[Unterwegs] Der Berg, der uns beinahe in die Knie zwang

Sommer und das Nagarazoku verzieht sich mit Sack und Pack nach Nagano? Kennen wir ja. Dieses Mal waren Kei und ich dabei sehr ambitioniert und hatten uns den Tateshinayama 蓼科山 vorgenommen – den Berg, den man von unserer Lieblingspension aus sehen kann und der angeblich aussehen soll wie eine Frau, die auf der Seite liegt.

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Unser Vorhaben würde von unserem lieben Pensionsbesitzer eifrig unterstützt. Das wäre ein ganz toller Berg zum Besteigen! Man würde dort auch oft Familien mit Kindern treffen. Warum waren wir eigentlich noch nie auf dem Berg, obwohl wer so nah an der Pension ist? Tja, warum denn nur nicht? Das musste geändert werden!

Der Tateshimayama ist 2531 m hoch und damit natürlich ein ganz schöner Brocken, aber wir starteten unsere Tour auf 1906 m an der 7. Station und damit sollte der Aufstieg doch um einiges leichter von der Hand gehen, oder? ODER??? Ihr könnt euch wohl bereits dank der Überschrift denken, dass er das absolut nicht war.

Es ging wortwörtlich über Stock und Stein. Der Berg war an einigen Stellen so steil, dass man sich an in die Felsbrocken geschlagenen Eisenketten hochziehen musste.

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Wir waren für eine Bergtour angezogen und ausgerüstet, aber nicht für SOLCH eine Bergtour. Schnell stellten wir fest, dass auf dem Geröll Wanderschuhe, die den Knöchel stützen, eine ganz fantastische Idee gewesen wären. Tja, hinterher ist man immer schlauer.

Nach circa 2/3 des Weges errichten wir eine Hütte, in der wir uns bei einer Schüssel Rahmen erst einmal eine verlängerte Pause gönnten.

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2018-07-13 12.59.28Hier deckten wir uns auch mit ein paar wahnsinnig überteuerten zusätzlichen Flaschen Wasser ein, denn die, die wir mitgebracht hatten, hatten wir durch die für Nagano recht ungewöhnliche Hitze bereits geleert. Wir hatten diese Bergtour echt so unterschätzt XD

Von der Hütte aus ging es gut noch einmal 1 Stunde weiter. Die Felsbrocken, die man sich hochziehen musste, wurden immer größer, der Aufstieg dadurch immer anstrengender. Ich freute mich auf die Aussicht, machte mir aber gleichzeitig auch schon Sorgen über den Abstieg. Wie sollten wir hier nur wieder runterkommen? O__o

Nach einer gefühlten Ewigkeit und mit bereits einsetzendem Muskelkater erreichten wir nach rund 2.5 Stunden endlich die Spitze. Oder besser gesagt: den Krater, denn beim Tateshimayama handelt es sich um einen ruhenden Vulkan.

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Das war schon ein ziemlich beeindruckender Anblick, der auch dafür entschädigte, dass sich der Himmel während unserer Klettertour vollkommen zugezogen hatte und mit toller Aussicht so gut wie gar nichts war. Ansonsten kann man dank des Kraters und der spärlichen Vegetation eine 360-Grad-Aussicht auf die gesamte Umgebung genießen. In der Mitte des Kraters steht dann der Tateshina-Schrein. Klein, ziemlich alt und im Nebel auch dezent gruslig.

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Geschafft ließen wir uns auf zwei halbwegs ergonomisch geformten Felsen fallen, aßen unsere mitgebrachten Snacks und bestaunten das Bisschen der Aussicht, das wir sehen konnten.

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In meinen Oberschenkeln breitete sich bereits der Muskelkater aus. „Das wird ein Abstieg werden …“, dachte ich die ganze Zeit besorgt. Und ich sollte recht behalten. Es war brutal. Neben Wanderstiefeln, die die Knöchel stützten, hätten Kei und ich für mehr Stabilität gut und gerne auch diese lustigen Wanderstöcke gebrauchen können. So schlitterten wir auf dem Geröll mehr als dass wir liefen, und einmal rutschte ich so stark aus, dass ich erst zum Halten kam, als ich mit Schienbein voran gegen einen umgefallenen Baum rutschte. Autsch! Alle anderen schienen mit dem Abstieg weniger Probleme zu haben, aber sie waren auch besser ausgerüstet. „Hach, aber ich bin doch so langsam!“, kicherte eine ältere Dame, als ich sie auf dem engen Pfad vorließ, nur um 5 Minuten später komplett aus meinem Blickfeld verschwunden zu sein. Bergsteigesenioren in Japan sind schon hardcore, aber die in Nagano sind noch mal aus einem ganz anderen Holz geschnitzt!

