Die Wohnung, die es dann nach ewigem Hin und Her wurde

Richtig entspannt kamen wir aus unserem Urlaub in Nagano zurück. 10 Tage frei – diese Golden Week hatten wir alle gebraucht. Und die Wohnungssuche würde nun auch zu einem Ende kommen. Am Wochenende nach der Golden Week hatten wir schon den Besichtungstermin. Dachten wir zumindest.

Am Mittwoch erhielt Kei plötzlich einen Anruf: Das Paar, das noch in der Wohnung wohnte, musste seinen Auszug verschieben. Wir könnten die Wohnung aber am 18.05. angucken gehen. Hmpf, na gut. Eigentlich hatten wir gehofft, an dem Wochenende schon umziehen zu können, aber da kann man wohl nichts machen. Zum Glück sind Umzugsfirmen hier flexibel. Unsere ließ uns die Buchung unentgeltlich auf das erste Wochenende im Juni verschieben. Etwas knapp, da Kei am 03.06. schon in seiner neuen Firma anfangen sollte, aber hier konnte man ja nichts anderes machen.

Zum Hintergrund der schon gebuchten Umzugsfirma: Ihr erinnert euch an die Wohnung „Doch kein Haustier“? Die hätten wir ja tatsächlich fast genommen. Und da wir uns die guten Umzugszeiten nicht wegschnappen lassen wollten, hatten wir, kaum dass wir die Zusage hatten, eine Umzugsfirma beauftragt. Und dann kamen all die wunderbaren Nachrichten von doch kein Haustier, Schreibtisch bleibt usw. Da wir im gleichen Bezirk nach einer neuen Wohnung suchten, war es zum Glück kein Problem, die Adresse für den Umzug im Nachhinein zu ändern.

So, Besichtigungstermin stand fest, neues Umzugsdatum auch! Oder? Am Mittwoch erhielt Kei wieder einen Anruf. „Der Auszug verschiebt sich leider noch mal. Es tut uns wirklich leid, aber am 20. sollten Sie die Wohnung auf jeden Fall sehen können.“ Bei mir machte sich langsam Unmut breit.

Ich weiß ja nicht, was bei den Vormietern los war, das den Auszug wieder und wieder verschob, aber wir wollten langsam unsere Wohnung kündigen, Internet bestellen, einen Postnachsendeauftrag aufgeben etc. pp. Es gibt ja genug zu tun. Aber okay, zwei Wochen sollten doch reichen, oder? Oder?

Und dann erhielten wie am Wochenende einen erneuten Anruf und mir platzte fast die Hutschnur. „Am 25.05. auf jeden Fall! Versprochen!!!“ WAS ZUM??? Dass wir nun bis zum 25. warten mussten, bedeutete, dass wir unsere alte Wohnung in Sagamihara für einen weiteren Monat bezahlen mussten – um das zu vermeiden hätten wir bis zum 20. kündigen müssen. Mit dem Besichtungstermin am 20.05. hätten wir es also gerade so geschafft, mit dem am 25. nun nicht mehr. Als wir das dem Makler mitteilten, fiel er aus allen Wolken. „Ach, ich dachte, Sie hätten die Wohnung gleich gekündigt, als Sie die Zusage für diese Wohnung erhalten haben?“ Ja aber wohl NUR IN DEINEN TRÄUMEN???

Als Hintergrund: Bei der sogenannten 審査 shinsa wird man als potentieller Mieter durchleuchtet. Einkommen, Arbeitsplatz, zieht man als Paar ein oder Mitbewohner etc. Kommt man durch die shinsa, bekommt man eine Zusage und darf also die Wohnung mieten, hat damit aber noch keinen Vertrag unterschrieben. Und ich hatte ja vorher gesagt, wir unterzeichnen selbigen erst, nachdem wir die Wohnung gesehen haben. Sollte heißen: Die Wohnung wollte uns zwar als Mieter haben, aber wir wussten ja noch gar nicht, ob wir die Wohnung haben wollten. Der Makler schien jedoch gedacht zu haben, wir wären SO happy und auch SO blauäugig, dass wir gleich nach bestandener shinsa unsere alte Wohnung gekündigt hätten. In dem Fall hätten wir aber in die neue Wohnung nehmen müssen, egal, ob sie uns gefällt oder nicht, einfach nur um nicht auf der Straße zu landen. Nee, SO blöd sind wir nicht. Aber nun standen wir da. Mit doppelter Miete für den Juni. Zum Glück gab es den Monat davor für uns beide jeweils eine Gehaltserhöhung …

