[Unterwegs] Auf Herbstlaubjagd in Nagano

Entgegen der landläufigen Meinung des allgemeinen Japaners ist Japan nicht das einzige Land mit Jahreszeiten, aber man begeht sie hier schon ganz besonders intensiv, das muss ich ihnen lassen. Im Frühling, wenn die Temperaturen langsam ansteigen und es in der Sonne sogar schon richtig warm werden kann, stürmt alles nach draußen, um sich an den Kirschblüten sattzusehen. Das Äquivalent dazu im Herbst, wenn der Sommer und seine tödlichen Temperaturen sich endlich verabschiedet haben, die Luftfeuchte nachlässt und man draußen endlich wieder atmen kann, ist das Herbstlaub, auf Japanisch momiji oder auch kōyō genannt und beides übrigens mit den gleichen Kanji 紅葉 geschrieben. Und genau wie die Kirschblüte zeigt sich das Herbstlaub in einigen Regionen früher als in anderen. Während wie hier in Kantō oft bis Anfang Dezember warten müssen, kann es in den Höhen von Nagano bereits Mitte Oktober so weit sein. Also im Prinzip das gleiche Timing wie in Berlin, wenn ich mich recht erinnere. Wenn nicht, möge man es mir verzeigen – ich bin seit 4 Jahren ausschließlich im Winter dort 😛

Während wir die ersten zwei Tage unserer momiji gari 紅葉狩り – der Herbstlaubjagd – mit dem Wetter leider nicht ganz so viel Glück hatten wie gehofft, wurden wir am dritten Tag mit Sonnenschein belohnt. Wie immer bedeutet das mehr Touristen, mit denen man sich dann rumschlagen muss, aber man kann ja nicht alles haben, was? 😉

Ein empfehlenswerter Ort für die Herbstlaubjagd ist der Yachihokōgen-Park 八千穂高原自然園 in Minamisakugun 南佐久郡. Hier gibt es ein ganzes Gebiet, das gleich mal Herbstlaubgarten モミジの園 am Herbstlaubwasserfall モミジの滝 getauft wurde. Poetisch!

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Und dort war der Name dann auch Programm. Während wir am verregneten Freitag fast den ganzen Park für uns allein hatten, mussten wir ihn uns am sonnigen Sonntag aber mit mehreren Reisegruppen teilen. Zum Glück verteilten sich die Massen im Park ganz gut, obwohl nicht alle Bereiche zugänglich waren, denn Nagano hatte eine Weile mit starken Regenfällen und Taifunschäden zu kämpfen, die auch den Park in Mitleidenschaft gezogen haben. Aber der Herbstlaubpark am Herbstlaubwasserfall war nicht betroffen 😉

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Der Park ist auch so angelegt, dass es in fast jeder Jahreszeit (richtig tiefen Winter mal ausgenommen) was zu gucken gibt – z.B. Kischblüten im Mai und Lilien im August. Warum schreibe ich richtig tiefer Winter? Weil es sich zeitweise im Oktober schon wie tiefer Winter angefühlt hat. Ohne Daunenjacke kommt man zu dieser Zeit besser nicht her, und ich war dieses Mal nach dem Kälteschock zur Golden Week auch eindeutig besser vorbereitet XD

Im Anschluss an seinen Spaziergang im Park kann man es sich im angeschlossenen Restaurant vor dem Kamin gemütlich machen und futtern.

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Kei fand seine soba eigentlich ganz toll, bis dann mein katsudon kam. Also, wer nimmt denn auch Nudeln, wenn er Fleisch haben kann? 😛 Große Empfehlung auf jeden Fall. Irgendeine auf irgendeine besondere Weise in Nagano gezüchtete Schweinesorte. Natürlich war ich eine liebe Frau und überließ Kei eines meiner drei Stücke 😛

Ein anderer Ort, der in Nagano für sein Herbstlaub bekannt ist, ist der Shirakoma-See, doch der liegt noch mal ein paar Meter höher und damit hatte sich das Herbstlaub hier leider schon verabschiedet, als wir ankamen. Das hielt Reisebusse nicht davon ab, Massen von Touristen hier abzuladen, aber die Enttäuschung stellte sich bei vielen schnell ein. Ich hingegen hatte viel Spaß mal wieder ein Set an Vorher-Nachher-Bildern zu schießen, denn bei unserem letzten Besuch hier – damals wollten wir eigentlich Moos sehen – war alles zugeschneit gewesen.

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Gab es denn dieses Mal Moos zu sehen? Na ja, ein wenig. Leider hat es wohl auch sehr unter dem letzten Taifun gelitten.

Ein Ort, den wir gar nicht so richtig als Herbstlaub-Sightseeingspot auf den Radar hatten, war dann tatsächlich der Megami-See 女神湖 in der Nähe unserer Pension. Anscheinend waren wir da aber die einzigen, denn die Pension war genau aus diesem Grund an dem Wochenende komplett ausgebucht und wir sahen auch immer mal wieder Reisebusse an den See fahren, Touristen ausspucken und nach 20 Minuten wieder einsammeln. Wir hatten durch Zufall genau das Wochenende der Hochsaison der Herbstblattfärbung in Tateshina ausgewählt XD Mehrmals machten wir daraufhin natürlich die drei Tage über Spaziergänge an den See, und jedes Mal zeigte er sich uns in einem etwas anderem Licht.

