Dem Unglücksjahr den Teufel austreiben

„Sag mal, hast du dieses Jahr nicht dein Unglücksjahr?“, war der erste Satz, den Kei nach unserer Ankunft zurück in Japan zu mir sagte. Was für ein Start ins neue Jahr, ey 😄

Unter dem Begriff yakudoshi 厄年 fasst man in Japan die Unglücksjahre zusammen, die jeden bis zu vier Mal im Leben heimsuchen: Frauen im Alter von 19, 33, 37, 61 Jahren, und Männer mit 25, 42 und 61. Das ist aber nett, dass wir Frauen nicht nur ganze  VIER Mal damit gestraft sind, nein, wir dürfen in unseren 30igern da auch gleich zwei Mal durch. Na danke!

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Ein etwas älteres Photo aus dem Jahr 2008 – aus irgendeinem Grund ist es das aktuellste dieser Aufsteller, das ich habe 😄

Die Jahre werden übrigens nach dem so genannten kazoedoshi-System, 数え年, gezählt, nach dem man bei seiner Geburt bereits ein Jahr alt ist. An jedem Schrein gibt es eine Übersicht über die diesjährigen Unglücksjahrgänge, und am wenigstens verwirrt man sich selbst, wenn man da nicht auf die Altersangabe guckt, sondern auf die Jahreszahl der Geburt.

Und was macht man nun, wenn man von so einem Unglücksjahr betroffen ist? Man geht zu einem Schrein seiner Wahl, lässt ordentlich Kohle springen und sich das dort das Unglücksjahr mit einer Zeremonie austreiben. Es gibt einfach nichts, was man an einem Schrein in Japan für Geld nicht kaufen könnte 😛

Eine von Keis Kolleginnen erzählte Horrorstories von stundenlangen Anstehen an den großen und beliebten Schreinen, also entschieden wir uns, einen etwas abgelegenen, kleineren aufzusuchen. Unsere Wahl fiel auf den Kasuga-Schrein, 春日神社, in Yokohama, einem Ableger des Kasuga-Großschreins, 春日大社, in Nara. Und weil Nara für seine Rehe bekannt ist, versprach man auch am Ableger Rehe – yay!

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Natürlich regnete es, als wir ankamen. Zum Glück gab es ein Zelt, in dem wir zusammen mit allen anderen auf die so genannte yakuyoke-Zeremonie, 厄よけ – Abwehr von Unheil -, warten konnten. Dachten wir zumindest, doch im Laufe der 15 Minuten, die wir nach Anmeldung warten mussten, leerte sich das Zelt weiter und weiter, bis es am Ende nur noch Kei und ich waren. „Ich werde da doch wohl am Ende nicht alleine bei meiner Zeremonie sitzen???“, dachte ich leicht panisch, da erschien schon der Priester und ja, es waren in der Tat nur er und ich. Und Kei, den ich einfach mit in die Zeremonie zerrte. Der Priester schien nichts dagegen zu haben – vermutlich hat er sich eh schon Gedanken gemacht, wie die Ausländerin wissen soll, wann sie sich verbeugen muss 😛

Und dann ging es los. So eine yakuyoke-Zeremonie besteht aus einem Gebet, das der Priester rezitiert und in dem er die Götter um Schutz für das Unglücksjahr der Anwesenden, die mit vollem Name und ADRESSE vorgelesen werden, bittet. Zwischendurch wird mit einem so genannten haraegushi 祓串 gewedelt – einem hölzernen, mit Papierstreifen verzierten Stab, um es mal ganz unpoetisch auszudrücken. Das Ritual ist in wenigen Minuten vorbei, kostet aber ab stolze 5000 Yen (rund 40€). Dafür bekommt man im Anschluss an die Zeremonie noch ein paar Schutzgegenstände mit nach Hause. Für mich gab es ein ofuda, お札, ein Amulett, das Zuhause aufgestellt wird, und einen Glücksbringer für unterwegs. Je mehr man sich die Zeremonie kosten lässt, desto mehr Gegenstände bekommt man am Ende mit.