Nun stand ich natürlich dezent auf Kriegsfuß mit der Wohnung, obwohl die selbst für das ganze Dilemma ja gar nichts konnte. Kei machte sich vielleicht nicht ganz unberechtigt Sorgen, dass ich die Wohnung jetzt noch viel akribischer unter die Lupe nehmen würde. Wenigstens mussten wir den Umzugstermin nicht noch einmal verschieben. Falls es denn beim 25. bleiben sollte. Ich hatte zwar ehrlich gesagt mit noch einem Anruf gerechnet, aber er kam nicht. Und so konnten wir am 25.05., laut Makler keine 20 Minuten, nachdem der Umzugswagen der Vormieter abzogen war, ENDLICH die Wohnung in Augenschein nehmen. Hatte sich das Warten gelohnt und die Wohnung meinem nun noch akribischerem Blick standgehalten? Da die Wohnung den Namen „Die Wohnung, die es dann wurde“ trägt, natürlich 😉

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Gebäude noch mal von außen. Die Baustelle links im Bild ist zum Glück inzwischen abgeschlossen.

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Die Living-Dining-Kitchen. Statt eines Esstisches haben wir aber lieber unsere Bücherregale hier 😉

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Schimmelfrei! 😛

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Walk-in-closet und eine Treppe, die nicht ein Viertel der wertvollen Quadratmeter klaut. Und SO VIEL PLATZ FÜR SCHUHE!

So, und was haben wir nun bezahlt, nur um in die Wohnung einziehen zu dürfen? Setzen Sie sich lieber hin, meine Damen und Herren, denn hier wird es teuer:

– 1 Monatsmiete Miete – Okay, ja klar. Passt.
– 1 Monatsmieten Maklergebühren
– 1 Monatsmiete Dankensgeld, 礼金 reikin, an den Vermieter. Da kamen wir dieses Mal nicht drum herum. Für den Mieter ist es die Toilette runtergespültes Geld, weil es einfach wirklich nur eine „Ich erkaufe mir hiermit Ihr Wohlwollen“-Geste ist und einem nichts bringt. Für den Vermieter ist es ein schöner Anreiz, die Fluktuation an Vermietern hochzuhalten, denn mit jedem neuen Mieter gibt es einen neuen Batzen Dankensgeld. Das erklärt vielleicht, warum der Vermieter unserer Wohnung in Sagamihara uns so gar nicht mit dem Lautstärkeproblem unserer Nachbarn über uns helfen wollte. Im besten Fall geben wir auf und halten die Klappe, und im allerbesten Fall ziehen wir aus und jemand neues kommt und bringt Dankensgeld mit. In Tokyo und Umgebung sind Wohnungen so beliebt, dass man bei diesem Poker als Vermieter nur gewinnen kann.
– 1 Monatsmiete Kaution. Würden wir ein Haustier halten, müssten wir noch mal eine Monatsmiete Kaution zusätzlich bezahlen.
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Dafür gibt’s draußen lustige Sachen wie eine Fußdusche für Hunde für nach dem Spaziergang XD
– 23.760 Yen (rund 200 Euro) für den Austausch aller Schlösser. Als Sicherheitsmaßnahme, falls der Vormieter einfach Schlüssel behalten hat. Warum man das dann nicht den Vormieter bezahlen lässt …?
– aufgerundet 30.000 Yen (rund 250 Euro) für verschiedene Versicherungen und Eintritt in die Wohngemeinschaft

Bei unserer Miete kommt man damit auf eine Gesamtsumme von 588,770 Yen oder 4.900 Euro. Da ist der Umzug an sich noch gar nicht mit drin. Je höher die Miete, desto höher die Erstkosten beim Einzug. Und von dem Geld kriegt man bei Auszug höchstens die Kaution, also bestenfalls gerade mal ein Viertel zurück.

