Komplimente, mit denen ich nichts anfangen kann

Komplimente sind stark durch die eigene Kultur geprägt. In einem internationalen Kontext verwendet, können sie daher unter Umständen für verwirrte Gesichter sorgen. Denn was in einer Kultur als Kompliment empfunden wird, kann in einer anderen im schlimmsten Fall eine harsche Beleidigung sein. Und auch ich habe selten so verdutzt die Nase gerümpft wie bei einigen Komplimenten, die ich hier in Japan so erhalten habe.

「顔が小さい!」 Dein Gesicht ist so klein!
Als mir mein Mann zum allerersten Mal dieses Kompliment gemacht hat, haben wir uns 5 Minuten schweigend angestarrt. Er erwartungsvoll, ich verwirrt ohne Ende. Ein kleines Gesicht? Was bitte ist ein kleines Gesicht? Bis zu diesem Zeitpunkt wäre mir nicht einmal in den Sinn gekommen, über Gesichtsgrößen nachzudenken O_o Mit der Zeit habe ich verstanden, was man in Japan damit meint, und ja, auf Photos wirken die Gesichter von Europäern tatsächlich oft kleiner als die von Japanern. Ich glaube allerdings nicht, dass Japaner wirklich größere Gesichter haben, sondern dass unterschiedliche Proportionen da einen optischen „Streich“ spielen.2015-05-16%2016.09.39_zpsuqio8wtg Anders ausgedrückt: Im Vergleich zu unseren großen Nasen wirken unsere Gesichter einfach kleiner … oder die Köpfe von Japanern durch die Haarmenge ein wenig größer … oder so 😛 So richtig kann ich es auch nicht erklären XD Aber das ist eines der Komplimente, mit denen ich bis heute nicht richtig was anfangen kann, auch wenn ich nun weiß, dass es wirklich positiv gemeint ist. Denn in Japan ist ein kleines Gesicht so erstrebenswert, dass sich ein ganzer Zweig der Kosmetik-Industrie um dieses Schönheitsideal gebildet hat – mit Schmink- und Frisiertipps für kleinere Gesichter, die dazu passende Kosmetik, purika-Automaten, die einem automatisch das Gesicht schlanker photoshoppen, und auch ein paar nach Folterinstrumenten aussehenden Gerätschaften, die man z.B. im Donki bekommt (siehe Foto). Wenn man mir jedoch sagt, ich hätte ein kleines Gesicht, sieht meine Assoziation eher so aus:

「肌が白い!」 Deine Haut ist so weiß!
Nach Jahren in einer Gesellschaft, in der weiße Haut mit einem unsozialen Stubenhocker assoziiert und gebräunte Haut als das Ideal darstellt wird, traf mich dieses Kompliment, als ich es zum ersten Mal erhielt, hart in die Magengrube. Denn immerhin hatte ich 2 Monate japanischen Sommer hinter mir und war bestimmt um 3 Hauttöne dunkler als normal. Hallo??? Auch jetzt gerade erst nach der Silver Week meinte eine Kollegin zu mir „Selbst gebräunt bist du noch richtig weiß!“ EY! Diese Art von Kompliment klingt für mich immer noch wie eine Beleidigung, ein Vorwurf, wie ich ihn in Deutschland oft zu hören bekomme. „Du bist ja so käseweiß, hast du wieder den ganzen Tag in deinem Zimmer gehockt?“ In Japan hingegen gilt weiße Haut als gesund und vor allem als schön. Es gibt sogar einen Begriff dafür: bihaku 美白, wortwörtlich „schönes Weiß“. Gemeint ist damit immer eine schöne, weiße Haut. Und es wird alles dafür getan, die Helle seiner Haut beizubehalten (aka Vollvermummung im Sommer) oder durch Kosmetikprodukte mit whitening-Effekt sogar zu steigern. Ich bin bei dieser Sache noch zwiegespalten. Zu viel Sonne ist schlecht für die Haut, lässt sie vorzeitig altern und kann Krebs verursachen. Allerdings hat ein Mangel an Sonneneinwirkung auf die Haut, und den dürften viele Japanerinnen hier haben, bei mir mal zu einem Vitamin D-Mangel geführt, der behandelt werden musste. Ein Mangel an Vitamin D kann verschiedene Auswirkungen haben, von regelmäßigen Kopfschmerzen bis hin zu ernstzunehmenden Krankheiten. Mal von den Nebenwirkungen, die whitening-Produkte haben können, ganz abgesehen. Ein Mittelmaß ist angebracht, wie eigentlich fast immer, aber über ein nett gemeintes „Deine Haut ist ja so blass!“ kann ich mich weiterhin nur so halb freuen.

