Die Odakyū und ich – Ein Drama in drei Akten

Akt 1: Die Verblendung

Blog_17368199845_1dd07516ed_bIm Jahr 2007 kam ich als Austauschstudentin der überaus ländlich gelegenen Tōkai-Universität nach Japan. Der Bahnhof, der der Uni am nächsten war, war der so treffend benannte Tōkaidaigaku-mae-eki 東海大学前駅, der „Bahnhof vor der Tōkai-Universität“, bedient von der Odakyū-Linie, die Odawara mit Shinjuku verbindet. Er war mit fast 30 Minuten zu Fuß von unserem Wohnheim aus nicht gerade um die Ecke, und der Unterricht an der Tōkai hielt uns besonders im ersten Halbjahr so beschäftigt, dass wir uns nur selten in Richtung Tōkyō begaben. Wenn wir uns aber doch mal auf den langen Weg machten, zeigte sich die Odakyū uns eigentlich immer als verlässliches Transportmittel. Und da wir quasi am Arsch der Welt zustiegen, bekamen wie auch fast immer einen Sitzplatz für die über einstündige Fahrt nach Shinjuku. In meiner überaus begrenzten Erfahrung mit der Odakyū in diesem einem Jahr blieb sie mir daher positiv im Gedächtnis. Ganz im Gegensatz zur Tōkaidō-Linie 東海道線, die mich im Jahr 2011 ab und an zur Keiō-Uni, im Jahr 2013 jeden Tag zu meinem Praktikumsplatz und ab 2014 für einen Monat jeden Morgen zu meinem ersten festen Job brachte. Nicht nur dauerte die Fahrt von unserer Wohnung in Hiratsuka nach Shinjuku 2.5 Stunden, sondern es war auch ständig was auf der Tōkaidō. Wenn ich pro Fahrt mit nur 10 Minuten Verspätung davon kam, war ich schon froh. Da die Linie auf ihrer Fahrt mehrere Brücken überquert, hält sie oft schon bei stärkerem Wind, Regen, Schnee sowieso … Da sie sich ihre Gleise mit anderen Linien teilt, ist sie auch immer betroffen, wenn irgendwas auf einer der anderen Linie passiert. Und da Mietpreise in Kanagawa im Vergleich zu Tōkyō sehr viel günstiger sind, pendeln viele Leute auf der Tōkaidō-Linie bis nach Tōkyō rein – die Sitzplatzgarantie tendiert daher zu fast allen Zeiten gen Null. Mit Sehnsucht dachte ich oft an die Odakyū-Linie zurück, während meine Fahrt eingequetscht zwischen anderen genervten Pendlern mal wieder doppelt so lange dauern würde als sie sollte.

Akt 2: Das böse Erwachen

Blog_48439030377_c1c39f6b28_bIm Mai 2014 zogen wir von Hiratsuka nach Sagamiōno 相模大野. 5 Stunden Bahnfahrt am Tag – das macht man eben nicht lange mit und schon nach einem Monat hatte ich meine Grenze erreicht. Kei arbeitete damals noch in Hiratsuka und Sagamiōno lag quasi auf der Mitte. Während Kei sich nun also mit der Tōkaidō-Linie rumschlagen musste, stieg ich auf die Odakyū um. Und schnell fiel ich von meiner Traumwolke aus meiner Uni-Zeit: Viel nahmen sich die Odakyū- und die Tōkaidō-Linie nämlich leider nicht. Auch auf der Odakyū kam es in aller Regelmäßigkeit zu Verspätungen aus mannigfaltigen Gründen. In richtig schlimmen Wochen gab es eine Durchsage, wenn wir es mal PÜNKTLICH nach Shinjuku schafften. Auch in Sagamiōno sind die Mietpreise vergleichen mit Tōkyō noch sehr günstig, und da man es in 35 bis 45 nach Shinjuku schaffen kann also für Leute, die in Tōkyō arbeiten, ebenfalls überaus attraktiv. Erneut stand ich, trotz vom japanischen Standard ordentlich abweichenden Arbeitszeiten, eingequetscht zwischen anderen genervten Pendlern und kam bereits fix und fertig morgens auf Arbeit an. Ach ja, der Schleier der Nostalgie. Wenigstens brauchte ich von Tür zu Tür „nur“ noch 1.5 Stunden. Immer positiv bleiben!

Akt 3: Das Schlupfloch

Im September desselben Jahres schickte mich meine Firma auf die Tōkyō Game Show. Viel sah ich von ihr nicht, da ich gleich bei betreten des Gebäudes von hinten angerempelt wurde, die Treppe nach unten runterbretterte und mir den Fuß ziemlich heftig verletzte. Den Rest des Tages verbrachte ich auf der Krankenstation und dann damit irgendwie nach Hause zu kommen. Ich war noch nicht einmal ein halbes Jahr in meiner neuen Firma, hatte kaum Urlaubstage und war auch nur auf Vertrag angestellt – wer will sich da schon lange freinehmen, auch wenn man sich die Bänder überdehnt hatte und den Fuß eigentlich ruhigstellen sollte? Aber wie sollte ich jetzt stolperfrei zur Arbeit kommen? Die priority seats konnte ich vergessen – meine Verletzung sah man von außen nicht wirklich, und nicht mal Leute, die auf Krücken einsteigen, bekommen am Morgen dort einen Platz. Zu viele Salarymen, die zu tief auf den ihnen nicht zustehenden Sitzen eingenickt sind. Klar hätte ich da jeden Morgen einen von denen aufwecken und um den Sitzplatz bitten können, aber glaubt mir, davon hat man schnell die Schnauze voll. Meine Rettung kam in Form des so genannten romance cars ロマンスカー, einer Linie von Sonderzügen auf der Odakyū, die beliebte Ausflugsziele wie Hakone und Enoshima mit Shinjuku verbinden.

