Wie viel kostet eigentlich Schule in Japan?

Als ich letztens bei der japanischen Post war, fiel mir folgendes Poster ins Auge:

Eine Aufstellung darüber, wie viel man als Eltern braucht, um sein Kind (eins wohlgemerkt) vom Kindergarten bis zum Uniabschluss durch das japanische Bildungssystem zu bringen. Für alles gibt es die Option „staatlich oder privat“, und je nachdem wofür man sich entscheidet, kann der Spaß ganz schön teuer werden.

Ganz links sehen wir das Beispiel eines Kindes, das ausschließlich öffentliche Einrichtungen besucht hat. Am Ende haben die Eltern 7,960,000 Yen, rund 60.000 Euro ausgegeben. Gehen wir davon aus, dass das Kind damit für etwa 22 Jahre durchgebracht wurde, sind wir bei 2.700 Euro im Jahr. Das geht ja gerade noch so.

In der Mitte haben wir ein Kind, das bis zur Mittelstufe auf staatliche und im Anschluss auf private Schulen gegangen ist. 12,080,000 Yen kostet das Ganze dann schon, rund 90.600 Euro. Da brauchen wir schon 4.000 Euro pro Jahr, um den Spross abgesichert zu haben und fangen am besten schon mal mit dem Sparen an.

Doch jetzt kommt’s: Ganz rechts ein Kind, das ausschließlich auf private Schulen gegangen ist. Das kostet die Eltern 22.090.000 Yen, das sind rund 165.700 Euro – fast doppelt so viel wie der Mix und fast drei Mal so teuer wie eine Ausbildung komplett in den Staatlichen. 700 Euro IM MONAT! Das ist derzeit unsere Miete! Soll mich doch noch mal einer fragen, warum in Japan nur noch so wenige Leute Kinder kriegen.

Aber warum schickt man sein Kind hier dann überhaupt auf die privaten Einrichtungen, wenn die staatlichen doch so viel billiger sind?

In Japan richtet sich die gesamte Ausbildung eines Kindes mit dem Blick auf die Universität, auf die es geschickt werden soll – natürlich schon mit einer festen Jobaussicht und ganz viel Prestige im Kopf. So versuchen alle Schüler, die Beamter werden wollen, es auf die Tōkyō-Universität (Tōdai), die eine staatliche Uni und als Beamtenschmiede bekannt ist, zu schaffen. Das geht natürlich am einfachsten, wenn das Kind schon auf zumindest einer Oberschule war, die gezielt auf die Aufnahmetests der Tōdai vorbereitet. Und in die will dann natürlich auch jeder und entsprechend hoch sind die Ansprüche und schwierig die Tests. Kennen wir nicht alle das Manga-Klischee des am Tōdai-Test gescheiterten Schülers, der jetzt erst mal als so genannter rōnin ganz viel lernen muss, damit er es im nächsten Jahr noch mal versuchen kann? Natürlich gibt es auch staatliche Einrichtungen, in die man es halbwegs einfach schafft, aber da stimmen das Prestige und auch die Aussicht auf die zur Auswahl stehenden Universitäten nicht. Sicher kann man trotzdem versuchen, sich an der Tōdai zu bewerben, aber die Chancen, dass man die Prüfung besteht, sind wohl leider sehr gering, denn man wurde ja nicht gezielt darauf vorbereitet.

Dann gibt es aber auch Eltern, die ihre Kinder in der Wirtschaft sehen, und da müssen es natürlich entweder die Keiō- oder die Waseda-Universität, beides private Einrichtungen, sein. Und dafür fängt man am besten bereits im Waseda-Kindergarten, spätestens aber an der Waseda-Oberschule an, wenn das Kind eine Chance haben soll die Aufnahmeprüfungen zu bestehen. Billig ist das nicht, wie man oben sehen kann. Erst recht nicht, wenn man das Kind abends noch auf die Waseda-Vorbereitungsschule schicken muss. Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch wieder private Universitäten, in die man leicht kommt, weil sie nicht so prestigebehaftet sind, aber da will ja keiner so richtig hin, wenn er nicht muss. Wenn schon so viel Geld ausgegeben wird, dann bitte für eine „vernünftige“ Uni!

