[Unterwegs] Ein Ausflug nach Ōme, Teil 1

Vor einer Weile hatte eine meiner Kolleginnen, die gerade ihren Führerscheintest bestanden hatte und nun in Japan die Straßen unsicher machen durfte, eine tolle Idee: Zusammen mit drei anderen Kollegen leihen wir uns an einem Wochenende ein Auto, teilen die Kosten, fahren zu Costco (ein amerikanischer wholesale-Laden, zu dem ich mal in einem eigenen Beitrag komme) und machen davor in der entsprechenden Gegend Sightseeing. Ich hatte bei der Sache zu Anfang kein gutes Gefühl. Zeit mit Kollegen verbringen … ausgerechnet am Wochenende? Nicht, dass ich was gegen meine Kollegen hätte, so ist es nicht, aber manchmal ist es für das Nervenkostüm einfach besser, Arbeit und Freizeit strikt getrennt zu halten. Aber wann hätte ich das nächste Mal die Gelegenheit, nach Costco zu fahren? (Zwei Monate später fuhr ich mit Keis Eltern 😛 )

So ging es also an einem Sonntag ganz früh nach Tōkyō, um das besagte Auto zu leihen und uns dann Richtung Saitama zu machen. Und hier ging es dann los.

Meine Kollegin M. bestand auf den kleineren von zwei Wagen, die uns zur Auswahl standen. Das wäre billiger und sie würde sich nicht sicher fühlen, einen so großen Wagen zu fahren. Während ich letzteres noch halbwegs nachvollziehen kann – beim Preis reden wir von gerade einmal 5 € pro Person, das gilt als Ausrede nun wirklich nicht – bin ich doch der Meinung, dass wir dann besser eine Kollegin weniger auf diesen Trip eingeladen hätten. Aber nein, es mussten unbedingt fünf Leute und es musste jetzt auch unbedingt der kleine Wagen sein. Und unsere eine wahnsinnig schlanke Kollegin musste unbedingt auf den Beifahrersitz, weil sie ja auch einen Führerschein hat und M. dann beim Navigieren helfen konnte. So mit Navigerät ist da ja immer viel zu helfen. Das meinte zumindest M. Ich erwähnte erst mal nicht, dass ich meinem Papa jahrelang beim Navigieren half und bis heute keinen Führerschein besitze. Das bedeutete jetzt aber, dass ich und meine zwei anderen Kolleginnen uns hinten auf den engen Rücksitz quetschen mussten. Es war auf den ersten Blick abzusehen, dass das ein Desaster werden würde, und ja, wir saßen uns quasi auf dem Schoß. Addiere eine Klimaanlage, die nicht bis zum Rücksitz bläst, und eine generell angespannte Stimmung, weil die beiden anderen Kolleginnen reichlich zu spät kamen und M. das „gar nicht lustig“ fand, und die Atmosphäre im Auto hätte nicht furchtbarer sein können. Außerdem saß ich so dicht an der Autotür dran, dass mir mit jedem Mal abbiegen der Kopf in die Scheibe gerammt wurde. Na, dann mal auf Richtung Westen!

3 Stunden später …

Ich steige nie wieder zu einem Fahranfängern ins Auto! M.s Bremseinlagen waren so heftig, dass mir richtig schlecht war, weil mein Sicherheitsgurt ständig in meine Organe schnitt. Fünf mal verpassten wir die gleiche Ausfahrt, obwohl das Navigerät fünf Mal klar und deutlich sagte „In 20 Metern bitte links abbiegen.“ U-turn ging natürlich nicht, weil M. zu unsicher war. Was habe ich bitte in diesem Wagen zu suchen gehabt??? Der gleiche Spaß, als wir in dem verschlafenen Dorf Ōme 青梅 einen Parkplatz suchten. „Da vorne ist einer ausgeschrieben! In 100 Metern.“ – „Wo?“ – „Da hinten links ist das Schild.“ – „Wo denn?“ – „Da vorne links!“ – „Ich seh nichts!“ Zwischendurch mischt das Navi mit. „In 20 Metern bitte links einbiegen.“ „ALSO ICH SEH HIER NICHTS!“ – „Na, da links! Da! Hier! Rein! Stop! Was …?“ – „Ach, DA war der! Na, das war jetzt zu knapp!“ Ich hätte aus dem fahrenden Auto springen sollen.

Eine halbe Stunde später …

Nein, ich scherze nicht. Eine halbe Stunde dauerte es, einen Parkplatz zu finden – in einem Dorf, in dem es gefühlt 200 Parkplätze und nur 2 Autos gab. Aber dann ging es endlich ans „Sightseeing“. Ōme hat einen schönen, aber recht verlassen wirkenden Schrein, den sumiyoshi jinja 住吉神社, und für schicke Schreingelände bin ich ja immer zu haben 😉

Vom Schreingelände aus hatte man einen schönen Blick auf das Dorf. Hier schien wirklich nichts los zu sein, und doch hätte es mich so wahnsinnig gereizt, einfach mal die Straßen abzuwandern und zu gucken. Aber nein, Nagarazoku, so was geht nur mit ganz, ganz wenigen Menschen in Begleitung, und die hatte ich dieses Mal nicht dabei. Mein Vorschlag war schnell überstimmt, man wollte wo hin, wo es eine Klimaanlage gibt. So viel zum Sightseeing. Aber gut, ich gestehe ihnen zu: Es war wirklich verdammt heiß.