Und DAS, Ladies and Gentlemen, ist der Grund, warum ich bei der Wohnungssuche hier einen so wahnsinnigen Dickschädel entwickelt habe. Wenn ich so viel Geld nur für den Erhalt des Schlüssels hinblättern muss, muss die Wohnung schon von vorne bis hinten stimmen, denn „Ach, mal einziehen und gucken und falls es nicht passt, zieh ich wieder um“ ist bei den Preisen ein Traum für Leute mit sehr viel mehr Geld als wir. Aber an einen zügigen Auszug müssen wir bei der Wohnung jetzt zum Glück nicht denken. Wir sind sehr zufrieden!

Da wir von einer 1LDK auf eine 2LDK gewechselt haben – 2 Zimmer und eine Living-Dining-Kitchen, also offene Küche und Wohn- und Esszimmer in einem – haben wir endlich ein Zimmer, aus dem wir eine Art Büro machen konnten, was wahnsinnig praktisch ist, wenn ich Home Office mache. Wir wohnen jetzt auch der obersten von zwei Etagen und ich habe im Juni nach fast einem Jahr endlich mal wieder bis weit in die Mittagsstunden schlafen können. Ohne Scheiß: Alleine dafür hat sich der Umzug gelohnt. Selbiger war übrigens ein Abenteuer für sich, denn es war für uns auch das erste Mal, dass wir eine Umzugsfirma beauftragt haben – dazu noch mal ein extra Beitrag 😉

Ich bin bisher auch zufrieden mit unserer neuen Wohngegend, auch wenn ich leider noch nicht so viel von ihr gesehen habe, wie ich gerne hätte. Die anhaltende Regenzeit vermiest einem das Erkunden der Nachbarschaft wo sie kann. Über ein Monat und kein Ende in Sicht. Seit drei Wochen habe ich die Sonne nicht gesehen. Vom Gefühl her ist das die längste Regenzeit, die ich bisher mitgemacht habe und ich weiß, ich wiederhole mich, aber es schlägt aufs Gemüt.

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6 Antworten zu Die Wohnung, die es dann nach ewigem Hin und Her wurde

  1. Diese Regenzeit ist wirklich die schlimmste seit langem.
    Ich hoffe, diese neue Wohnung bleibt euch noch ein wenig erhalten, damit ihr den Stress möglichst lange nicht mehr habt. 🙂

    • nagarazoku schreibt:

      Auf die Hitze nach der Regenzeit freue ich mich natürlich auch nicht, aber alles ist besser als dieser ständig graue Himmel!
      Ich hoffe auch, dass wir uns erst einmal eine Weile nicht wieder damit herumschlagen müssen, Allein die Kosten @.@

  2. Bommel schreibt:

    Eine ganz tolle Wohnung! Diese Dankesgeld-Nummer ist so ein vorsintflutlicher Blödsinn. Dass das nicht endlich mal abgeschafft wird!
    Abgeschafft? In Japan?
    ……Ach ja…. ich vergaß….
    Jedenfalls freue ich mich, dass euch die Wohnung so gefällt – so könnt ihr während der Regenzeit wenigstens zwischen Büro und Schlafzimmer einen Minigolfparcour aufbauen, oder Melbourne Shuffle lernen, oder was euch sonst noch einfällt.

  3. Rotbuchenbaum schreibt:

    Mich hat immer auf die Palme gebracht, dass die Vermieter immer nur einen Zwei-Jahres-Vertrag gewähren. Bei der Verlängerung wird eine saftige Gebühr fällig.

    Vor zwanzig Jahren habe ich mir mit meiner Frau eine Eigentumswohnung gekauft.

    • nagarazoku schreibt:

      Oh ja, das ist auch so eine Sache. Da wird man echt dafür bestraft, dass man länger in einer Wohnung bleiben will, anstatt dass die Vermieter sich freuen, dass ein sich schon bewährter Mieter sich dazu entschließt, länger zu bleiben. Neue Mieter sind doch immer ein Risiko – oder denkt man nur in Deutschland so? Kei und ich haben während unserer Wohnungssuche jedenfalls auch mehrmals gesagt, dass der nächste Umzug dann eventuell das Eigenheim sein sollte.

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