DSC06761 Im Anschluss testeten wir den Erfolg gleich mal aus und zogen Orakel, おみくじ omikuji. Und siehe da: Ich bekam „großes Glück“, 大吉 daikichi. Kei hingegen zog mal wieder nur „kleines Pech“, 凶 kyō, und musste sein Orakel am Schrein den Göttern überlassen. Hat das Ritual von vorher etwa mein Unglücksjahr auf Kei übertragen? 😛

Am Ende gingen wir noch die Rehe suchen. Das Ganze war leider kein so schönes Erlebnis. Als Ableger des großen Schreins in Nara bin ich davon ausgegangen, dass die Rehe wie in Nara auch frei auf dem Gelände herumlaufen durften. Dem war nicht so. Sie waren in viel zu großer Zahl in einem viel zu kleinen, unglaublich dreckigen Käfig eingesperrt. Da verging einem wirklich alles. Und das in einem Schrein, in dem mir keine 15 Minuten vorher noch stolz erzählt wurde, dass ein Reh damals die Gottheit von Nara hierher getragen habe und Rehe daher als Boten der Götter angesehen werden würden. Behandelt man so etwa Götterboten???

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Japan und Tiere, ey …

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7 Antworten zu Dem Unglücksjahr den Teufel austreiben

  1. Rotbuchenbaum schreibt:

    Ich bin in einem Yakudoshi nervenkrank geworden und konnte nicht mehr arbeiten. Meine Frau schiebt es auf dieses Jahr, aber ich glaube nicht daran. Es ist mir ja vorher schon nicht ganz gut gegangen.

    • nagarazoku schreibt:

      Ja, so sehr glaube ich an yakudoshi und co auch nicht, um ernsthafte Krankheiten damit abzuwinken. Ich hoffe, es geht dir inzwischen besser 🙂

  2. viktor643 schreibt:

    Konnte man im Tempel auch etwas zu essen kaufen? Z.B. Rehbraten. Scherz beiseite.
    Dieser Aberglaube ist wirklich kontraproduktiv. Oder gibt es immer noch kein viertes Stockwerk (war es etwa doch die Zahl 44…) in Japan? 😉

    Das man sich „das Glück“ kaufen kann erinnert mich an die katholische Kirche im Mittelalter. Bei denen konnte man sich seine Sünden freikaufen. Was für ein Zufall…

    Ich würde nicht an diesen Unsinn glauben. Verdirbt einem nur die Laune.

    Wobei ich mich an dieser Stelle für deinen Blog bedanken möchte. Es ist sehr interessant zu sehen wie Menschen an anderen Orten leben und sich verhalten.

    • nagarazoku schreibt:

      Es war die Zahl 4 und das ist eine gute Frage, da habe ich in letzter Zeit nicht drauf geachtet. Gleich mal nachholen 😉

      Ich bin auch nicht abergläubisch, aber es war interessant, das mal mitgemacht zu haben! 😀

      • viktor643 schreibt:

        Ich hoffe, du hast den Rehbraten-Scherz nicht ernst genommen. Weil ich weder Fleisch noch Fisch und genau genommen nichts esse was gelebt hat, z.B. Krabben, Muscheln, Austern, Quallen, Fögel, Hühner….., darf ich den durchaus machen. 😉 Die Rehe sehen traurigerweise so bemitleidenswert in diesem „Gehege“ aus, das mich eher an eine Mastfabrik erinnert. Wie viel Quadratmeter haben sie wohl? 40? Und das für ein Tier das Kilometer am Tag wandert.

        … Und es war für mich interessant diesen Beitrag zu lesen. Danke nochmal. Dein Blog gehört zu meinen Lieblings-Blogs. Es hat genau die richtige Menge an Beiträgen und der Inhalt trifft meinen Interessensbereich. Ab und zu kommt einer, nicht zu oft aber auch nicht zu selten, Themen passen, nach meinem Geschmack genau richtig. Ich lese auch Claudias Blog gerne, sie bringt aber mehr Beiträge, für die ich dann nicht die Zeit habe. Somit, weiter so!

      • nagarazoku schreibt:

        Keine Sorge, den Rehbraten-Witz habe ich verstanden 😉

        Ja, groß war das Gehege nicht, dafür auch viel zu viele Rehe drin. Echt ein trauriger Anblick, aber so was sieht man in Japan leider immer wieder 😦

        Vielen Dank für das Kompliment 🙂 Manchmal denke ich mir, dass ich öfter was scheiben müsste, aber mit Vollzeitstelle nebenher … Da ist es doch gut zu wissen, dass es einigen Leuten sogar gefällt, wenn sie nicht von einer Postflut erschlagen werden 😉

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