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Kurz vor dem Regen

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Strahlende Farben in der Sonne

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Im Nebel

Während es draußen zwischen sonnig und regnerisch hin und her schwankte, war es in den meisten Häusern dank Kamin immer gemütlich. Manchmal hätte ich hier auch gerne einen. Aber gut, ein kotatsu ist auch nicht schlecht 😛

IMG_0870Hier in Tōkyō müssen wir, wie gesagt, auf das Herbstlaub noch ein wenig warten. Hoffentlich bekomme ich dieses Mal etwas mehr davon mit. Letztes Jahr hat es ja ständig geregnet und ich kam nur am Samstag meiner Weisheitszahn-OP dazu, auf dem Hinweg zum Zahnarzt ein wenig Herbstlaubbilder zu schießen. Na ja, sollte mir das dieses Jahr wieder passieren, habe ich in Nagano wenigstens schon vorgeherbstlaubtet 😛

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Vielleicht bin ich es, London. Vielleicht bist es aber auch du.

2018-09-15 05.18.47Meine Firma hat einen Sitz in London, und einmal im Jahr im September wird eine Delegation an (Un)Freiwilligen zum regen Austausch genau dorthin geschickt. Dieses Jahr hat es mich getroffen. Ich war von Anfang an nicht besonders begeistert von der Idee, denn Dienstreisen sind an sich ja schon anstrengend, wenn man dafür nicht mehrere Ozeane überqueren muss. Nun sollten wir aber auch insgesamt nur 4 volle Tage da sein. Soll heißen: Kaum hat man sich vom Jetlag nach dem Hinflug erholt, geht es wieder zurück. Fantastisch geplant!

Nun gab es aber keinen Weg daran vorbei und ich versuchte also, mir die wenige Zeit, die ich in London hatte – einer Stadt, in der ich vorher übrigens noch nie gewesen bin – so schön wie möglich zu machen. Ich bestand daher auf einen Nachtflug am Freitag, mit dem ich am Samstag um 6 Uhr morgens in London landen würde, so dass ich das gesamte Wochenende Zeit für Sightseeing hatte. Meine Eltern entschieden spontan, dass sie ihre Tochter schon lange genug nicht mehr gesehen hatten und kamen für das Wochenende auch nach London. Und wir nahmen an Sightseeing mit, was wir in den zwei Tagen mitnehmen konnten. Wir hatten auch wirklich unglaublich gutes Wetter und ich musste nur ein einziges Mal für 5 Minuten meinen Schirm auspacken. Für London wirklich ein kleines Wunder, bestätigte man mir immer wieder.

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Wir waren beide Tage von früh morgens bis spät abends unterwegs und bestritten fast alle unsere Wege zu Fuß. Im Hotel fiel ich jeden Abend einfach nur tot ins Bett. Ein Jetlag hatte so nicht den Hauch einer Chance und ich war am Montag ausgeschlafen wie niemand sonst im Team bereit für den Meetingmarathon, der uns von Montag Morgen bis Mittwoch Abend erwartete. Und natürlich das gemeinsame Essen an allen drei Tagen nach der Arbeit nicht vergessen! Gut, ich will mich nicht beschweren. Man tischte reichlich für uns auf.

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2018-09-18 12.29.16Der Dienstag, an dem wir das Meeting mit frischem Gebäck starteten, zum Mittag vier Wagenräder Pizza ins Büro bestellten, uns den Nachmittag mit Cupcakes versüßten und am Abend dann trotzdem noch in ein Restaurant gingen, in dem kein Steak kleiner als 300g war, wurde jedoch beinahe zu meinem Untergang. Ich bin doch solche Riesenportionen nicht mehr gewohnt T_T Und so sozial und auch bei Kräften, dass einem so ein Monsterprogramm nicht irgendwie zusetzen würde, muss man auch erst einmal sein. Ich war es nicht und schleppte mich seit Dienstag mit einer Erkältung rum. Tolle Wurst! Vielleicht lag es aber auch am Zigarettenrauch überall auf den Straßen …

Und dann kommen wir doch mal dazu, wieso dieser Blogpost so heißt, wie er es tut: London hat mir in der kurzen Zeit leider nicht so gut gefallen, wie ich es mir aus der Ferne immer ausgemalt hatte. Woran lag das? Nun, zum einen setzte sich mein Bild über das moderne London vermutlich ausschließlich aus Episoden von Doctor Who zusammen. So was ist ja schon immer mal eine fantastische Grundlage. Und dann hatte ich zugegebenermaßen auch einen etwas holprigen Start in der Stadt, und es wurde über die Zeit irgendwie nicht so viel besser.

