[Unterwegs] Auf Herbstlaubjagd in Nagano

Entgegen der landläufigen Meinung des allgemeinen Japaners ist Japan nicht das einzige Land mit Jahreszeiten, aber man begeht sie hier schon ganz besonders intensiv, das muss ich ihnen lassen. Im Frühling, wenn die Temperaturen langsam ansteigen und es in der Sonne sogar schon richtig warm werden kann, stürmt alles nach draußen, um sich an den Kirschblüten sattzusehen. Das Äquivalent dazu im Herbst, wenn der Sommer und seine tödlichen Temperaturen sich endlich verabschiedet haben, die Luftfeuchte nachlässt und man draußen endlich wieder atmen kann, ist das Herbstlaub, auf Japanisch momiji oder auch kōyō genannt und beides übrigens mit den gleichen Kanji 紅葉 geschrieben. Und genau wie die Kirschblüte zeigt sich das Herbstlaub in einigen Regionen früher als in anderen. Während wie hier in Kantō oft bis Anfang Dezember warten müssen, kann es in den Höhen von Nagano bereits Mitte Oktober so weit sein. Also im Prinzip das gleiche Timing wie in Berlin, wenn ich mich recht erinnere. Wenn nicht, möge man es mir verzeigen – ich bin seit 4 Jahren ausschließlich im Winter dort 😛

Während wir die ersten zwei Tage unserer momiji gari 紅葉狩り – der Herbstlaubjagd – mit dem Wetter leider nicht ganz so viel Glück hatten wie gehofft, wurden wir am dritten Tag mit Sonnenschein belohnt. Wie immer bedeutet das mehr Touristen, mit denen man sich dann rumschlagen muss, aber man kann ja nicht alles haben, was? 😉

Ein empfehlenswerter Ort für die Herbstlaubjagd ist der Yachihokōgen-Park 八千穂高原自然園 in Minamisakugun 南佐久郡. Hier gibt es ein ganzes Gebiet, das gleich mal Herbstlaubgarten モミジの園 am Herbstlaubwasserfall モミジの滝 getauft wurde. Poetisch!

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Und dort war der Name dann auch Programm. Während wir am verregneten Freitag fast den ganzen Park für uns allein hatten, mussten wir ihn uns am sonnigen Sonntag aber mit mehreren Reisegruppen teilen. Zum Glück verteilten sich die Massen im Park ganz gut, obwohl nicht alle Bereiche zugänglich waren, denn Nagano hatte eine Weile mit starken Regenfällen und Taifunschäden zu kämpfen, die auch den Park in Mitleidenschaft gezogen haben. Aber der Herbstlaubpark am Herbstlaubwasserfall war nicht betroffen 😉

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Der Park ist auch so angelegt, dass es in fast jeder Jahreszeit (richtig tiefen Winter mal ausgenommen) was zu gucken gibt – z.B. Kischblüten im Mai und Lilien im August. Warum schreibe ich richtig tiefer Winter? Weil es sich zeitweise im Oktober schon wie tiefer Winter angefühlt hat. Ohne Daunenjacke kommt man zu dieser Zeit besser nicht her, und ich war dieses Mal nach dem Kälteschock zur Golden Week auch eindeutig besser vorbereitet XD

Im Anschluss an seinen Spaziergang im Park kann man es sich im angeschlossenen Restaurant vor dem Kamin gemütlich machen und futtern.

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Kei fand seine soba eigentlich ganz toll, bis dann mein katsudon kam. Also, wer nimmt denn auch Nudeln, wenn er Fleisch haben kann? 😛 Große Empfehlung auf jeden Fall. Irgendeine auf irgendeine besondere Weise in Nagano gezüchtete Schweinesorte. Natürlich war ich eine liebe Frau und überließ Kei eines meiner drei Stücke 😛

Ein anderer Ort, der in Nagano für sein Herbstlaub bekannt ist, ist der Shirakoma-See, doch der liegt noch mal ein paar Meter höher und damit hatte sich das Herbstlaub hier leider schon verabschiedet, als wir ankamen. Das hielt Reisebusse nicht davon ab, Massen von Touristen hier abzuladen, aber die Enttäuschung stellte sich bei vielen schnell ein. Ich hingegen hatte viel Spaß mal wieder ein Set an Vorher-Nachher-Bildern zu schießen, denn bei unserem letzten Besuch hier – damals wollten wir eigentlich Moos sehen – war alles zugeschneit gewesen.

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Gab es denn dieses Mal Moos zu sehen? Na ja, ein wenig. Leider hat es wohl auch sehr unter dem letzten Taifun gelitten.