「髪、薄いな!」 Deine Haare sind ja so dünn!
Das Gras ist immer grüner auf der anderen Seite der Wiese und Haare sind immer schöner auf dem Kopf anderer Menschen. Japanisches Haar ist voll, jedes einzelne Haar ist dick und robust, sie sind griffig und biegsam. Was Japanerinnen mit ihren Haaren und zwei Haarnadeln hinkriegen, versetzt mich immer wieder in Erstaunen. Ich brauche fünf Haarnadeln pro zu fixierender Strähne, denn meine Haare sind so glatt, dass sie aus den Haarnadeln einfach rausrutschen. Das Gleiche passiert bei Haarklammern und auch bei Zopfgummis. Ich hab sie alle durch. Beschwere ich mich jedoch bei meinen japanischen Freunden über meine Haare, ernte ich nur verständnislose Blicke. Mein glattes, dünnes Haar? Wie könne man das nicht toll finden? So glatt! So dünn! … Ja, dünn … Sie meinen dabei sowohl die Gesamtmenge als auch den Durchmesser jedes einzelnen Haares auf meinem Kopf. Fasziniert werden Haare von meiner Schulter gesammelt und ins Sonnenlicht gehalten. „So schön dünn!“ Autsch! Dabei habe ich für eine Deutsche doch sogar sehr volles Haar! o(>.<)o

「奥様、かわいいよね!」 – Sie haben eine sehr niedliche Frau!
Das Wort kawaii kennt inzwischen wohl jeder; es bedeutet niedlich, süß, entzückend, reizend … Sucht euch was aus. In Japan ist ALLES kawaii. Außer Männer, die sind am besten nicht kawaii, aber sie dürfen Dinge schon kawaii finden. Kawaii ist toll, niedlich, unschuldig, begehrenswert – es ist wohl ohne Übertreibung das größte Kompliment, das Mann einer Japanerin machen kann. Jeder will kawaii sein! Jeder? Nein! Eine unbeugsame gaijin hört nicht auf, dem kawaii-Wahn Widerstand zu leisten 😛 Es ist ja nicht so, dass „kawaii“ etwas Schlechtes ist, allerdings ist es in meiner Erziehung etwas, das man für kleine Kinder und Tierbabys benutzt, nicht für erwachsene Frauen. Da will man nicht niedlich oder süß sein, zumindest ich nicht. Aber kawaii ist einfach das Standardkompliment in Japan, da kommt an nicht drum herum. Die Tasche? Kawaii! Das Outfit? Kawaii! Und so ist natürlich auch die Frau des Kollegen einfach nur kawaii. Dabei drückt gerade dieses Kompliment eine Einstellung aus, die so ganz und vollkommen mit diversen Ansichten von mir kollidiert, und so kann ich mich, auch wenn ich weiß, dass es positiv gemeint ist, über dieses Kompliment auch nur so halb freuen. Keis einer Kollege, der meinte, ich sei eher kakkoi – cool – als kawaii, hat bei mir daher einen besonderen Stein im Brett 😛

「鼻が高いね!」 – Du hast so eine schöne hohe Nase!
Eine was die was bitte? Dieses Kompliment stieß bei mir auf zweierlei Arten auf hochgezogene Augenbrauen. Einmal hatte ich in meinen Sprachkursen an der Uni gelernt, dass hana ga takai „hochnäsig, arrogant“ bedeutet. Meine Reaktion auf dieses „Kompliment“ kann man sich also vorstellen. Aber auch, als ich lernte, was wirklich damit gemeint ist, wusste ich nicht ganz, was ich damit anfangen sollte. Denn hana ga takai kann auch wortwörtlich „eine hohe Nase haben“ bedeuten. Gemeint ist damit ein ausgeprägter Nasenrücken, den Japaner oft nicht haben. Ich glaube, das spielt in das kleine Gesicht mit rein, denn anscheinend wirkt selbiges kleiner, wenn die Nase ausgeprägter ist. Japanerinnen finden ihre Nase oft zu flach und ja, auch hier weiß Donki wieder Abhilfe 😛 Natürlich glaubt mir hier niemand, wenn ich ihnen sage, dass bei uns die kleinen japanischen Stupsnasen eher angesagt sind, aber da sind wir schon wieder beim Gras auf der Wiese, und ein wenig weiß ich meine Nase ja doch zu schätzen, denn wenigstens muss ich mir auf meinem Zinken nicht alle 2 Minuten die Brille wieder nach oben schieben 😉

Und das waren die bisher für mich seltsamsten Komplimente, die ich hier erhalten habe. Sehr wohlwollend werden auch oft meine Augen („So groß!“) und meine Beine („So lang!“) kommentiert, aber mit den Komplimenten kann ich wenigstens was anfangen XD

Was sind die seltsamsten Komplimente, die man euch mal gemacht hat?

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18 Antworten zu Komplimente, mit denen ich nichts anfangen kann

  1. viktor643 schreibt:

    Es geht nicht um den Vitamin D Mangel (bzw. die Aufnahme). Es geht darum das durch die Sonnenstrahlung (bestimmter Bereich der UV-Strahlung) der Körper Vitamin D verwerten kann. Ist eine notwendige Bedingung. Es reichen 10 Minuten täglich vollkommen aus. Im Winter gibt es für diesen Zweck extra UV-Strahler. Hat mir ein studierter Doktor der Biologie / Genetik gesagt. Den ich übrigens für sein Wissen und Können sehr bewundere.