Meine Firma übernahm die Kosten für ein Taxi vom Flughafen in mein Hotel, und damit ich an der Taxischlange in Heathrow nicht ewig warten muss, reservierte ich eines online. Da die Angaben, wo es auch mich warten würde, mehr als kryptisch waren, brauchte ich etwas, um mein Taxi zu finden. Gut, ich hätte mich für 5 Pfund zusätzlich zu den für die Fahrt veranschlagten 40 Pfund am Gate abholen lassen können, und vermutlich würde ich es das nächste Mal auch machen (obwohl ich derzeit hoffe, dass es kein nächstes Mal gibt), aber bei Buchung erschien mir das albern. Die würden ja wohl einen festen Platz zum Abholen haben, wenn der Flughafen so einen Service anbietet! Tut er auch, aber das war meinem Taxifahrer wohl zu umständlich. Er wartete lieber am „Drop off“, von dem mir jeder, dem ich nach dem Weg fragte, sagte „Nee, da muss der sich versprochen haben. Da DARF er sie gar nicht abholen.“ Als ich ihn endlich fand, war mein Taxifahrer überaus ungehalten darüber, dass er so lange auf mich hatte warten müssen und machte auch keinen Hehl daraus. Die gesamte Fahrt über moserte er rum. Was für eine angenehme Atmosphäre im Auto! Als mich dann auch noch seine Firma anrief und mir mitteilte, dass ich für die Wartezeit 20 Pfund extra bezahlen müsse, platzte mir fast der Kragen. Was soll dieses Rumgezicke, wenn er fürs Warten extra Geld kriegt?! Ich hätte ja nicht mal was gegen das „Strafgeld“ gehabt, denn ja, ich hatte den Fahrer warten lassen, aber mich abholen, wo es gar nicht mal erlaubt ist, und dann dazu noch die ganze Fahrt über rumzicken?! Trinkgeld bekam er bei Ankunft jedenfalls keines, und wütend zog er ab. Ich war gerade einmal wenige Stunden in der Stadt und es stand mir schon bis zum Hals O_o

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Extra Minimülleimer für Zigarettenstummel und Kaugummis. London kennt seine Pappenheimer.

Nun versuchte ich natürlich, mir davon nicht die Laune verderben zu lassen und das Sightseeing mit meinen Eltern zu genießen, merkte aber schnell, wie sehr mir Japans Rauchen-im-Gehen-Verbot fehlte. Vielleicht war es auch nur so extrem, weil wir von Menschen überbevölkerten Stadtzentrum waren, aber die Luft dort STAND vor Zigarettenrauch. Überall in den Gebäuden ist alles streng reguliert und rauchen ist verboten, selbst in den Pubs. Auf der Straße dann herrscht Anarchie. Die Male, die kein Raucher vor mir lief, wenn ich irgendwohin wollte, konnte ich über die Tage an einer Hand abzählen. Nicht mal in Berlin ist mir das bisher jemals so krass vorgekommen. Irgendwann gewöhnte ich mir an, mir auf der Straße einen Schal vor Mund und Nase zu ziehen. Gebäude und Bahnstationen erschienen wie kleine Oasen auf meinen Wegen. Ich meckere häufig über Japan und darüber, in wie vielen Restaurants hier noch geraucht werden darf, aber beim Nichtraucherschutz unter freiem Himmel können sich einige Länder hier mal echt mal eine Scheibe von anschneiden! (Dass ich so einen Satz mal schreiben würde! XD)

Generell war das Klima in London ein raues. Es herrscht ein unglaublich hohes Tempo, alles scheint in Eile. An der Ampel drückt man auf den Kopf, aber wer wirklich wartet, bis sie auf grün schaltet, outet sich sofort als Tourist. Steht man beim Warten im Weg, wird man auch gerne mal angeranzt. Im Coffee Shop verzog die Dame hinter dem Tresen das Gesicht, als sie am frühen Nachmittag für mich und meine Eltern eine neue Kanne Kaffee aufsetzen musste. Im Tesco stieß der Herr hinter der Kasse einen langgezogenen Seufzer aus, als ich anfing, in meinem Kleingeld zu wühlen. Sorry, aber eure Münzen sehen alle gleich aus O_O Und die Schlange hinter einem hätte natürlich auch lieber, dass man einfach mit einem Schein bezahlt.

Vielleicht hätte ich das alles in einem Urlaub mit etwas Ruhe nach dem Flug und ohne Meetingmarathon und ganz sicher ohne Erkältung besser weggesteckt. Ich bin raues Klima und unfreundliches Servicepersonal doch aus Berlin auch gewohnt! Aber irgendwie hat mich das alles hier sehr genervt. Oder aber Japan hat mich verweichlicht. Das ist zumindest die Meinung meiner Mutter 😛 Und vielleicht hat sie recht. Japanischer Service macht einen weich. Nach schlechtem Service muss man quasi suchen. Und in einen Land krank sein, in dem man sich auskennt, ist natürlich auch allemal angenehmer, als irgendwo, wo man erst eine Google-Suche starten muss, um herauszufinden, wo man jetzt an Medizin herankommt. Wenigstens war das nach ein wenig Recherche einfach: Tesco! Und da sich das Ladenpersonal generell nicht um einen kümmert, guckte mich auch niemand schief an oder stellte blöde Fragen, als ich mit einer besorgniserregend großen Menge an Schmerzmitteln und Erkältungsmedizin an der Kasse auftauchte. Aber wie hätte ich mich auch zurückhalten sollen, nachdem ich herausfand, dass man hier einen 20er Pack Ibuprofen für nur 42 Pence kaufen kann? 42 PENCE! Die gleiche Menge Schmerzmittel kostet mich in Japan ein Arm und ein Bein! Und so war meine Erkältung zwar scheiße, aber mit fantastischer Medizin ausgestattet gut in den Griff zu kriegen.

