[Unterwegs] Ein Ausflug nach Ōme, Teil 2

(Hier geht’s zu Teil 1)

Im Anschluss an das Museum wollten wir uns noch eine kan’non-Statue anschauen, und zwar die des shiofune kan’nonji 塩船観音寺. Also zurück zum Auto und weiter, nicht wahr? Nicht ganz …

Wir hatten das Auto auf einen der Parkplätze geparkt, die für eine Stunde kostenlos sind und wo nach der Stunde eine Wegfahrsperre hochklappt. Man bezahlt den entsprechenden Betrag für den Parkplatz an einem Automaten, die Wegfahrsperre klappt runter und man kann losfahren. Doch bei uns schien der Mechanismus nicht zu funktionieren. Wir tippten die Nummer am Automaten ein, warfen das Geld ein … und es kullerte unten wieder raus. Der Automat zeigte keinen Fehler an. Also das Ganze noch mal. Wieder nichts. Okay, umgekehrt: Erst Geld, dann Nummer. Es ging erneut nicht. Langsam waren wir etwas genervt. Es war heiß (immer noch Juni) und in der Gegend natürlich niemand zu sehen, der uns helfen konnte. Wir fanden allerdings ein Schild mit einer Notfallnummer, und die riefen wir an. Der Herr am anderen Ende des Telefons wollte uns unser Problem allerdings nicht so richtig glauben und ließ uns alle Schritte mehrmals wiederholen. „Haben Sie auch wirklich fünf 100 Yen-Stücke reingeworfen?“ Aber natürlich! DAS wird es gewesen sein! Wir können alle nicht bis fünf zählen! Nach 10 Minuten erbarmte er sich endlich, jemanden anzurufen, der zu uns kommen würde. „Könnte aber 1 bis 2 Stunden dauern“, schmatzte er meiner Kollegin ins Ohr. Und natürlich „Und bitte beim Auto warten!“ Na, geil.

Zwei von uns machten sich also erst mal auf den Weg, um einen konbini zu suchen und uns mit Getränken zu versorgen. M und ich quetschten uns entnervt in den Schatten des Autos. Nur meine Kollegin K. hatte jetzt der Kampfgeist erst richtig gepackt und sie drückte weiter lustig auf dem Automaten rum. Auf einmal klappten alle Wegfahrsperren mit gerade Nummer nach oben, auch die, über denen kein Auto geparkt war (siehe Bild links, da seht ihr übrigens auch unser Auto … perfekt für 5 Leute, nicht wahr?). Ich stürmte zu K. „Gleich noch mal!“ K. drückte erneut wie wild auf dem Automaten rum. Die Wegfahrsperren mit gerader Nummer klappten wieder runter und die für die ungeraden Nummern klappten nach oben. Weiteres Rumgetippe klappte diese auch wieder nach unten – bis auf die Wegfahrsperre unter unserem Auto. Verdammt!!! Doch wartet: Plötzlich begann der Automaten zu rebooten. Wir versuchten es erneut: Nummer eingetippt, Geld rein uuund es funktionierte!!! M. sprang ins Auto und raste aus dem Parkplatz. Frei, frei, frei, wir waren frei! Wir verständigten den Herren über die Notfallnummer – der keinen Hehl daraus machte, dass er jetzt nur noch mehr daran glaubte, dass wir einfach zu dämlich waren, den Automaten zu benutzen – sammelten unsere beiden Einkäufer ein und machten uns auf den Weg zur kan’non.

Ein kurzer Trip und wir erreichten den shiofune kan’nonji, einen in einem Tal gelegenen Tempel, der im Frühling durch die verschiedenfarbigen Azaleen-Blüten an den Büschen ganz besonders schön aussehen soll. Aber auch im Sommer war das tiefgrüne Tal sehr beeindruckend.

Außerhalb der Saison irgendwo hinzugehen hat ja sowieso immer den Vorteil, dass man sich nur mit wenigen anderen Leuten herumschlagen muss, und in diesem Fall hatten wir das gesamte Tempelgelände für uns allein :3

Der Tempel wurde zwischen 645 und 650 errichtet und hat keine besonders spannende Gründungsgeschichte. Der Name hingegen wirkt etwas ungewöhnlich, denn übersetzt heißt er so viel wie „kan’non-Tempel des Salzschiffes“. Angeblich soll das Gelände mit den Hügeln und den Büschen einem Schiff ähneln. Und zwar nicht nur irgendeinem: dem guzei no fune 弘誓の船, dem Schiff, das Menschen aus der Verwirrung zur Erleuchtung tragen soll, höchstpersönlich. Ich hab mir das Tal aus allen Ecken und Winkeln angeguckt, aber zumindest mir zeigte sich diese Ähnlichkeit nicht.