    Toller Beitrag, danke.

    >Was sind die seltsamsten Komplimente, die man euch mal gemacht hat?

    -> Das ich nicht lügen könne.
    Ist es nicht selbstverständlich ehrlich zu sein????

    • nagarazoku schreibt:

      Ja, so hat es mir meine Ärztin damals auch erklärt, ich wollte für den Lesefluss nur nicht zu sehr ins Detail gehen 😉

      >Das ich nicht lügen könne.
      Ist es nicht selbstverständlich ehrlich zu sein????

      Haha, da ist ja auch die Frage, ob man wirklich nicht lügen kann oder einfach nur gerne ehrlich ist und nicht lügen möchte ^.^

  2. viktor643 schreibt:

    Ein Mangel an Vitamin D im Wachstumsalter kann ein Deformieren der Rippen/ Knochen hervorrufen. Deswegen werden/ wurden in Deutschland sogenannte Höhensonne-Geräte verwendet.
    https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%B6hensonne

    Einer meiner Freunde hat diese Brustkorbdeformation.

  3. Kitty schreibt:

    hahaha, da hast du aber eine schöne liste gesammelt! wenn dir solche „japanischspezifischen“ komplimente gemacht werden, bist du auf jeden fall gründlich assimiliert 😉 bei mir haben sich bisher immer alle an den blonden locken („dürfte ich ihre haare anfassen?“) und meinen blauen augen („wie ein engel!“) aufgehängt und kamen sonst nicht viel weiter. am gruseligsten war aber das kompliment für meinen flachen hinterkopf. ääääähm ja. unheimlich.

    • nagarazoku schreibt:

      Ein flacher Hinterkopf? O____o Hat das wieder was mit großen und kleinen Köpfen zu tun? Sieht das Gesicht dadurch kleiner aus? Oder das Haar dünner? XD

      • Kitty schreibt:

        gute frage. ich habe darauf verzichtet, den kausalzusammenhang weiter zu erforschen. die email des typen lautete vor dem @ auch irgendwas mit leni.riefenstahl, da hätte ich mir am ende noch so einen schädelvermessungsschmuh anhören müssen…

      • nagarazoku schreibt:

        Oh Gott, nee, das geht in eine Richtung, in die will man nicht mitgehen O_o

  4. Claudia schreibt:

    Kann ich alles so unterschreiben, auch wenn ich weniger „kawaii“ zu hören bekomme. Von meinem Mann schon, aber da find ich es nicht schlimm, auch wenn ich versuche ihn umzustimmen (かわいいんじゃなくて、かっこいいのよ!)

    • nagarazoku schreibt:

      Da ist mein Mann auch ein „hoffnungsloser“ Fall XD Haha, nein, bei Kei macht es mir irgendwie auch nichts aus, wenn er mich kawaii nennt. Aber gerade so auf Arbeit verrutschen mir da doch ab und an die Augenbrauen …

  5. Bommel schreibt:

    Ich finde, du siehst total super aus mit deinem kleinen Gesicht. Ein richtiger Achtkopf!

  6. hanna schreibt:

    Ich finde immer, das zeigt doch ganz schön, dass Schönheit relativ ist 😉 An die Komplimente wegen der großen Nase und der weißen Haut musste ich mich aber auch erst gewöhnen XD

    • nagarazoku schreibt:

      Ja, das war auch sehr augenöffnend für mich! Zuhause verpöhnt, hier das Ideal – universell gültige Schönheit gibt es einfach nicht, und das ist doch irgendwie beruhigend ^^

  7. Carade schreibt:

    „deine haare sind dünn“ das würde ich nicht als kompliment auffassen, da wäre ich richtig beleidigt. ich tu alles dafür meine haare voll zu bekommen und dann so was O.O

    • nagarazoku schreibt:

      Geht mir genauso. Aber das typische japanische Haar ist so füllig, dass es sich viele beim Friseur ausdünnen lassen, um es besser unter Kontrolle zu haben. Wenn mein Mann eine Weile nicht beim Friseur war, ist er der Beweis dafür, dass Super-Saiyajin-Frisuren absolut möglich sind XD

  8. Michelle schreibt:

    Ich finds nur herrlich, was dabei fürn Mensch rauskommt bei diesen Schonheitsidealen. Ein kleiner Kopf, Gesicht bleich wie ne Wand mit groooßen Augen und einer „hohen“ Nase, alles umrahmt von dünnen Fransen und umglitztert mit Herzchen und Sternchen für den kawaii-Effekt. 😀 Wo soll das hinführen! xD

    • nagarazoku schreibt:

      Damit hast du gerade die typische Heroine eines Mädchen-Mangas beschrieben XD Aber das sollte man doch mal als Werbespruch für Aufheller-Cremes verwenden! „Für eine Gesichtsfarbe bleich wie Ihre Wohnzimmerwand!“ Also wenn das nicht überzeugt XD

  9. Rotbuchenbaum schreibt:

    Sogar mir als Mann haben die Japaner hin und wieder bewundernd gesagt: Hana ga takai desu ne. (Ihre Nase ist groß). (lach)

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