Bis, tja, bis ich dann mit ihr in den Flieger musste. Wenn ihr es vermeiden könnt, fliegt niemals erkältet. Durch die angeschwollenen Schleimhäute kann es sein, dass bei Start und Landung der Druckausgleich nicht klappt und dann steht man da. So ging es mir. Ich hatte 11 Stunden lang das Gefühl, Watte in den Ohren zu haben, und dann bei der Landung kamen die Schmerzen. Vom Flughafen ging es gleich zum HNO-Arzt. Mittelohrentzündung. Was für ein fantastisches Souvenir! Wenigstens hatte ich ein langes Wochenende zum Auskurieren. Aber kann man es mir so verübeln, dass ich auch jetzt noch mit arg gemischten Gefühlen an meine Dienstreise nach London zurückdenke?

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Geilste Tasse wo gibt im Büro

Ich weiß, ich weiß. Mein Eindruck ist höchst subjektiv und sicher nicht fair. Ich war nur wenige Tage da. Ich habe nur einen winzigen Teil von London gesehen. Die Leute auf der Straße machten einen rauen, unfreundlichen Eindruck, aber meine Kollegen dort waren alle unglaublich lieb, überließen mir die tollste Tasse aller Zeiten für meinen Erkältungstee und schickten mich Mittwoch Abend, als ich entschieden hatte, mich im Angesicht meines geschwächten Zustandes aus dem letzten Dinner herauszuziehen und mich lieber etwas auszuruhen, mit einer riesigen Dose Tiramisu nach einem italienischen Originalrezept zurück ins Hotel. Das fehlt noch, dass die Büro-Italienerin hier jemanden hungrig nach Hause schickt 😛

2018-09-18 17.52.47Auch wenn die Massen an Touristen beizeiten überwältigend waren, hat das Sightseeing mit meinen Eltern viel Spaß gemacht. Über das Wetter kann ich mich auch nicht beschweren. Und wenn ich vielleicht noch ein paar Stunden Zeit gehabt hätte, durch wenigstens einen der vielen Bücherläden zu stöbern, wie ich es geplant hatte, anstatt nur 25 Minuten zwischen zwei Meetings nach einer Ausgabe der Harry-Potter-Bände in den Farben eines der vier Häuser zu suchen – übrigens mit Erfolg 😛 – vielleicht wäre mein Eindruck von London dann auch nicht der einer Stadt im Dauerstress gewesen. Denn wenn ich mal ehrlich bin, ist es die Stadt vermutlich auch, aber wenn eine von uns in dieser Woche im Dauerstress war, dann vor allem ich. Und das hat sich natürlich für mich auch auf das Bild von London übertragen. Dabei habe ich nicht einmal machen können, wofür viele meiner Freunde London so schätzen: Musicals, Shopping, Ausstellungen, die keinen Eintritt kosten. Nur ein paar Tage mehr. Aber man hat vermutlich auch nur in Japan einen Arbeitgeber, der sagt: „Nein, Frau K., sie können nicht noch ein paar Tage auf eigenen Kosten länger in London bleiben. Sie packen nach dem letzten Meeting bitte sofort Ihren Koffer und kommen zurück!“ Damit ist die Arbeitskultur in Japan also auch ein wenig Schuld an der ganzen Sache.

Und so brauche ich für eine Weile zwar erst einmal keine Wiederholung dieser hier geschilderten Ereignisse, aber irgendwann, doch, würde ich gerne noch einmal als Tourist nach London kommen. Wirklich als Tourist. Vielleicht entdecke ich dann etwas mehr von dem Charme, von dem so viele Leute schwärmen.

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Ein Jahr der Wetterextreme

2018-09-30 08.54.32Gerade klatscht draußen Taifun Nummer 24, Trami, an unsere Fenster. Taifun Nummer 25, Kong-Rey, hat sich auch schon gebildet mit dem Potenzial, die gleiche Route wie Trami zu verfolgen. Wettertechnisch durchstehen wir derzeit ein Jahr der Extreme. Auf eine übermäßig kurze Regenzeit folgte ein langer, extrem heißer Sommer – der ab morgen zudem noch ein kurzes Revival hinlegen soll -, und nun sitzen wir also Taifun Nr. 24 aus, obwohl sich in anderen Jahren zu dieser Zeit meist erst um die 15 Taifune gebildet haben. Natürlich haben nicht alle 24 Taifune Japan getroffen, aber genug von ihnen, um große Schäden wie Überschwemmungen oder auch die kurzeitige Stilllegung des Kansai-Flughafens anzurichten. Mehr als einmal musste ich früher von Arbeit nach Hause oder habe es gar nicht erst auf Arbeit geschafft – letzteres resultiert bei mir immer darin, dass ich einen Urlaubstag aufbrauchen muss. Wenn sich so ein Taifun dann also einen Sonntag Abend aussucht und hoffentlich am nächsten Morgen mit Sack und Pack und Regen und Wind im Gepäck verschwunden ist, bin ich immer ganz dankbar. Zu Verspätungen kann es morgen auf den Bahnlinien natürlich trotzdem noch kommen, falls die Linien irgendwie beschädigt wurden oder, wie letztes Jahr, eine Jogginghose in die Oberleitung geblasen wurde. Ich scherze nicht. Erklärt das mal eurem Chef 😛