Der Abstieg dauerte fast so lange wie der Aufstieg, weil wir uns so langsam und vorsichtig fortbewegen mussten. Irgendwann hatten wir es aber geschafft und Kei, der Schuft, hatte doch tatsächlich bis zum Schluss keinen Muskelkater. Wie macht er das nur??? Im Auto tat ich das, was wir vor der Tour vielleicht hätten tun sollen: Was sagt denn das Internet zum Tateshinayama? Während alle Japaner ihn als Anfängerberg einstuften, fand ich auf englischen Seiten Eindrücke, die sich eher mit unseren deckten. Was ist dieses gesamte Land so bergsteigefit?!

An unseren Gesichtern erkannte der Pensionsbesitzer sofort, dass die Bergwanderung nicht ganz so ein Spaziergang gewesen war, wie er sie angekündigt hatte. Und Familien mit Kindern hatten wir auch keine getroffen! „Wirklich? Dabei machen die Schulen hier sogar Klassenausflüge hoch auf den Berg! In Nagano ist Bergsteigen nämlich ein Schulfach!“ Mir fiel fast die Kinnlade runter! Die Leute aus Nagano sind TATSÄCHLICH aus einem ganzen anderen Holz geschnitzt!

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Als wir abends unsere übliche Runde mit Adele um den See liefen, stimmten Kei und ich beide überein, dass wir erst einmal keine Wiederholung des heutigen Ausfluges brauchten.

„Oh, aber hast du die Hütte kurz vor der Spitze gesehen?“, fragte Kei plötzlich. Das hatte ich. Kurz vor der Spitze gab es tatsächlich noch eine weitere, etwas kleinere Hütte. „Hast du gesehen, dass man in der übernachten kann?“, fragte Kei weiter. Auch das hatte ich gesehen. Für 8300 Yen pro Nacht pro Person inklusive zwei Mahlzeiten konnte man das. Der Sternenhimmel dort oben, wenn es sich nicht wieder zuzieht wie an dem Tag, muss fantastisch sein. Vielleicht war das doch nicht unser letzter Ausflug auf den Tateshinayama. Aber das nächste Mal dann mit besserer Ausrüstung! 😛

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4 Antworten zu [Unterwegs] Der Berg, der uns beinahe in die Knie zwang

  1. Ich staune auch jedes Mal, wie fit diese japanischen Rentner sind! Als ich nach Deutschland geflogen bin, saß neben mir eine 73-Jährige, die für zwei Wochen durch italienische Berge klettern wollte! Dreiundsiebzig!!!

    • nagarazoku schreibt:

      Da bleibt einem echt vor Staunen nur der Mund offen stehen! Wie machen die das nur! Irgendein Geheimnis müssen sie haben! Ich will im Alter auf jeden Fall auch so fit sein, aber wie nur, wenn ich das nicht mal mit Anfang 30 bin? XD

  2. Bommel schreibt:

    So anstrengend es war: Mit guten Stiefeln und Stöcken ausgerüstet wird es nächstes Mal viel besser werden!
    ….
    So ähnlich denke ich jedenfalls auch über meinen Fuji-Aufstieg damals, bei dem ich das Wort „Kälte“ neu definieren lernte. Irgedwann werde ich mit dir eine Bergtour machen! Mit 73 werden wir all das junge Gemüse abhängen!

    • nagarazoku schreibt:

      „Uhuhu, aber wir sind doch so langsam!“, kichern wir dann, wenn wir an den Jungspunden vorbeihuschen und bereits nach wenigen Minuten aus ihrem Blickfeld verschwunden sind. Das wird ein Spaß!

      An den Fuji hab ich mich ja noch gar nicht gewagt, und ich höre auch nie etwas Gutes über diesen Aufstieg. Ich glaube, der kann noch ein paar Jahre warten 😛

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