte reichlich für uns auf.

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2018-09-18 12.29.16Der Dienstag, an dem wir das Meeting mit frischem Gebäck starteten, zum Mittag vier Wagenräder Pizza ins Büro bestellten, uns den Nachmittag mit Cupcakes versüßten und am Abend dann trotzdem noch in ein Restaurant gingen, in dem kein Steak kleiner als 300g war, wurde jedoch beinahe zu meinem Untergang. Ich bin doch solche Riesenportionen nicht mehr gewohnt T_T Und so sozial und auch bei Kräften, dass einem so ein Monsterprogramm nicht irgendwie zusetzen würde, muss man auch erst einmal sein. Ich war es nicht und schleppte mich seit Dienstag mit einer Erkältung rum. Tolle Wurst! Vielleicht lag es aber auch am Zigarettenrauch überall auf den Straßen …

Und dann kommen wir doch mal dazu, wieso dieser Blogpost so heißt, wie er es tut: London hat mir in der kurzen Zeit leider nicht so gut gefallen, wie ich es mir aus der Ferne immer ausgemalt hatte. Woran lag das? Nun, zum einen setzte sich mein Bild über das moderne London vermutlich ausschließlich aus Episoden von Doctor Who zusammen. So was ist ja schon immer mal eine fantastische Grundlage. Und dann hatte ich zugegebenermaßen auch einen etwas holprigen Start in der Stadt, und es wurde über die Zeit irgendwie nicht so viel besser.

Meine Firma übernahm die Kosten für ein Taxi vom Flughafen in mein Hotel, und damit ich an der Taxischlange in Heathrow nicht ewig warten muss, reservierte ich eines online. Da die Angaben, wo es auch mich warten würde, mehr als kryptisch waren, brauchte ich etwas, um mein Taxi zu finden. Gut, ich hätte mich für 5 Pfund zusätzlich zu den für die Fahrt veranschlagten 40 Pfund am Gate abholen lassen können, und vermutlich würde ich es das nächste Mal auch machen (obwohl ich derzeit hoffe, dass es kein nächstes Mal gibt), aber bei Buchung erschien mir das albern. Die würden ja wohl einen festen Platz zum Abholen haben, wenn der Flughafen so einen Service anbietet! Tut er auch, aber das war meinem Taxifahrer wohl zu umständlich. Er wartete lieber am „Drop off“, von dem mir jeder, dem ich nach dem Weg fragte, sagte „Nee, da muss der sich versprochen haben. Da DARF er sie gar nicht abholen.“ Als ich ihn endlich fand, war mein Taxifahrer überaus ungehalten darüber, dass er so lange auf mich hatte warten müssen und machte auch keinen Hehl daraus. Die gesamte Fahrt über moserte er rum. Was für eine angenehme Atmosphäre im Auto! Als mich dann auch noch seine Firma anrief und mir mitteilte, dass ich für die Wartezeit 20 Pfund extra bezahlen müsse, platzte mir fast der Kragen. Was soll dieses Rumgezicke, wenn er fürs Warten extra Geld kriegt?! Ich hätte ja nicht mal was gegen das „Strafgeld“ gehabt, denn ja, ich hatte den Fahrer warten lassen, aber mich abholen, wo es gar nicht mal erlaubt ist, und dann dazu noch die ganze Fahrt über rumzicken?! Trinkgeld bekam er bei Ankunft jedenfalls keines, und wütend zog er ab. Ich war gerade einmal wenige Stunden in der Stadt und es stand mir schon bis zum Hals O_o

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Extra Minimülleimer für Zigarettenstummel und Kaugummis. London kennt seine Pappenheimer.

Nun versuchte ich natürlich, mir davon nicht die Laune verderben zu lassen und das Sightseeing mit meinen Eltern zu genießen, merkte aber schnell, wie sehr mir Japans Rauchen-im-Gehen-Verbot fehlte. Vielleicht war es auch nur so extrem, weil wir von Menschen überbevölkerten Stadtzentrum waren, aber die Luft dort STAND vor Zigarettenrauch. Überall in den Gebäuden ist alles streng reguliert und rauchen ist verboten, selbst in den Pubs. Auf der Straße dann herrscht Anarchie. Die Male, die kein Raucher vor mir lief, wenn ich irgendwohin wollte, konnte ich über die Tage an einer Hand abzählen. Nicht mal in Berlin ist mir das bisher jemals so krass vorgekommen. Irgendwann gewöhnte ich mir an, mir auf der Straße einen Schal vor Mund und Nase zu ziehen. Gebäude und Bahnstationen erschienen wie kleine Oasen auf meinen Wegen. Ich meckere häufig über Japan und darüber, in wie vielen Restaurants hier noch geraucht werden darf, aber beim Nichtraucherschutz unter freiem Himmel können sich einige Länder hier mal echt mal eine Scheibe von anschneiden! (Dass ich so einen Satz mal schreiben würde! XD)

Generell war das Klima in London ein raues. Es herrscht ein unglaublich hohes Tempo, alles scheint in Eile. An der Ampel drückt man auf den Kopf, aber wer wirklich wartet, bis sie auf grün schaltet, outet sich sofort als Tourist. Steht man beim Warten im Weg, wird man auch gerne mal angeranzt. Im Coffee Shop verzog die Dame hinter dem Tresen das Gesicht, als sie am frühen Nachmittag für mich und meine Eltern eine neue Kanne Kaffee aufsetzen musste. Im Tesco stieß der Herr hinter der Kasse einen langgezogenen Seufzer aus, als ich anfing, in meinem Kleingeld zu wühlen. Sorry, aber eure Münzen sehen alle gleich aus O_O Und die Schlange hinter einem hätte natürlich auch lieber, dass man einfach mit einem Schein bezahlt.