Aber gut, das ist, wenn überhaupt, ein Problem für morgen. Alles, was wir soweit vorbereiten konnten, haben wir vorbereitet – Kerzen, Taschenlampen und ein Radio, falls der Strom ausfällt, und Notfallrationen für ein paar Tage sollte man in einem so oft von Naturkatastrophen betroffenen Land wie Japan ja immer zu Hause haben – und können jetzt nur warten. Die Fahrräder sind untergestellt – ich bin froh, dass wir dafür im Eingang genug Platz haben. Ich will mir nicht bei jedem Taifun ein neues Fahrrad kaufen müssen!

In letzter Zeit gab es übrigens eine große Diskussion darüber, wie man die vor allem zur Olympiade erwarteten Massen an nicht Japanisch sprechenden Ausländern über solche Naturgewalten informieren soll. NHK weißt daher heute eindringlich in ihrer Berichterstattung daraufhin, dass sie eine Seite haben, auf der alle Informationen auf Englisch eingesehen werden können: klick. Es gibt zudem eine Karte mit im Notfall nützlichen Phrasen zum Ausdrucken: klick. Generell bemühen sich die japanischen Behörden vermehrt, wichtige Informationen neben Japanisch zumindest auch auf Englisch zur Verfügung zu stellen: klick. NHK bittet darum, diese Info mit allen zu teilen, die man kennt und die davon Gebrauch machen könnten. Das tue ich jetzt. Bin ich nicht nett? 😛

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[Unterwegs] teamLab Borderless

Im Sommer war die teamLab Borderless-Ausstellung in Odaiba DAS Thema auf den hiesigen Japanblogs, und irgendwie versetzte mich das in den Glauben, die Ausstellung fände nur für begrenzte Zeit statt. Entwarnung: Das tut sie nicht! Da ich das aber nicht wusste, sicherte ich für Kei und mich Anfang Juni Karten für *trommelwirbel* August. Ja, damals waren die Karten für bis zu zwei Monate im Voraus ausverkauft, und auch jetzt sollte man nicht zu lange warten, wenn man an einem Wochenende hingehen möchte.

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Das „MORI Building Digital Art Museum“ ist die neueste Attraktion auf der künstlich angelegten Insel Odaiba お台場 in der Bucht von Tōkyō und damit ein wenig vom Zentrum Tōkyōs entfernt, aber mit den öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichbar. teamLab ist eine Gruppe von Digital Artists, von denen sich die meisten bereits seit der Uni-Zeit kennen, und „Borderless“ ist ihre gegenwärtige Ausstellung auf den 10.000qm des MORI Building Digital Art Museums. Die Ausstellung aus Licht und Sound ist dabei schwer zu beschreiben, aber wunderbar in Bildern darzustellen:

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Wo lang jetzt?

Das Museum ist auf zwei Ebenen angelegt, und es hat tatsächlich eine Weile gedauert, bis wir die zweite entdeckt hatten, denn die ganze Ausstellung ist wie ein Labyrinth angelegt. Manchmal erkennt man kaum, wo eine Wand aufhört und ein Raum anfängt, einige Räume sind gut versteckt. Es gibt keine festgelegte Reihenfolge, in der man die Ausstellung durchwandern muss, und einige Werke verändern sich über Zeit, so dass man, ohne es wirklich zu merken, mehrmals im gleichen Raum gewesen sein kann und denkt, man hätte einen neuen entdeckt. Gut, dass es kein Zeitlimit für seinen Besuch gibt 😛

Eine Kamera sollte man auf jedenfalls mitbringen, denn Fotos von sich und seiner Begleitung machen, wie man selbst Teil der Darstellung wird, macht 90% des Spaßes aus. An einigen Orten war es leider recht voll – immerhin waren wir an einem Wochenende da. An anderen Plätzen hatten wir jedoch genug Platz zum Austoben, und sollte man an einem Wochentag hinkönnen, dürfte es sicher recht leer sein. Im Nachhinein hätte ich wie Kei was Weißes tragen wollen, aber nun bin ich schlauer fürs Nächste mal, und es gab auch einige Installationen, die auf schwarz deutlich besser zur Geltung kamen 😉

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Viele der Installationen sind übrigens interaktiv. Berührt man Blumen, zerstreuen sie sich in alle Winde. Tritt man auf die Tiere im Athletic-Forest, zerplatzen sie zu Farbklecksen – was bei mir übrigens dazu geführt hat, dass ich nur noch auf Zehenspitzen durch den Forest gestakst bin. Die armen Tiere!

