[Unterwegs] Ein Spaziergang durch die Edo-Zeit

Will man in Kantō ein wenig altertümliches Japan erleben, geht es meist in die Stadt Kawagoe 川越 in der Präfektur Saitama 埼玉, die man mit dem Auto in etwa einer Stunde und mit der Bahn sogar noch schneller erreichen kann. Vor ungefähr zwei Jahren besuchten Kei und ich in unseren Sommerferien Kawagoe, und obwohl wir den Charme dieses Örtchens verstanden, waren uns die Straßen zu eng und überfüllt, die Läden in den Häusern irgendwie zu modern, und außerdem lief man ständig Gefahr, von einem Auto überfahren zu werden.

2018-07-12 08.57.09Als wir nun diesen Sommer durch Nagano fuhren, fiel mir zum ersten Mal eine Stadt namens Shiojiri 塩尻 auf einem der Straßenschilder auf. Ganz erwachsen machte ich mich erst einmal über den Namen lustig – er lässt sich nämlich wortwörtlich mit „Salzarsch“ übersetzen – und fing dann aber, die Stadt zu googlen und mehr über sie herauszufinden. Und siehe da: Salzarsch … äh, Shiojiri hat ebenfalls ein Viertel, Naraijuku 奈良井宿 genannt, in dem die Häuser noch so erhalten sind wie damals zur Edo-Zeit (von 1603 bis 1868). Da wir an unserem letzten Tag in Nagano die Rückfahrt immer so lange wie möglich herausschieben, war das doch ein perfektes Ausflugsziel. Gesagt, getan!

Von Tateshina 蓼科 aus brauchten wir ungefähr eine Stunde mit dem Auto. Für die Höhen Naganos war es an dem Tag ungewöhnlich heiß, aber das hielt uns nicht ab. Wir schwitzten bei 35 Grad in der Sonne, und auch die Gebäude boten keine Abkühlung, denn „erhalten wie zu Edo-Zeiten“ bedeutet eben auch keine Klimaanlagen. Aber Naraijuku war den Besuch absolut wert!

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Es war wirklich ein Anblick, den man nicht alle Tage hat! Holzgebäude reihte sich an Holzgebäude, und in jedem befand sich ein kleines Café oder Restaurant, ein Laden, der traditionelles Handwerk anbot, oder auch einfach nur ein Mitbringselshop. Aber irgendwie alles auf Edo gemacht.

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Geschmacksrichtung „Honigmelone“. In der heißen Sommersonne natürlich sofort am Schmelzen.

Alles in allem gefiel uns dieses Edo besser als das in Kawagoe. Auf den Straßen waren zwar Autos erlaubt, aber es waren so viel weniger von ihnen unterwegs und man musste nicht alle fünf Sekunden ausweichen, um nicht überfahren zu werden. Auch waren außer uns nur wenige anderen Touristen vor Ort. Wir hatten für Japan fast dekadent viel Platz zum Laufen! Die Hitze war natürlich eine Herausforderung – besonders, weil man sich zwischendurch nicht einfach mal in einem runtergekühlten Restaurant ausruhen konnte -, aber eigentlich wird es hier ja auch nicht so heiß. Und zum Glück gab es genügend Eisstände mit interessanten Geschmacksrichtungen zum Abkühlen.

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So, und wieso heißt Salzarsch nun eigentlich Salzarsch? Dazu gibt es zwei Theorien, die sich beide um Salz drehen. Da die Gegend kein Meer in der Nähe hat, konnte Salz nicht selbst hergestellt, sondern musste herantransportiert werden. In der ersten Theorie erhielt die Stadt ihren Namen daher, dass immer hier der letzte Batzen Salz verkauft wurde. In der zweiten Theorie lag Shiojiri genau auf der Mitte von zwei Salztransportwegen – einmal vom Japanischen Meer und einmal vom Pazifik her – und war damit sozusagen die Salzendstation. Keine der Theorien ist offiziell von der Stadt bestätigt. Dementsprechend kann ich weiterhin behaupten, dass ein Shōgun einem anderen eins auswischen wollte und die Stadt daher „Salzarsch“ nannte! 😛

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5 Antworten zu [Unterwegs] Ein Spaziergang durch die Edo-Zeit

  1. Lennart schreibt:

    Ich bin viel zu selten auf deinem Blog. Besonders die Wander-Einträge liebe ich, da wir selbst unheimlich gern in Japan wandern und immer auf der Suche nach Tipps sind.
    Die Atmosphäre des alten Dorfs ist sehr schön beschrieben!

    • nagarazoku schreibt:

      Vielen lieben Dank, das freut mich doch sehr :3 Hast du denn vielleicht noch ein paar Tipps für ein paar Wanderungen in Japan? Kei und ich suchen ja auch immer nach was Neuem 😉

      • Lennart schreibt:

        Viele habe ich noch nicht gemacht…
        Aber definitiv empfehlenswert war die 3-Gipfel-Tour über Haguro-san, Gassan und Yudono-san in Tôhoku. Wir hatten einen Ryokan direkt am Eingang zum Haguro-san mit fantastischen Hosts und Essen. Zum Gassan kommt man sogar mit dem Nahverkehr (leider stark saisonal). Wir waren Ende September dort und hatten strahlend blauen Himmel, während die Büsche bereits knallgelb und orange leuchteten. Großartige und farbenprächtige Aussicht. Von dort steigt man ab bis zum Yudono-san. Das ist eine einfache bis mittlere Ein-Tages-Tour. Der Haguro-san hat eher spirituelle Bedeutung und ist ein 2h-Spaziergang.

      • nagarazoku schreibt:

        Die klingt ganz toll! Die merke ich mir auf jeden Fall! Danke 😉

  2. Pingback: Noch mal Edo in Nagano – Unnojuku | Ein Nagarazoku in Japan

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