Vielleicht hätte ich das alles in einem Urlaub mit etwas Ruhe nach dem Flug und ohne Meetingmarathon und ganz sicher ohne Erkältung besser weggesteckt. Ich bin raues Klima und unfreundliches Servicepersonal doch aus Berlin auch gewohnt! Aber irgendwie hat mich das alles hier sehr genervt. Oder aber Japan hat mich verweichlicht. Das ist zumindest die Meinung meiner Mutter 😛 Und vielleicht hat sie recht. Japanischer Service macht einen weich. Nach schlechtem Service muss man quasi suchen. Und in einen Land krank sein, in dem man sich auskennt, ist natürlich auch allemal angenehmer, als irgendwo, wo man erst eine Google-Suche starten muss, um herauszufinden, wo man jetzt an Medizin herankommt. Wenigstens war das nach ein wenig Recherche einfach: Tesco! Und da sich das Ladenpersonal generell nicht um einen kümmert, guckte mich auch niemand schief an oder stellte blöde Fragen, als ich mit einer besorgniserregend großen Menge an Schmerzmitteln und Erkältungsmedizin an der Kasse auftauchte. Aber wie hätte ich mich auch zurückhalten sollen, nachdem ich herausfand, dass man hier einen 20er Pack Ibuprofen für nur 42 Pence kaufen kann? 42 PENCE! Die gleiche Menge Schmerzmittel kostet mich in Japan ein Arm und ein Bein! Und so war meine Erkältung zwar scheiße, aber mit fantastischer Medizin ausgestattet gut in den Griff zu kriegen.

Bis, tja, bis ich dann mit ihr in den Flieger musste. Wenn ihr es vermeiden könnt, fliegt niemals erkältet. Durch die angeschwollenen Schleimhäute kann es sein, dass bei Start und Landung der Druckausgleich nicht klappt und dann steht man da. So ging es mir. Ich hatte 11 Stunden lang das Gefühl, Watte in den Ohren zu haben, und dann bei der Landung kamen die Schmerzen. Vom Flughafen ging es gleich zum HNO-Arzt. Mittelohrentzündung. Was für ein fantastisches Souvenir! Wenigstens hatte ich ein langes Wochenende zum Auskurieren. Aber kann man es mir so verübeln, dass ich auch jetzt noch mit arg gemischten Gefühlen an meine Dienstreise nach London zurückdenke?

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Geilste Tasse wo gibt im Büro

Ich weiß, ich weiß. Mein Eindruck ist höchst subjektiv und sicher nicht fair. Ich war nur wenige Tage da. Ich habe nur einen winzigen Teil von London gesehen. Die Leute auf der Straße machten einen rauen, unfreundlichen Eindruck, aber meine Kollegen dort waren alle unglaublich lieb, überließen mir die tollste Tasse aller Zeiten für meinen Erkältungstee und schickten mich Mittwoch Abend, als ich entschieden hatte, mich im Angesicht meines geschwächten Zustandes aus dem letzten Dinner herauszuziehen und mich lieber etwas auszuruhen, mit einer riesigen Dose Tiramisu nach einem italienischen Originalrezept zurück ins Hotel. Das fehlt noch, dass die Büro-Italienerin hier jemanden hungrig nach Hause schickt 😛

2018-09-18 17.52.47Auch wenn die Massen an Touristen beizeiten überwältigend waren, hat das Sightseeing mit meinen Eltern viel Spaß gemacht. Über das Wetter kann ich mich auch nicht beschweren. Und wenn ich vielleicht noch ein paar Stunden Zeit gehabt hätte, durch wenigstens einen der vielen Bücherläden zu stöbern, wie ich es geplant hatte, anstatt nur 25 Minuten zwischen zwei Meetings nach einer Ausgabe der Harry-Potter-Bände in den Farben eines der vier Häuser zu suchen – übrigens mit Erfolg 😛 – vielleicht wäre mein Eindruck von London dann auch nicht der einer Stadt im Dauerstress gewesen. Denn wenn ich mal ehrlich bin, ist es die Stadt vermutlich auch, aber wenn eine von uns in dieser Woche im Dauerstress war, dann vor allem ich. Und das hat sich natürlich für mich auch auf das Bild von London übertragen. Dabei habe ich nicht einmal machen können, wofür viele meiner Freunde London so schätzen: Musicals, Shopping, Ausstellungen, die keinen Eintritt kosten. Nur ein paar Tage mehr. Aber man hat vermutlich auch nur in Japan einen Arbeitgeber, der sagt: „Nein, Frau K., sie können nicht noch ein paar Tage auf eigenen Kosten länger in London bleiben. Sie packen nach dem letzten Meeting bitte sofort Ihren Koffer und kommen zurück!“ Damit ist die Arbeitskultur in Japan also auch ein wenig Schuld an der ganzen Sache.

Und so brauche ich für eine Weile zwar erst einmal keine Wiederholung dieser hier geschilderten Ereignisse, aber irgendwann, doch, würde ich gerne noch einmal als Tourist nach London kommen. Wirklich als Tourist. Vielleicht entdecke ich dann etwas mehr von dem Charme, von dem so viele Leute schwärmen.

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