Kann man dann nicht einfach sein Kind nicht auf die Uni schicken, wenn das alles so schwer und teuer und überhaupt ist? Zum einen möchte man einem Kind, das ganz unbedingt studieren will, diesen Weg sicher nicht versperren. Zum anderen Reden wir von einem Land, in dem über 90% der Schüler nach der Oberschule auf die Universität wechseln. Über 90%! Ich möchte nicht wissen, was man einem Kind, das man nicht auf die Uni schickt, damit verbauen könnte …

Irgendwie zeichnet sich da ein leicht deprimierendes Bild ab. Wenn ich daran denke, nach welchen Gesichtspunkten ich meine Uni in Deutschland damals ausgesucht habe *hust* Prestige hat da ganz sicher keine Rolle gespielt, und um Studiengebühren musste ich mir auch keine Sorgen machen.

Aber gut, natürlich lässt sich das alles auch nicht so einfach runterbrechen. Die Post will einem hier immerhin eine Versicherung verkaufen 😛 Es gibt Leute, die ausschließlich auf den Prestigeeinrichtungen waren und jetzt Fahrräder reparieren, weil das schon immer ihre Leidenschaft war und nur die Eltern von der Arztkarriere geträumt haben. Dann gibt es Leute, die nie auf einer Prestigeeinrichtung waren und jetzt trotzdem für eine der großen Firmen oder eine der großen Tageszeitungen arbeiten. Aber der Gedanke „Name der Uni = zur Auswahl stehendes Berufsfeld“ ist in Japan doch sehr stark verankert und mehr als oft ist es leider auch so.

Also, wer darüber nachdenkt, hier ein Kind durch das japanische Schulsystem zu bringen, der weiß jetzt, wie viel er dafür schon mal ansparen muss 😛

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13 Antworten zu Wie viel kostet eigentlich Schule in Japan?

  1. Anika schreibt:

    Fragt sich, ob die beim komplett staatlichen System die Juku mit eingerechnet haben, ohne die man es oftmals gar nicht auf die staatliche Oberschule schafft..

    • nagarazoku schreibt:

      Gute Frage! Bei der Summe mag man das nur hoffen, aber wer weiß, was sich da noch im Kleingedruckten versteckt …

  2. Claudia schreibt:

    Unser Masterplan: „Halbdeutsches Kind, du bist jetzt mit der Oberschule fertig. Auf welche deutsche Uni ohne Studiengebühren würdest du denn gern gehen?“
    Ich finde es so heftig, dass hier ja scheinbar die Ausbildung an Schulen und Universitäten so schwankt. Klar, wir hatten in Berlin auch Schulen, die ein wenig strenger waren, aber in Japan habe ich manchmal das Gefühl, dass man einige Unis gar nicht erst besuchen muss, so schlecht wie deren Image ist…

    • nagarazoku schreibt:

      Darüber habe ich auch schon nachgedacht, und für die besser Ausbildung würde ich ein Kind auch immer lieber an eine deutsche Uni schicken wollen. Aber wenn man dem Kind dann Unterhalt für Miete und anderes zuschicken muss, ob das dann so viel billiger ist als das Kind hier zur Uni zu schicken und bei sich wohnen zu lassen …? Muss man wohl echt mal durchrechnen.

    • Anika schreibt:

      Ich weiss nicht wie sich die Gesetzeslage bis sahin ändert. Aber es war mal so, dass du ohne Deutsches Abitur nicht einfach lustig munter in Deutschland los studieren kannst.
      Wenn du nicht in einem internationalen Studiengang bist ist das mit Anerkennung deines ausländischen Schulabschlusses und Deutschprüfung verknüpft. Manche Abschlüsse sind nicht voll anerkannt und man darf nur bestimmte Teilbereiche studieren. Zum Beispiel nur Naturwissenschaften, keine Sprachen etc.
      Gibt viel zu bedenken ^_-

  3. Bommel schreibt:

    An der Stelle zwei kleine Anekdote, die thematisch vielleicht nicht ganz passen, aber doch so ungefähr:

    1) Ich habe mich vor einigen Jahren mal mit dem Präsidenten einer japanischen Privatuniversität auf einer dieser Wir-sind-Elite-Partys unterhalten, auf denen es immer das leckere Essen gibt. Das war ein sehr netter und kluger Mensch, der zum Theme „es auf die Uni schaffen“ ein paar wahre Worte sprach. Ich hab die genaue Zahl nicht mehr im Kopf, also muss ein Platzhalter herhalten:
    „Jedes Jahr bewerben sich in Japan ca. OOOO junge Leute auf einen Studienplatz. Und jedes Jahr beträgt die Zahl der Studienanfänger OOOO (es war die gleiche Zahl). Es wird nur eben nicht immer an der Uni, an die er wollte.“
    Ich hab damals auch mal ein paar Zahlen nachgeschaut und bin zu dem Schluss gekommen, dass der Mann völlig recht hatte. Das fand ich sehr witzig. Kann ja nicht jeder an die Todai, aber andere Campus (u-Deklination!!!) haben auch schöne L-Kans, ne?

