[Unterwegs] Hoch oben auf dem Berg, tief in der Höhle und mitten im Wald

Ich musste nicht mal einen teruteru bōzu 照る照る坊主 aufhängen, um die Regenzeit so schnell loszuwerden, wie ich es mir im letzten Beitrag gewünscht habe. Eine so kurze Regenzeit ist dann allerdings doch etwas gruslig und sicher kein Spaß für all die Reisbauern, die auf den Regen angewiesen sind. Zumal der Regen einer unerträglichen Hitze gewichen ist, in der man sich eigentlich nur vor die Tür trauen kann, wenn die Sonne bereits am Untergehen ist. Sommer in Japan ist und bleibt hardcore, und so kann ich nur mit Sehnsucht an unseren letzten Tag in Nagano zurückdenken, als Kei und ich uns bei Minustemperaturen von einer Seilbahn auf den Berg yatsugatake 八ヶ岳 befördern ließen. Für eine richtige Bergwanderung reichte unsere Zeit nämlich leider nicht, denn wir mussten am selben Tag ja noch den Rückweg nach Hause antreten.

Der Yatsugatake ist ein vulkanreiches Bergmassiv in Japan, das sich über die Präfektur Nagano und Yamanashi streckt – sagt Wikipedia. Ich kenne es vor allem als beeindruckende Bergkette, die man von fast überall in Nagano aus sehen kann.

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Der Yatsugatake vom hana pāku fiōre kobuchizawa 花パークフィオーレ小淵沢 aus gesehen.

IMG_9398Die Seilbahn ist mit 1900 Yen pro Person (rund 15 Euro) nicht ganz günstig, aber Parkplätze sind umsonst und in Hülle und Fülle vorhanden. Man kann die ganze Strecke auch zu Fuß bestreiten – was einige Leute getan haben, wie wir aus der Gondel beeindruckt feststellen -, aber dann dauert der Aufstieg sicher ein paar Stunden anstatt ein paar Minuten. Auf welchem Weg auch immer, oben angekommen befindet man sich auf  2237 Metern Höhe bei – in unserem Fall – minus 1 Grad. IMG_9404

Vom Ankunftsort aus kann man dann einen Rundgang ablaufen oder einen der vielen Wanderwege einschlagen – letzteres natürlich nur, wenn man ordentlich Zeit. Wir liefen also den Rundgang ab, und wieder einmal rettete mir nur Keis Winterjacke das Leben XD War das kalt! Nächstes Mal bin ich auf jeden Fall besser vorbereitet!

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2018-05-05 11.33.29Leider war es ziemlich bewölkt und man konnte nicht wirklich weit gucken, aber auf dem Rückweg hatten wir aus der Gondel heraus einen prächtigen Blick auf den tateshina-san 蓼科山, den wir uns inzwischen für unseren nächsten Ausflug nach Nagano vorgenommen haben. Man kann ja nicht ständig in Tateshina übernachten und nie auf den nahegelegenen Berg klettern 😉 Auf den Rückweg runter machten wir uns dann auch ein wenig eher, als wir geplant hatten, denn draußen war es, wie erwähnt, bitterkalt und beide Cafés oben waren hoffnungslos überlaufen. Zu schade. Aber das Problem „zu viele Menschen“ hat man auf Bergen, auf deren Spitze man mit einer Seilbahn fahren kann, ja leider immer orz

Unten angekommen wurde man ganz geschickt durch den riesigen Mitbringselbereich geführt, in dem man irgendwie versuchte, die Schweiz zu sein.

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Warum man das bei einer Bergkette tut, die doch selbst so alt und so voller Geschichte ist, ist mir ein Rätsel.

Auf dem Heimweg lassen wir uns ja gerne Zeit und fahren noch die eine oder andere Sehenswürdigkeit ab. Dieses Mal hatte ich mir eine Höhle ausgeguckt, die mir auf unserem Ausflug zum Fuji Shibazakura-Festival 富士芝桜祭り in Yamanashi aufgefallen ist: eine Eishöhle! In Yamanashi war es auch warm genug, dass diese für ein wenig angenehme Abkühlung sorgen würde. So der Plan. Allerdings hatten nicht nur wir diese fantastische Idee. Auf dem Weg zur Eishöhle gerieten wir in einen Stau, aus dem es kein Entkommen zu geben schien und der sich am Ende als Schlange hin zum Parkplatz der Eishöhle herausstellte. Äh, ja, vielleicht dann doch lieber nicht. Wir nutzen einen günstigen Augenblick, entkamen dem Stau und entdeckten, während wir ein wenig unschlüssig, was wir jetzt hier unternehmen könnten, in der Gegend herumfuhren, eine andere Höhle: die Fledermaushöhle. Das klang doch auch ziemlich cool!