Ein Ort, den wir gar nicht so richtig als Herbstlaub-Sightseeingspot auf den Radar hatten, war dann tatsächlich der Megami-See 女神湖 in der Nähe unserer Pension. Anscheinend waren wir da aber die einzigen, denn die Pension war genau aus diesem Grund an dem Wochenende komplett ausgebucht und wir sahen auch immer mal wieder Reisebusse an den See fahren, Touristen ausspucken und nach 20 Minuten wieder einsammeln. Wir hatten durch Zufall genau das Wochenende der Hochsaison der Herbstblattfärbung in Tateshina ausgewählt XD Mehrmals machten wir daraufhin natürlich die drei Tage über Spaziergänge an den See, und jedes Mal zeigte er sich uns in einem etwas anderem Licht.

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Kurz vor dem Regen

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Strahlende Farben in der Sonne

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Im Nebel

Während es draußen zwischen sonnig und regnerisch hin und her schwankte, war es in den meisten Häusern dank Kamin immer gemütlich. Manchmal hätte ich hier auch gerne einen. Aber gut, ein kotatsu ist auch nicht schlecht 😛

IMG_0870Hier in Tōkyō müssen wir, wie gesagt, auf das Herbstlaub noch ein wenig warten. Hoffentlich bekomme ich dieses Mal etwas mehr davon mit. Letztes Jahr hat es ja ständig geregnet und ich kam nur am Samstag meiner Weisheitszahn-OP dazu, auf dem Hinweg zum Zahnarzt ein wenig Herbstlaubbilder zu schießen. Na ja, sollte mir das dieses Jahr wieder passieren, habe ich in Nagano wenigstens schon vorgeherbstlaubtet 😛

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4 Antworten zu [Unterwegs] Auf Herbstlaubjagd in Nagano

  1. Bommel schreibt:

    Wahnsinn. Die Bilder sind ja unglaublich schön!
    Bei uns ist das mit der Laubfärbung eine relativ lange Angelegenheit. Einige Bäume fangen schon im September an, sich zu färben, andere halten länger durch. Dieses Jahr haben wir sehr viel vom Herbstlaub gehabt, denn es hat so wenig geregnet, dass man hier wochenlang durch die raschelnden Blätter laufen konnte und trotzdem noch was an den Bäumen hing. Sonst kennen wir ja eher die traurige Matschparade nach dem ersten Regenguss….

    • nagarazoku schreibt:

      In Japan hingegen ist das ja eigentlich der Standardherbst, nur irgendwie letztes Jahr wollte er so absolut gar nicht. Hoffentlich dieses Jahr!

  2. Lennart schreibt:

    Zunächst einmal: tolle Bilder!
    Ich bin den Japanern dankbar, uns die Begeisterung für Tourismus im eigenen Land und an der Natur nähergebracht zu haben. Schöne, sehenswerte Sachen gibt es überall – man muss nur richtig hinsehen.
    Ich dachte, momiji wäre der japanische Ahorn? Aber hier hast du es mit „Herbstlaub“ übersetzt?

    2004 hatte ich mich daran erfreut, die Kirschblüte in Deutschland dank unterschiedlicher Klimaorte zweimal (eigtl. dreimal) erleben zu können. Erst als ich in Japan war, lernte ich von der Hanami und auch der Begeisterung für Herbstfarben. Ich war aber auch ohne japanisches Zutun von den Momiji-Wäldern auf Miyajima angetan.
    Was war die Suche nach Moos? Ist das eine dritte Variante der Naturschau? Davon habe ich noch nicht gehört.
    Hattest du deine Vorher-Bilder aus dem Winter noch auf der Kamera oder hast du auf der Cloud dort selbst nachgesehen?
    So, jetzt brauche ich auch Katsudon.

    • nagarazoku schreibt:

      momiji meint in der Tat Herbstlaub allgemein, aber der japanische Ahorn ist in der Tat so verbreitet, dass er schon sinnbidlich dafür stehen kann wie die Kirschblüte für Blume im Wort hanami 😉

      Moosjagd in der Hinsicht gibt es nicht, aber wir sind damals an den Shirakoma-See gefahren, weil der besonderts schön mit Moos bewachsen sein und man sich dann wie in den „Prinzessin Mononoke“-Film versetzt fühlen soll. Bei unserem ersten Besuch war das Moos aber unter dem vielen Schnee vergraben …

      Meine Vorher-Bilder hatte ich in einer Cloud! Flickr, um genau zu sein. Vermutlich habe ich sie auch noch irgendwo auf meiner Kamera, aber da sind tausende BIlder drauf und das Scrollen und Bilderfinden dauert ewig XD

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