    2) Als bei uns an der Uni das Thema auf Oberschulen kam, meinte B-Sensei dann irgendwann mal „Das, was schwierig ist, sind die Aufnahmeprüfungen für die guten Unis und die Eliteschulen. Aber normale, staatliche Schule in Japan ist eigentlich nicht besonders schwierig. Überlegen Sie mal selbst: über 90% der Schüler eines Jahrgangs machen den Oberschulabschluss. Die müssen da alle durchgeschliffen werden, und das Land besteht nun wirklich nicht nur aus Superhirnen.“
    Ich hab mir dann auch selbst (du sicherlich auch) in der Bibliothek einiges an Schulbüchern für die Oberschulen durchgesehen, und ganz ehrlich – vieles davon war eher Realschule als Gymnasium. Muss man auch mal klar sagen.

    • nagarazoku schreibt:

      Klar, in einem Volk, in dem 90% der Leute auf die Uni gehen, müssen natürlich einige auf den nicht-Eliteunis landen. Und vielleicht stört das viele auch gar nicht. Niedrigere Studiengebühren, man muss sich vorher für den Test nicht totlernen und ganz ehrlich: Mehr lernt man an den Eliteunis doch auch nicht unbedingt.

    • Anika schreibt:

      Todai ist öffentlich…
      Und man will nicht an ne schlechte Uni, weil selbst bei ner guten Uni bekommt man ja oft nur nen öden Salarymanjob hinterher..
      Die meisten verschulden sich um auf eine einigermaßen annehmbare Uni gehen zu können.

  4. Tobias schreibt:

    Aber sind in Japan die Steuern nicht auch niedriger als in Deutschland? Müsste man auch mal vergleichen, was das letztlich in Deutschland pro Monat wäre.

    Wobei ich die Zentrierung auf Tōdai oder Waseda/Keiō irgendwie komisch finde.. Klar, blabla-gaikokugo-keizai-daigaku ist jetzt nicht gerade super toll, aber mit irgendeinem Abschluss von kokuritsu-xyz-ken-daigaku sollte es doch eigentlich auch gehen? Ich habe auch schon Absolventen von solchen Unis gesehen die dann in ganz normalen Firmen untergekommen sind.

    In Deutschland wird auch nicht jeder Vorstandsvorsitzender von VW oder der Deutschen Bank, von daher…

    • nagarazoku schreibt:

      Ja, im Vergleich sind die Steuern schon niedriger, aber dafür natürlich auch das Gehaltsniveau, und Preise generell sind teurer als in Deutschland. Viel bleibt nur bei den wenigsten am Monatsende übrig.

      Man kann mit einem Abschluss einer Nicht-Eliteuni selbstverständlich auch in einer guten Firma unterkommen. Und nicht jeder will irgendwo Vorstandsvorsitzender werden, und wenn doch kann man sich natürlich auch hocharbeiten. Aber der Druck auf die Eltern, den sie so an die Kinder weitergeben, es doch auf eine der Prestigeunis zu schaffen, ist immens. Und einige Firmen limitieren potentielle Bewerber tatsächlich auf ein paar ausgewählte Unis. Die Wahrscheinlichkeit für eine Beamtenlaufbahn z.B. ist auch sehr viel höher, wenn man von der Todai kommt als von jeder anderen Uni. Ich habe das mal im Rahmen einer Hausarbeit untersucht. Je nach Ministerium kommen jedes Jahr bis zu 80% aller neuen Beamten von der Todai, Natürlich schaffen es auch Bewerber von anderen Unis, aber die Todai hat nicht nur ein ausgebautes Alumni-Netzwerk in die Ministerien, sie bereitet auch ganz gezielt auf die Auswahltest und -gespräche vor. Das ist alles hier viel verwobener und verworrener als man es sich in Deutschland vorstellen kann.

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