Es ist ein kleiner Fußmarsch bergauf bis zur kan’non-Statue, der durch die Hitze natürlich drei Mal so anstrengend war, und dann waren wir da.

Kan’non ist die eine weibliche Bodhisattva, also eine Person, die Erleuchtung erlangt hat; so eine Art weiblicher Buddha also 😉 Im Volksglauben wird sie allerdings auch als Göttin verehrt und steht hier Mitgefühl. Eine kan’non-Statue habe ich vor vielen, vielen Jahren in Ōfuna besucht – sie war wesentlich kleiner und aber auch wesentlich jünger als die vom shiofune kan’nonji.

Die Größe von Statuen lässt sich immer nur schwer fotografisch festhalten, also stellte sich meine Kollegin einmal neben die kan’non. Trotzdem kommt irgendwie nicht so richtig rüber, wie groß die Statue eigentlich war. Aber es war schwer genug, sie komplett auf ein Bild zu bekommen.

Shuin gab es natürlich auch – zwei sogar, einen oben und einen unten am Tempel 😉 Der shiofune kan’nonji ist übrigens der Haupttempel des shingon-Buddhismus, welcher sich als Schule des „wahren Wortes“ versteht und stark tantrisch geprägt ist. Nur so, falls ihr bei „Wer wird Millionär?“ mal danach gefragt werdet 😛

Im Anschluss ging es nach Costco. Wie erwähnt komme ich zum Laden selbst mal in einem extra Eintrag. Wir brauchten viel zu lange, gaben viel zu viel Geld aus und hauten uns im Anschluss die Bäuche noch mit dem Ungesündesten, was sie dort hatten, voll. Ein normaler Costco-Besuch also 😛

Für die Rückfahrt bestand ich darauf, dass unsere schlanke Kollegin (Japanerin eben 😛 ) mit einer von uns Gequetschten den Platz tauscht, um etwas Luft auf dem Rücksitz zu schaffen. Die Kollegin selbst hatte damit absolut kein Problem, aber M. wollte und wollte nicht von ihr lassen. Ich diskutierte mit ihr, holte irgendwann die „Ich habe meinem Vater beim Navigieren im Auto immer geholfen, und das noch vor Navigeräten, und hab nie das Gefühl gehabt, dafür brauche man einen Führerschein!“-Keule aus und siehe da: Luft zum Atmen auf der Rückbank und die Stimmung war gleich besser. Allerdings brauchten wir ewig zurück nach Tōkyō und ich ja dann noch mal hierher nach Machida. Ich war erst kurz vor Mitternacht wieder Zuhause. Aber: Bagels und Nutella zum Frühstück machen einiges wieder wett 😛

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5 Antworten zu [Unterwegs] Ein Ausflug nach Ōme, Teil 2

  1. Kitty schreibt:

    die geschichte mit der wegfahrsperre hätte mich heimfahrfertiggemacht, was für ein schock – aber das ist ja bilderbuchschön, das salzschifftal!

    • nagarazoku schreibt:

      Nicht wahr? Im Frühling muss das da bilderbuchschön sein :3

      Über die Wegfahrsperre haben wir uns zu Anfang noch ein wenig amüsiert, aber spätestens nach dem Telefonat mit dem unwilligen Heeren ist es auch der Letzten von uns vergangen.

  2. Michelle schreibt:

    Ich mag wie du ganz deutsch mit klaren Ansagen durchgreifst. 🙂 Muss ja mal sein. Zustände!

    Scheiß Wegfahrsperre! Das wärs noch gewesen, da zwei Stunden rumzusitzen. -.- Immerhin hat sich die Fehlfunktion durch ernergisches Fehlbedienen noch überreden lassen.

    • nagarazoku schreibt:

      Ich hab aus meinem Ausflug nach Osaka gelernt ^^;

      Bin meiner Kollegin sehr dankbar dafür, dass sie so hartnäckig drangeblieben ist. Zwei Stunden in der prallen Sonne – danach hätten wir doch echt auf nichts mehr Lust gehabt.

  3. Pingback: [Unterwegs] Kōbe-Spezial: Ans Meer UND in die Berge | Ein Nagarazoku in Japan

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