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Blog_48650742951_4183f7b418_bZusätzlich zum normalen Fahrtpreis bezahlt man von Sagamiōno aus 410 Yen (3,40 Euro) extra und bekommt einen Sitzplatz. Und so begann meine heiße Affäre mit dem romance car. Denn für nur 160 Euro mehr im Monat musste ich nun nicht mehr stehen, nicht mehr einquetscht zwischen anderen Pendlern schwitzen, nicht mehr vollkommen erschöpft auf Arbeit ankommen und schon am Morgen durch sein mit dem Tag und den Nerven – und reduzierte meine Fahrtzeit nach Shinjuku sogar auf 30 Minuten. Selbst Verspätungen machen einem weniger aus, wenn man gemütlich sitzt und in sein Buch vertieft ist. Für einige mögen diese 160 Euro auf diese Weise dekadent investiert sein, aber für mich habe ich mir damit – und das klingt so abgelutscht, aber trotzdem – Lebensqualität gekauft. Und nachdem mein Fuß verheilt war, ich für eine Weile wieder auf den normalen Zug umstieg, die Odakyū dann aber ihre Fahrpläne umstellte und meine Bahn am Morgen NOCH voller war als vorher schon, stieg ich einfach komplett auf das romance car um. Wir haben oft darüber nachgedacht, ob wir nicht näher nach Shinjuku ziehen sollten, aber dort sind die Mieten so teuer, dass uns das romance car am Ende billiger kam. Und so blieben wir vorerst in Sagaminōno und ich schloss nicht nur meinen Frieden mit der Odakyū, ich wurde ihr Fan XD

Epilog

Nach unserem Umzug im Juni nach Tōkyō rein wohnen wir nun nicht mehr auf der Odakyū-Linie. Nach seinem Jobwechsel wäre sonst nämlich Kei derjenige gewesen, der alleine jeden Morgen 2.5 Stunden von Tür zu Tür zu seiner neuen Firma gebraucht hätte. Eingequetscht in der Rush Hour. Ich erinnerte mich daran, wie sehr das damals vor 5 Jahren an mir gezerrt hat. Der einzige Nachteil am romance car ist nämlich, dass sie in der Rush Hour zwischen 7 und 9 Uhr nicht eingesetzt werden und Kei damit kein Schlupfloch boten. Und auch wenn er seine Arbeitszeit vielleicht irgendwie hätte verschieben und später hätte anfangen können: Auch wenn man vielleicht für 160 Euro oben drauf keine vergleichbare Wohnung in Tōkyō findet, mit 320 Euro sieht die Sache schon wieder ganz anders aus und damit stand fest, dass wir umziehen würden 😉 Wir wohnen nun auf der Tōbu Tōjō-Linie und sind in weniger als 15 Minuten in Ikebukuro und beide in jeweils einer halben Stunde auf Arbeit. Kei muss sich für genau zwei Stationen in einen vollgestopften Rush-Hour-Zug quetschen, erträgt es aber jeden Morgen und jeden Abend ohne Murren. Ich kann durch meine flexiblen Arbeitszeiten der Rush Hour komplett entgehen und meine anfängliche Sorge, ob ich jemals wieder Pendeln ohne romance car ertragen würden, waren unbegründet. Nicht, dass mir mein kleiner Luxus nicht doch manchmal fehlen würde, aber eine um 2/3 verkürzte Pendelzeit macht vieles wett 😉

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7 Antworten zu Die Odakyū und ich – Ein Drama in drei Akten

  1. Anika schreibt:

    Ich bin auch so froh, dass ich nicht ganz schlimm gequetscht zur Arbeit muss und Verspätungen bei mir so selten vorkommen!

    Aber… Jeden Morgen um viertel vor 9 kommt ein Ramance Car Richtung Shinjuku an mir vorbei?

  2. hanna schreibt:

    Respekt, dass du das lange Pendeln so lange durchgezogen hast! Mir haben drei Jahre mit täglich 80 Minuten (Hin-und Rückfahrt insgesamt) im übervollen Zug gereicht. Dann habe ich auch beschlossen, mir durch eine zentralere (aber teurere) Wohnung mehr Lebensqualität zu erkaufen 😅

    • nagarazoku schreibt:

      Ich hätte im Nachhinein einfach von Anfang an aufs romance car umsteigen sollen, aber diese Ausgabe vor sich zu rechtfertigen, das hat eine Weile gedauert bei mir XD Aber ja, eine kürzere Fahrtzeit ist auch wirklich Lebensqualität für die ich im Moment gerne mehr Geld für unsere Wohnung ausgebe. Für irgendwas muss es sich ja lohnen jeden Tag zur Arbeit zu fahren und sein Gehalt zu verdienen XD

  3. So ein Romance Car fände ich auf meiner Strecke auch echt nett. Nicht, weil meine Bahn so übermäßig voll wäre, sondern weil man eben trotzdem so gut wie nie einen Sitzplatz bekommt. Zum Glück wurde uns auf Arbeit bei Einführung der Heimarbeit ausdrücklich gesagt, dass „Meine Bahnfahrt ist so nervig“ ein Grund ist, sie in Anspruch zu nehmen. 😀

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