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Bei unserem Besuch nur von außen zu bestaunen :/

Der Raum, auf den ich mich am meisten gefreut hatte – der mit den ganzen Laternen -, war leider wegen Wartungsarbeiten geschlossen. Schade! Ich wollte doch so meinen Rapunzel-Moment haben T_T

Zu einem meiner Highlights wurde stattdessen das „En Suite Teehaus“, in dem man für 500 Yen eine Tasse Tee bekommt, in der, einmal vor einem gestellt, eine prächtige Blume aus Licht wächst. Nimmt man die Tasse in die Hand, zerstreut sich die Blüte in alle Richtungen, und stellt man die Tasse wieder ab, wächst eine neue Blume. Egal, wo man die Tasse hinstellt. Wie machen die das nur? Ich war so in den Bann gezogen von dem ganzen Schauspiel, ich kann euch nicht mal sagen, ob der Tee lecker war XD

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So, überzeugt? Dann am besten Tickets online vorbestellen, denn die an der Tageskasse sind meistens immer noch ausverkauft und es lohnt sich kaum, den ganzen Weg bis nach Odaiba zu fahren, nur um dann nicht ins Museum zu können. Erwachsene bezahlen 3200 Yen, was erst einmal teuer klingt, aber Kei und ich verbrachten immerhin 4 Stunden im Museum, da ist der Preis angebracht, finde ich. Für diesen extrem heißen Sommer war die gut gekühlte Ausstellung ein fantastischer Zeitvertreib, und wir mussten auch nur ganz kurz draußen in der sengenden Hitze anstehen – das Museum war nämlich freundlich genug, uns den Tag vorher eine Mail zu schicken, um uns zu warnen, dass es Vormittag ganz besonders voll werden würde und wir lieber nach 15 Uhr kommen sollten. Taten wir. War gut. Verlässt man das dunkle Museum nach Sonnenuntergang, ist der Übergang zurück in die Realität auch nicht ganz so harsch 😛

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[Unterwegs] Ein Spaziergang durch die Edo-Zeit

Will man in Kantō ein wenig altertümliches Japan erleben, geht es meist in die Stadt Kawagoe 川越 in der Präfektur Saitama 埼玉, die man mit dem Auto in etwa einer Stunde und mit der Bahn sogar noch schneller erreichen kann. Vor ungefähr zwei Jahren besuchten Kei und ich in unseren Sommerferien Kawagoe, und obwohl wir den Charme dieses Örtchens verstanden, waren uns die Straßen zu eng und überfüllt, die Läden in den Häusern irgendwie zu modern, und außerdem lief man ständig Gefahr, von einem Auto überfahren zu werden.

2018-07-12 08.57.09Als wir nun diesen Sommer durch Nagano fuhren, fiel mir zum ersten Mal eine Stadt namens Shiojiri 塩尻 auf einem der Straßenschilder auf. Ganz erwachsen machte ich mich erst einmal über den Namen lustig – er lässt sich nämlich wortwörtlich mit „Salzarsch“ übersetzen – und fing dann aber, die Stadt zu googlen und mehr über sie herauszufinden. Und siehe da: Salzarsch … äh, Shiojiri hat ebenfalls ein Viertel, Naraijuku 奈良井宿 genannt, in dem die Häuser noch so erhalten sind wie damals zur Edo-Zeit (von 1603 bis 1868). Da wir an unserem letzten Tag in Nagano die Rückfahrt immer so lange wie möglich herausschieben, war das doch ein perfektes Ausflugsziel. Gesagt, getan!

Von Tateshina 蓼科 aus brauchten wir ungefähr eine Stunde mit dem Auto. Für die Höhen Naganos war es an dem Tag ungewöhnlich heiß, aber das hielt uns nicht ab. Wir schwitzten bei 35 Grad in der Sonne, und auch die Gebäude boten keine Abkühlung, denn „erhalten wie zu Edo-Zeiten“ bedeutet eben auch keine Klimaanlagen. Aber Naraijuku war den Besuch absolut wert!

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Es war wirklich ein Anblick, den man nicht alle Tage hat! Holzgebäude reihte sich an Holzgebäude, und in jedem befand sich ein kleines Café oder Restaurant, ein Laden, der traditionelles Handwerk anbot, oder auch einfach nur ein Mitbringselshop. Aber irgendwie alles auf Edo gemacht.

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Geschmacksrichtung „Honigmelone“. In der heißen Sommersonne natürlich sofort am Schmelzen.

Alles in allem gefiel uns dieses Edo besser als das in Kawagoe. Auf den Straßen waren zwar Autos erlaubt, aber es waren so viel weniger von ihnen unterwegs und man musste nicht alle fünf Sekunden ausweichen, um nicht überfahren zu werden. Auch waren außer uns nur wenige anderen Touristen vor Ort. Wir hatten für Japan fast dekadent viel Platz zum Laufen! Die Hitze war natürlich eine Herausforderung – besonders, weil man sich zwischendurch nicht einfach mal in einem runtergekühlten Restaurant ausruhen konnte -, aber eigentlich wird es hier ja auch nicht so heiß. Und zum Glück gab es genügend Eisstände mit interessanten Geschmacksrichtungen zum Abkühlen.