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2018-05-05 15.39.27Und dort gab es auch freie Parkplätze! Für je 300 Yen (rund 2,50 Euro) erstanden wir Eintrittskarten und wurden mit jeweils einem Helm ausgerüstet. Machte ich mich zu Anfang darüber noch halb lustig, musste ich innerhalb der Höhle schnell feststellen, dass diese absolut nötig waren. Je tiefer man in die Gänge hervordrang, desto niedriger wurden nämlich die Decken, und auch wenn man sich nur hockend fortbewegte, stieß man links und rechts und oben und schräg und überall an. Meinen Rucksack musste ich irgendwann abnehmen und wie eine Affenmama ihr Affenbaby fest an den Bauch gedrückt tragen. Auf so abenteuerliche Wege bin ich dann doch nicht vorbereitet gewesen und hätte mir im Nachhinein gewünscht, ich hätte meine Wanderschuhe statt meiner Turnschuhe getragen. Wenn ihr geht: Seid schlauer als ich! Fledermäuse haben wir übrigens nicht eine gesehen, was mich bei den ganzen Leuten, die sich jedes Mal, wenn sie mit dem Kopf irgendwo anstießen, laut erschreckten, nicht wirklich überraschte.

Kei war nach all der Fahrerei der letzten Tage ziemlich fertig und beschloss, auf dem nicht wirklich gefüllten Parkplatz der Fledermaushöhle im Auto eine Stunde zu schlafen bevor es zurück nach Kanagawa ging. Ich wollte eigentlich lesen, doch schnell wurde mir langweilig und ich beschloss, den Wald, neben dem wir geparkt hatten, ein wenig näher unter die Lupe zu nehmen. Ich hinterließ Kei eine Nachricht auf dem Handy und huschte in den Wald. Und was für ein Wald das war! Die Bäume standen hoch und ließen doch sanftes Sonnenlicht durch. Der Boden war weich und man gab beim Laufen kaum ein Geräusch von sich. Ich hörte das Zwitschern der Vögel, aber sonst kein anderes Geräusch. Keine Menschen, keine Autos, keine Flugzeuge. Es war fast therapeutisch.

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Unterwegs entdeckte ich noch einen Wegweiser zu einem Vogeldorf – und damit hätten wir unser Ziel für einen weiteren Ausflug nach Yamanashi 😉

Ich kam am Auto an als Keis Alarm gerade losging. Verwundert sah er mir an.

Kei: „Wo kommst du denn her?“
Ich: „Aus dem Wald! Der ist so schön, ich wär am liebsten dort geblieben!“
Kei: „Du bist in DEN Wald dort rein?“

Kei sah ungläubig in die Richtung, aus der ich gerade gekommen war. Dann klärte er mich darüber auf, dass ich soeben in den Aoikigahara-Wald 青木ヶ原 gelatscht bin, der auch als „Selbstmordwald“ bekannt ist O_o Der Spitzname kommt nicht von ungefähr. Jedes Jahr werden in dem Wald erschreckend viele Leichen von Selbstmördern geborgen, was laut Internet auf zwei Romane des japanischen Schriftstellers Matsumoto Seichō zurückzuführen ist. Quasi „Die Leiden des jungen Werthers“ der japanischen Literatur. So kam der Wald auch außerhalb Japans zu eher trauriger Berühmtheit und wird immer wieder in den verschiedensten Medien aufgegriffen. Was dann wieder nur seine Beliebtheit als Ort zum Suizid fördert. Solange man sich auf den ausgeschriebenen Wegen bewegt, läuft man natürlich eher nicht Gefahr, auf eine Leiche zu treffen, aber allein bei der Vorstellung wurde mir doch anders … aber nur ein kleines bisschen. Zum Wildvogelpark will ich trotzdem irgendwann noch! Aber zumindest für diesen Tag war ich dann doch bereit für die Heimfahrt – nach einer kurzen Stärkung mit Rhabarberkuchen 😉 Hach, Nagano und Yamanashi verwöhnen mich :3

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4 Antworten zu [Unterwegs] Hoch oben auf dem Berg, tief in der Höhle und mitten im Wald

  1. Bommel schreibt:

    Wow, was für ein Ausflug!
    Fahrt auf jeden Fall noch einmal zu diesem Vogelpark. Ein so schöner Wald sollte für seine wunderbaren Sehenswürdigkeiten bekannt sein und nicht als dämonischer Hort von Tod und Verdammnis gefürchtet werden.
    Wie man im Auto schlafen kann, verstehe ich bis heute nicht, aber ich bewundere die Fähigkeit.

    • nagarazoku schreibt:

      Und auch noch so tief und fest, dass er nicht mal aufgewacht ist, als ich das Auto verlassen, die Tür zugeworfen und ihn eingeschlossen habe! Beeindruckend!

  2. Tabea schreibt:

    Du warst mal eben rein zufällig im berüchtigten Selbstmörderwald! o__O Gut, dass es nicht O-Bon war. *schauder*

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