Odyssee am Ticketschalter

Die Golden Week ist wieder da – eine Aneinanderreihung von so vielen Feiertagen, dass man mit nur ein paar Urlaubstagen für die Brückentage eine richtig lange Pause von der Arbeit einlegen kann. Wenn man denn darf. Letztes Jahr fiel die Golden Week für mich ja ins Wasser, aber dieses Jahr haben Kei und ich BEIDE freibekommen! 10 Tage am Stück ( ̄▽ ̄) Und so eine Gelegenheit will man natürlich nicht ungenutzt lassen, also haben wir eine kurze Reise nach Kōbe 神戸 gebucht. Und genau hier beginnt unsere heutige Geschichte.

Da sich in der Gaming-Branche Pläne oft sehr kurzfristig ändern, wusste ich lange nicht, ob ich mir wirklich freinehmen kann oder doch wieder die GW reinkommen muss. Die Damen und Herren Planer kästen sich mit ihrer Entscheidung auch lange nicht aus, und so fiel das finale Urteil erst vor knapp 1 1/2 Wochen. Da in der GW ganz Japan unterwegs ist, kann man es schon fast als Wunder bezeichnen, dass Kei noch am selben Abend, an dem ich ihm die freudige Nachricht überbrachte, ein halbwegs günstiges Hotelzimmer ergattern konnte. Fehlten nur noch die Tickets für den Shinkansen, die wir auch schnell online buchten. Nicht bei JR direkt, dafür sind die nicht modern genug. Die Homepage, auf der wir bestellten, sagte uns aber, wir könnten die Tickets in Shinjuku abholen. Da bin ich eh jeden Morgen, also sehr praktisch für uns. Und hier ging also meine Passierschein-A-38-Odyssee dann los.

Am ersten Schalter, den ich gleich am Tag nach der Bestellung aufsuchte, wollte man nur Tickets für den selben Tag verkaufen, schickte mich aber zu einem anderen Schalter eine Etage weiter hoch. Dort würde ich meine Tickets bekommen. Der Schalter war auch gleich drei Mal so voll, aber nach einer halben Stunde war ich endlich an der Reihe. Doch die Dame dort behauptete, sie könne mir meine Tickets nicht geben. „Und wo kann ich die Tickets dann bitte abholen?“, fragte ich etwas verwirrt. „Das kommt auf das Gebiet an, in das Sie fahren.“ – „Ich will nach Kōbe.“ – „Kōbe … Westjapan also“, murmelte sie. „Die gibt es hier nicht.“ – „Und wo dann?“ – „Das weiß ich leider nicht. Gucken Sie doch mal auf die Homepage! Tschüß!“, fertigte sie mich ab O_o Für eine Dame im japanischen Service war sie reichlich unhöflich. Aber gut, dann muss Kei sich verlesen haben und es war doch nicht Shinjuku. Ich machte mich erst mal auf den Weg zur Arbeit.

Abends guckten wir dann zusammen noch mal auf die Homepage und da stand es: Shinjuku, Ticketschalter am Südausgang. Aha. Ich hatte den am Westausgang aufgesucht. Na geil, gibt es jetzt hier für jedes Ticket einen eigenen Schalter, oder was? Aber gut, am nächsten Tag versuchte ich mein Glück erneut.

Reichlich verwirrt schob ich mich durch die Passagen des Bahnhofs Shinjuku, in die es mich normalerweise eher nicht treibt. Nach einer gefühlten Ewigkeit war ich endlich da. Dachte ich. Es stand zwar Südausgang an der Ticketkontrollschranke in der Nähe, aber der Ticketverkauf war wohl der vom Südostausgang oder so. Natürlich hatte ich wieder rund eine halbe Stunde anstehen müssen, um das in Erfahrung zu bringen. „Warum können Sie mir die Tickets nicht einfach hier ausdrucken? Ist doch dasselbe System.“ – „Weil es auf das Gebiet ankommt, in das sie wollen.“ Na ja, es war einen Versuch wert 😛