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So, und wieso heißt Salzarsch nun eigentlich Salzarsch? Dazu gibt es zwei Theorien, die sich beide um Salz drehen. Da die Gegend kein Meer in der Nähe hat, konnte Salz nicht selbst hergestellt, sondern musste herantransportiert werden. In der ersten Theorie erhielt die Stadt ihren Namen daher, dass immer hier der letzte Batzen Salz verkauft wurde. In der zweiten Theorie lag Shiojiri genau auf der Mitte von zwei Salztransportwegen – einmal vom Japanischen Meer und einmal vom Pazifik her – und war damit sozusagen die Salzendstation. Keine der Theorien ist offiziell von der Stadt bestätigt. Dementsprechend kann ich weiterhin behaupten, dass ein Shōgun einem anderen eins auswischen wollte und die Stadt daher „Salzarsch“ nannte! 😛

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[Unterwegs] Der Berg, der uns beinahe in die Knie zwang

Sommer und das Nagarazoku verzieht sich mit Sack und Pack nach Nagano? Kennen wir ja. Dieses Mal waren Kei und ich dabei sehr ambitioniert und hatten uns den Tateshinayama 蓼科山 vorgenommen – den Berg, den man von unserer Lieblingspension aus sehen kann und der angeblich aussehen soll wie eine Frau, die auf der Seite liegt.

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Unser Vorhaben würde von unserem lieben Pensionsbesitzer eifrig unterstützt. Das wäre ein ganz toller Berg zum Besteigen! Man würde dort auch oft Familien mit Kindern treffen. Warum waren wir eigentlich noch nie auf dem Berg, obwohl wer so nah an der Pension ist? Tja, warum denn nur nicht? Das musste geändert werden!

Der Tateshimayama ist 2531 m hoch und damit natürlich ein ganz schöner Brocken, aber wir starteten unsere Tour auf 1906 m an der 7. Station und damit sollte der Aufstieg doch um einiges leichter von der Hand gehen, oder? ODER??? Ihr könnt euch wohl bereits dank der Überschrift denken, dass er das absolut nicht war.

Es ging wortwörtlich über Stock und Stein. Der Berg war an einigen Stellen so steil, dass man sich an in die Felsbrocken geschlagenen Eisenketten hochziehen musste.

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Wir waren für eine Bergtour angezogen und ausgerüstet, aber nicht für SOLCH eine Bergtour. Schnell stellten wir fest, dass auf dem Geröll Wanderschuhe, die den Knöchel stützen, eine ganz fantastische Idee gewesen wären. Tja, hinterher ist man immer schlauer.

Nach circa 2/3 des Weges errichten wir eine Hütte, in der wir uns bei einer Schüssel Rahmen erst einmal eine verlängerte Pause gönnten.

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2018-07-13 12.59.28Hier deckten wir uns auch mit ein paar wahnsinnig überteuerten zusätzlichen Flaschen Wasser ein, denn die, die wir mitgebracht hatten, hatten wir durch die für Nagano recht ungewöhnliche Hitze bereits geleert. Wir hatten diese Bergtour echt so unterschätzt XD

Von der Hütte aus ging es gut noch einmal 1 Stunde weiter. Die Felsbrocken, die man sich hochziehen musste, wurden immer größer, der Aufstieg dadurch immer anstrengender. Ich freute mich auf die Aussicht, machte mir aber gleichzeitig auch schon Sorgen über den Abstieg. Wie sollten wir hier nur wieder runterkommen? O__o

Nach einer gefühlten Ewigkeit und mit bereits einsetzendem Muskelkater erreichten wir nach rund 2.5 Stunden endlich die Spitze. Oder besser gesagt: den Krater, denn beim Tateshimayama handelt es sich um einen ruhenden Vulkan.

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Das war schon ein ziemlich beeindruckender Anblick, der auch dafür entschädigte, dass sich der Himmel während unserer Klettertour vollkommen zugezogen hatte und mit toller Aussicht so gut wie gar nichts war. Ansonsten kann man dank des Kraters und der spärlichen Vegetation eine 360-Grad-Aussicht auf die gesamte Umgebung genießen. In der Mitte des Kraters steht dann der Tateshina-Schrein. Klein, ziemlich alt und im Nebel auch dezent gruslig.

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Geschafft ließen wir uns auf zwei halbwegs ergonomisch geformten Felsen fallen, aßen unsere mitgebrachten Snacks und bestaunten das Bisschen der Aussicht, das wir sehen konnten.

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In meinen Oberschenkeln breitete sich bereits der Muskelkater aus. „Das wird ein Abstieg werden …“, dachte ich die ganze Zeit besorgt. Und ich sollte recht behalten. Es war brutal. Neben Wanderstiefeln, die die Knöchel stützten, hätten Kei und ich für mehr Stabilität gut und gerne auch diese lustigen Wanderstöcke gebrauchen können. So schlitterten wir auf dem Geröll mehr als dass wir liefen, und einmal rutschte ich so stark aus, dass ich erst zum Halten kam, als ich mit Schienbein voran gegen einen umgefallenen Baum rutschte. Autsch! Alle anderen schienen mit dem Abstieg weniger Probleme zu haben, aber sie waren auch besser ausgerüstet. „Hach, aber ich bin doch so langsam!“, kicherte eine ältere Dame, als ich sie auf dem engen Pfad vorließ, nur um 5 Minuten später komplett aus meinem Blickfeld verschwunden zu sein. Bergsteigesenioren in Japan sind schon hardcore, aber die in Nagano sind noch mal aus einem ganz anderen Holz geschnitzt!

