Ein etwas ominöser Handwerker

So lange, wie ich gefühlt auf ihn gewartet habe, so schnell war er auch schon wieder vorbei: mein Sommerurlaub. Eine Woche ist einfach nicht genug, und doch ist man hier in Japan ja fast schon ausverschämt, wenn man sich die komplette Woche auch tatsächlich am Stück nimmt. Nun gut, man muss mit dem arbeiten, was man hat, und wir haben versucht, das meiste aus dieser Woche in punkto Erholung rauszuholen – von irgendwas muss man den Rest des Jahres ja zehren können.

Dabei war der Beginn der Woche erst einmal gar nicht so schön. Seit Samstag regnete es fast ohne Unterlass, und am Montag traf uns dann auch noch ein Taifun und machte das Chaos perfekt. Drei Tage, in denen wir unsere vier Wände kaum verließen. Wie mich das ärgerte, war ich doch gerade erst mehr als eine Woche zu Hause quasi „eingesperrt“, weil mich eine hartnäckige Erkältung niedergerafft hat. Am Montag zumindest war es jedoch absolutes Glück, dass wir das Haus nicht verließen, denn ganz plötzlich tröpfelte Wasser aus unserer Klimaanlage die Wand herunter. Regenwasser. Unsere Klimaanlage war irgendwo durchlässig und beförderte den Regen direkt in unser Schlafzimmer. Das Wasser lief die Wand herunter schön in die beiden Steckdosen direkt unter der Klimaanlage hinein. Wie gesagt: Gut, dass wir da waren, denn wer weiß, was passiert wäre, wenn wir nicht sofort den Strom im Schlafzimmer ausgeschalten hätten.

Nun standen wir da, mit Handtüchern bewaffnet, die nach wenigen Minuten schon klatschnass waren – so viel kam da aus der Wand gesuppt. Dass an diesem Tag während eines Taifuns jemand kommt und den Schaden behebt, würde nicht passieren, das wussten wir. Also raus mit uns in den Sturm und das Leck gesucht. Der Außenschlauch war ein Stück eingerissen, da musste das Wasser herkommen. Wir holten unsere stärksten Verbündeten – Plastiktüten und Klebeband – und bekamen das Problem fürs Erste in den Griff. Nun galt es, jemanden zu finden, der das professionell macht, am besten noch vor dem nächsten Taifun, der ja monströse Ausmaße haben soll. Kei googelte ein wenig und fand dann einen Reparatur-Service in der Nähe – je näher, desto höher die Chance, dass sie schnell kommen können, dachten wir uns.

Der Herr am Telefon versprach dann auch, am nächsten Morgen früh zwischen 8 und 12 Uhr vor unserer Tür zu stehen – er würde uns morgen noch mal die ganz genaue Uhrzeit durchgeben. Wunderbar, wir waren beruhigt. Wir hatten zwar für den nächsten Tag einen Ausflug geplant und waren dafür auch bei den Schwiegereltern angekündigt, aber dann musste alles eben ein wenig nach hinten verschoben werden.

Am nächsten Morgen warteten wir dann auf den Anruf. Und warteten. Und warteten. Gegen 11 Uhr wurde es Kei zu bunt und er rief selbst bei dem Herrn an, der uns daraufhin mitteilte, es wäre ein Kunde mit absolutem Notfall dazwischengekommen, er würde es erst am Abend zu uns schaffen. Wie reizend. Nicht nur, dass der Herr es offensichtlich nicht für nötig gehalten hat, uns Bescheid zu sagen, sind wir mit unserem Loch, das Regenwasser in die Steckdosen tröpfeln lässt, bitte kein Notfall??? Wir waren zuerst da!!! Kei erklärte, dass es abends nicht gehen würde, denn wir sind nicht Zuhause – wir haben unseren Ausflug nun schon auf später verschoben, keine Chance, dass ich den absage in der Hoffnung, der Herr kommt dann wirklich am Abend und es kommt nicht wieder ein anderer Kunde dazwischen. Der Herr meinte jedoch, dass er die Reparatur auch in unserer Abwesenheit durchführen könne, denn es sei ja ein Außenschaden. Super, das wäre natürlich perfekt. Als Kei jedoch fragte, wie die Bezahlung dann geregelt werden würde – bar vorbeibringen oder Überweisung – bat uns der Herr am Telefon doch allen Ernstes um Folgendes:

„Auf Google Maps habe ich gesehen, dass Sie einen Außenbriefkasten haben. Packen Sie das Geld in einen Umschlag, versiegeln Sie den gut und befestigen Sie dann eine Schnur an den Umschlag. Den Umschlag packen Sie dann in Ihren Briefkasten und lassen die Schnur ein Stückchen herausbaumeln. Dann kann ich das Geld rausziehen, sobald ich fertig bin.“

Ich war sicher, mich verhört zu haben, aber nein, Keis Gesichtsausdruck bestätigte, dass ich richtig gehört hatte. Hallo??? Wir wollten keinen Drogendeal abwickeln, sondern unsere Klimaanlage repariert haben! Gibt’s denn so was? Das kam natürlich auf keinen Fall infrage! Der Herr wollte aber partout nicht, dass wir das Geld vorbeibringen oder überweisen – wegen der Gebühren und so, sagte er – also zogen wir uns erst mal zur Beratung zurück. Als wir erneut anriefen, um den Auftrag zu canceln – wir würden uns einfach einen anderen Handwerker suchen, für den ich nicht Geld in meinem Briefkasten verstecken muss -, konnten wir den Herrn aber einfach nicht mehr erreichen.

Wir beschlossen, endlich unseren Ausflug für den Tag anzutreten. Es war bereits spät und wir hatten mit dem Mist genug Zeit vergeudet. Der Herr wird uns schon zurückrufen, wenn er unsere Anrufe sieht. Ohne Zeit und Art der Bezahlung ausgemacht zu haben, wird er ja nicht plötzlich hier auftauchen und einfach so unsere Klimaanlage reparieren, oder? Oder?

Als wir gegen 17 Uhr einen Anruf erhielten, war genau das passiert. Allerdings hatte er sich nun doch dazu bereit erklärt, uns die Bezahlung per Überweisung entrichten zu lassen. Die Details seien im Briefkasten. Wir wussten beide zu diesem Zeitpunkt wirklich nicht mehr, was wir zu der ganzen Geschichte noch sagen sollten. Gut, dass wir erst mal keinen neuen Handwerker rausgesucht hatten.

Als wir zu Hause ankommen, war alles wie angekündigt: Klimaanlage repariert und Überweisungsdetails im Briefkasten. Schnell gab Kei die Überweisung in Auftrag, aber bis jetzt werden wir das Gefühl nicht los, damit irgendeinen seltsamen Mafia-Deal eingegangen zu sein …

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5 Antworten zu Ein etwas ominöser Handwerker

  1. Claudia schreibt:

    Aber die Überweisungskosten hättet ihr doch sowieso übernommen?! Wie komisch.

    • nagarazoku schreibt:

      Ich verstehe es wirklich auch nicht. Vermutlich ein fehlgeleiteter Versuch, uns nicht zu viel meiwaku zu machen.

  2. viktor643 schreibt:

    Interessante Geschichte. Vielleicht war der Handwerker wirklich einfach nur „japanisch“ und ging davon aus, dass man in Japan in fremden Briefkästen nicht herumschnüffelt. Somit war sein Plan gar nicht so schlecht, das Geld so zu übergeben. Und da die Menschen in Japan überwiegend ehrlich/ zuverlässig beim Bezahlen von Dienstleistungen sind, ist daran auch nichts verwerfliches. Solange das Vertrauen vorhanden ist. Es kann natürlich auch sein, das er das Geld nicht versteuern wollte, das ist aber eine miese Unterstellung meinerseits.
    Zum Notfall des anderen Kunden: Was ist, wenn nach eurem ersten Anruf ein anderer Kunde angerufen hat, weil bei ihm das Abwassersystem durch den Taifun völlig zusammengebrochen ist und ein heftiger Fäkalien-Springbrunnen in der Toilette entstanden ist. Wäre das nicht Notfall genug???? Wobei es stimmt natürlich schon, anrufen und bescheid sagen ist Pflicht. Wahrscheinlich einfach vergessen.
    Hat er die Arbeit ordentlich gemacht? Und war die Lohnforderung angemessen/ akzeptabel?
    Das er die Reparatur ohne eurer Absegnung gemacht hat finde ich toll! Er ging das Risiko ein für seine Arbeit nicht entlohnt zu werden. Ihr hättet danach auch sagen können, das ihr ihn nicht bestellt habt. Das ist dann wohl wieder die japanische blauäugige Art. Kommt in Deutschland nicht so häufig vor, schade. Hierzulande versucht man häufiger andere über den Tisch zu ziehen als in Japan. Oder sehe ich das falsch.
    Und ähhhh, wieso Mafia? Wie kommt ihr da drauf? Der war wohl einfach nur verplant und „leichtgläubig“. Was hätte er wohl für Augen gemacht, wenn ihr gesagt hättet, das ihr das Geld im Briefkasten untergebracht hättet und es jemand vor dem Erreichen des Handwerkers entnommen hat. Irgendwie cool, das es noch solche Vertrauensfälle gibt. Da fällt mir noch ein: Er hätte die Arbeit gemacht, das Geld genommen und gesagt: War kein Geld im Briefkasten, obwohl ihr es dort verstaut hättet. Die Story bring mich zum Nachdenken. 🙂 Danke
    Was hat das Überweisen des Betrags gekostet?
    Vielleicht wollte er nicht, das ihr das Geld vorbei bringt, weil er euch Zeit und Weg sparen wollte.

    • nagarazoku schreibt:

      Warum genau das alles jetzt so umständlich abgewickelt werden sollte, weiß ich nicht. Vermutlich ist in dem Gewerbe die bar-auf-die-Hand-Bezahlung einfach die gängigste und er hat nicht viel Erfahrungen mit Überweisungen, und ja, sicher wollte er uns Zeit und Weg sparen, aber Geld im Briefkasten hinterlassen an einer Schnur? Das würde ich nirgendwo machen. Und dass das keine normale Bitte selbst hier in Japan ist, hat die Reaktion meines Mannes darauf gezeigt 😉 Was, wenn genau das passiert wäre? Jemand sieht die Schnur, zieht dran, und oh toll, Geld! Oder der Postbote kommt, steckt ’ne Zeitung rein und schwupps ist die Schnur verschwunden. Der Handwerker hätte genauso behaupten können, wir hätten das Geld nicht hinterlassen, wie wir hätten behaupten können, es in den Briefkasten gepackt zu haben. Einem Handwerker, den ich nicht kenne, dem vertraue ich nicht so einfach. Auch in Japan wird man über den Tisch gezogen, da sollte man nicht zu blauäugig rangehen.

      Da der Herr ausschließlich auf Klimaanlagen spezialisiert ist, wäre der schlimmste Notfall, den ich mir vorstellen könnte, dass die Klimaanlage von der Wand gefallen ist. Das könnte ich dann schon verstehen, wenn so ein Kunde vor uns rangenommen wird, aber ja, ein Anruf hätte halt sein sollen, wo er doch wusste, dass wir warten 😉

      Persönlich fand ich es auch nicht so toll, dass er da einfach so aufgetaucht ist zur Reparatur, ohne abgesprochene Zeit und so. Das hat den Eindruck der Ominösität eigentlich bei uns nur verstärkt.

      Ob die Arbeit fachmännisch korrekt durchgeführt wurde, kann ich nicht sagen, dafür müssen wir auf den nächsten Taifun warten ^^; Gekostet hat das Ganze 5400 Yen, was rund 50 Euro sind. Die Überweisungsgebühren von rund einem Euro tragen wir.

      Und das mit der Mafia war selbstverständlich ein Witz, weil es uns einfach so zwielichtig vorkam 😉

  3. Pingback: [Unterwegs] Eine Spazierfahrt durch Hakone | Ein Nagarazoku in Japan

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