Nach weiteren 10 Minuten Irrweg war ich endlich, endlich, endlich am Ticketschalter am Südausgang. Ganz wie zu erwarten war es auch dort voll. Es verging eine weitere halbe Stunde, bevor ich dem Herrn am Schalter schon leicht entnervt bitten konnte, mir meine Tickets zu geben. „Oh, aber Tickets nach Kōbe können Sie hier nicht abholen.“ Ich musste drei Mal tief Luft holen, bevor ich durch zusammengebissene Zähne zischen konnte „Und wo kann ich die bitte abholen???“ Ich muss dem Herrn etwas Angst gemacht haben, denn er stotterte nun „D-Das mü-müsste auf der Homepage stehen.“ – „DA STAND ‚JR-TICKETSCHALTER SÜDAUSGANG‘!!!“, fauchte ich. Ich weiß, ich weiß, die Leute im Service können nichts dafür, aber ich kam mir an der Stelle einfach nur noch so verarscht vor. Der Herr entschuldigte sich daraufhin erst mal kurz, huschte nach hinten, kam nach rund 5 Minuten zurück und erklärte mir mit ernster Miene: „Tickets nach Westjapan können Sie nur an einem Bahnhof in Westjapan abholen.“

Ich musste kurz innehalten und verarbeiten, was man mir da gerade gesagt hatte, und fasste noch mal zusammen: „Wollen Sie mir sagen, ich muss nach Westjapan fahren, um meine Tickets nach Westjapan abzuholen?“ Genau das wollte er mir damit sagen. Wartet, es kommt noch besser. Meine nächste Frage lautete: „Welcher ist denn der nächste Bahnhof in Westjapan, an dem ich meine Tickets bekommen könnte?“ – „Kōbe!“, antwortete er frei heraus, scheinbar ohne sich der Absurdität der Situation auch nur im Geringsten bewusst zu sein. „Sie wollen jetzt also, dass ich nach Kōbe fahre, um meine Shinkansen-Tickets nach Kōbe abzuholen?“, fragte ich weiter. Fiel ihm denn nicht auf, wie bekloppt das Ganze gerade war??? Aber lasst euch nicht täuschen. Der Herr hat in der Tat keinen Fehler gemacht. Es mag bekloppt sein, aber anscheinend kann man Tickets nach Westjapan, die man auf der besagten Homepage bestellt, wirklich nur in Westjapan abholen. Es gibt auch Tickets, die man in Shinjuku am Südausgang abholen kann, aber Tickets nach Westjapan gehören nicht dazu. Ich habe absolut keine Ahnung, wer sich diesen Schwachsinn ausgedacht hat, doch so blieb mir nichts anderes übrig, als an Ort und Stelle neue Tickets zu kaufen – war ich froh, dass sie noch welche hatten – und zu hoffen, dass man die Onlinetickets noch canceln konnte. Konnte man. Durch einen überaus erbosten Anrufen von Kei auch gebührenfrei ^^;

Und somit stand unserer Reise nichts mehr im Weg, aber wenn ich aus diese Odyssee eins mitgenommen habe, dann das: Kauft euch eure Tickets lieber gleich direkt am JR-Schalter orz

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8 Antworten zu Odyssee am Ticketschalter

  1. Bommel schreibt:

    Ach so, weil die in JR East und JR West West aufgeteilt sind, ne? Wie Aldi Süd und Aldi Nord…
    Aber das mit den Online-Tickets ist ja mal bekloppt. Dann sollen sie eine Ausdruck-Möglichkeit mit ner Conbini-Kette vereinbaren oder sowas! Kann doch nicht so schwer sein, sowas beim Lawson oder so einzuführen. Du kannst da Sumo-Tickets und was nicht alles kaufen, deine Stromrechnung bezahlen und zu günstigen Preisen fangfrische Montblancs einsacken, also wieso dann nicht das hier?

    • nagarazoku schreibt:

      Ich finde es auch seltsam, dass man nicht direkt auf der JR-Homepage Tickets online buchen kann, sondern umständlich über einen Zwischenhändler gehen muss, und dann kommt dabei so ein Scheiß raus. Den Grund dafür wissen wir immer noch nicht. Man konnte an jedem Schalter anhand meiner Kreditkarte die Bestellung einsehen, nur die Tickets drucken, das konnte man nicht.

  2. viktor643 schreibt:

    Bei der Geschichte habe ich mich an ein Lied erinnert. Ist zwar nicht das Original, trifft es aber dennoch.

    Also, beim nächsten mal einfach das Lied trällern. 😉 Und dann vergeht die Wartezeit wie im Flug. 😀
    Btw, die Story ist echt der Brüller!!!

  3. Pingback: [Unterwegs] Kōbe-Spezial: Wagyū und Capybaras | Ein Nagarazoku in Japan

  4. VagabundenReise schreibt:

    Ich musste herzlichst lachen, danke für den Beitrag! :D.

  5. Pingback: [Unterwegs in Japan] Nagano-Spezial: Von Toyota gesegnet | Ein Nagarazoku in Japan

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