Der Abstieg dauerte fast so lange wie der Aufstieg, weil wir uns so langsam und vorsichtig fortbewegen mussten. Irgendwann hatten wir es aber geschafft und Kei, der Schuft, hatte doch tatsächlich bis zum Schluss keinen Muskelkater. Wie macht er das nur??? Im Auto tat ich das, was wir vor der Tour vielleicht hätten tun sollen: Was sagt denn das Internet zum Tateshinayama? Während alle Japaner ihn als Anfängerberg einstuften, fand ich auf englischen Seiten Eindrücke, die sich eher mit unseren deckten. Was ist dieses gesamte Land so bergsteigefit?!

An unseren Gesichtern erkannte der Pensionsbesitzer sofort, dass die Bergwanderung nicht ganz so ein Spaziergang gewesen war, wie er sie angekündigt hatte. Und Familien mit Kindern hatten wir auch keine getroffen! „Wirklich? Dabei machen die Schulen hier sogar Klassenausflüge hoch auf den Berg! In Nagano ist Bergsteigen nämlich ein Schulfach!“ Mir fiel fast die Kinnlade runter! Die Leute aus Nagano sind TATSÄCHLICH aus einem ganzen anderen Holz geschnitzt!

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Als wir abends unsere übliche Runde mit Adele um den See liefen, stimmten Kei und ich beide überein, dass wir erst einmal keine Wiederholung des heutigen Ausfluges brauchten.

„Oh, aber hast du die Hütte kurz vor der Spitze gesehen?“, fragte Kei plötzlich. Das hatte ich. Kurz vor der Spitze gab es tatsächlich noch eine weitere, etwas kleinere Hütte. „Hast du gesehen, dass man in der übernachten kann?“, fragte Kei weiter. Auch das hatte ich gesehen. Für 8300 Yen pro Nacht pro Person inklusive zwei Mahlzeiten konnte man das. Der Sternenhimmel dort oben, wenn es sich nicht wieder zuzieht wie an dem Tag, muss fantastisch sein. Vielleicht war das doch nicht unser letzter Ausflug auf den Tateshinayama. Aber das nächste Mal dann mit besserer Ausrüstung! 😛

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[Kurz eingeschoben] Bottle Keep

Um das Wochenende einzuläuten, gehen Kei und ich fast jeden Freitag Abend nach Arbeit zusammen was Essen. So einmal die Woche kann man das schon machen. Gestern war uns nach Okinawa-Style und wir landeten in einem entsprechenden izakaya af zwei Sitzen direkt an der Bar, die mit Flaschen voll Alkohol zugestellt war. Und an einigen dieser Flaschen hing etwas Interessantes:

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Visitenkarten! Richtige echte Visitenkarten von Firmenangestellte! (Zur Wahrung der Privatsphäre dieser Leute habe ich die Aufdrucke der Karten mal verpixelt 😉 ) Was ich zuerst für im Suff liegen gelassene Gegenstände hielt, ist in Japan laut Kei ein Weg, um Alkoholflaschen zu markieren, die von jemandem bei einem Besuch gekauft, aber nicht geleert wurden, und die dann einfach beim nächsten Besuch weitergetrunken werden. ボテルキープ boteru kīpu heißt das Ganze auf Japanisch – zusammengebastelt aus den englischen Worten für „Flasche und „behalten“. Visitenkarten sind dabei nicht die einzige Möglichkeit, verkaufte Flaschen zu kennzeichnen. Wie auf dem Bild oben zu sehen, kann man auch einfach ganz groß den Namen des Gastes mit einem Stift auf die Flasche selbst schreiben.

Und warum macht man so etwas? Nun, für den Kunden ist in Flaschen gekaufter Alkohol nach einer gewissen Anzahl Gläser günstiger, als wenn er jedes Glas einzeln bezahlen würde, und er kann sich sicher sein, dass die Kneipe am entsprechenden Abend seinen bevorzugten Alkohol vorrätig hat. Für den Laden bedeutet eine verkaufte Flasche schneller Gewinn, es stärkt die Kundenbindung an den Laden, denn der Kunde hat ja nun ein gesteigertes Interesse daran, wieder und wieder zu kommen (und natürlich auch Freunde und Kollegen mitzuschleppen), und es dient zudem ein wenig als Werbung – „Herr xx von der prestigeträchtigen Firma xx kehrt hier also regelmäßig ein? Interessant!“. Und immerhin wird Alkohol ja auch nicht schlecht, oder? Dass das dabei so öffentlich mit Visitenkarten mit vollem Namen und Firmennamen und Firmen- und Mailadresse und Telefonnummer zugeht, hat mich dabei dann doch überrascht. Es kann ja wirklich jeder in dem Laden die Visitenkarten lesen. Aber gut, sich mal so an einem Abend eine ganze 50 bis 100 Euro teure Flasche Whiskey leisten zu können, macht ja auch irgendwie Eindruck 😛

Und so gibt es also auch nach so vielen Jahren in diesem Land immer noch Dinge, von denen ich noch nie etwas gehört habe und ganz fasziniert entdeckt. Ich dachte, ich lasse meine Leser mal dran teilhaben 😉

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