Direkt neben dem sumiyoshi-Schrein gibt es das shōwa retro shōhin hakubutsukan 昭和レトロ商品博物館 – ein Museum, in dem Retro-Artikel aus der Shōwa-Zeit, die von 1926 bis 1989 reichte, ausgestellt sind. Das Museum war winzigst und man sollte auf keinen Fall nur für selbiges bis nach Ōme fahren. Das ist die Fahrtzeit nicht wirklich wert und man ärgert sich nur. Aber wenn man sowieso gerade in der Stadt ist (warum auch immer), ist es auf jeden Fall einen Besuch wert … für mich jedenfalls – ich hatte ja schon mal erwähnt, dass ich total auf Ausstellungen mit Kleinstadtcharme stehe 😉

Auf den letzten beiden Bildern seht ihr das Museum einmal komplett. Das war es. Mehr gab es nicht. Gott, ich lach jetzt noch, wenn ich an die Ausstellung denke XD Übrigens:

„Sailor Moon“ gehört nicht nur auch zur shōwa-Zeit, sondern ich hätte nie gedacht, es mal neben einem Hakenkreuz fotografieren zu können 😛

Es gab noch eine zweite, mir sehr rätselhafte Etage: Das Zimmer der Schneefrau. Was das mit der Ausstellung zu tun hatte? Was dieses Zimmer generell für einen Zweck hatte? Keine Ahnung, aber man nimmt ja mit, was man kann!

Danach hatten wir Hunger und kehrten im Restaurant direkt neben dem Museum ein. Ich hatte keine Lust, dass mir wieder so eine Restaurant-Odyssee wie damals in Ōsaka passiert und sagte daher klipp und klar „Ich habe jetzt Hunger und auf Klo muss ich auch! Hier bitte!“ Und das war eine gute Entscheidung. Das Restaurant hatte sich auf in Suppe gekochte gyōza spezialisiert, die wirklich, wirklich köstlich waren. Der Besitzer erzählte noch aus dem Nähkästchen. Er hätte seit einem Auftritt im Fernsehen jetzt so viel berühmten Besuch. Photos an der Wand bestätigten das. Einen Manga über ihn und seinen Laden gibt es auch, und den zeigte er uns. Ich habe leider den Namen vergessen, aber er und seine gyōza waren verdammt gut getroffen XD

Im Anschluss erkundigte ich mich nach der Toilette. Der Besitzer entschuldigte sich kurz und kam dann mit seiner Mutter, einer Dame, die bestimmt an die 80 Jahre alt war, wieder. Sie würde mir die Toilette zeigen. Und dann tapste sie schon los. Wir verließen das Restaurant und gingen ein Stück nach rechts. Dann standen wir vor einer uralt wirkenden Holztür, die in den Hinterhof zu führen schien. Die Oma öffnete die Tür: Ein wirklich, wirklich enger Gang zwischen zwei Häuserwänden entlang. „Geradeaus, bis es nicht mehr weiter geht, dann rechts durch die Tür und dann noch mal rechts.“ Ich schluckte. Der Gang sah nicht vertrauenserweckend aus. Aber was muss das muss. Ich schlich den engen Gang entlang, bis es nicht mehr weiter ging. Dann rechts: Eine Tür, die noch älter wirkte, als die Eingangstür. Ich sah mich schon über dem Plumpsklo mit hunderten von Spinnen über mir hängen. Weiter, dann rechts. Noch eine alte Tür. Ich atmete auf das Schlimmste gefasst tief durch und öffnete sie: Eine supermoderne japanische Toilette erwartete mich! Es duftete nicht nur nach Pfirsich, sondern man hatte sogar ein elektrisches katorisenko 蚊取り線香 – einen Geruch, den Insekten hassen – aufgestellt. Das Ganze war schon wieder so skurill, dass ich mich etwas ärgerte, dass ich mein Smartphone nicht dabei hatte (was in anbetracht der Tatsache, dass man mich in einen Hinterhof geführt hat, sowieso keine schlaue Idee war …). Ich setzte mich aufs Klo und lachte innerlich ein kleines bisschen über meine Kollegen, die sich in die Toilette im Museum gequetscht hatten, denn die soll richtig, richtig furchtbar gewesen sein. Ach Schadenfreude, du kleines Biest ( ̄▽ ̄)

Wie geht die Reise weiter? Wird das Nagarazoku noch in Costco ankommen und sich auf Bagel und Nutella stürzen dürfen? Der 2. Teil des Reiseberichts folgt in Kürze! 😉

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5 Antworten zu [Unterwegs] Ein Ausflug nach Ōme, Teil 1

  1. Bommel schreibt:

    Herrlich! Die Toilettenstory ist mein absoluter Lieblingsteil der Geschichte. Japan, jenes exotische Inselreich, in dem Tradition und Moderne nebeneinander existieren, verzaubert seine westlichen Besucher in jeder Minute aufs Neue. Lassen Sie sich entführen in das Reich der Geishas und Kapselhotels. Buchen Sie bei Nagarazoku Travel Ihre persönliche Luxusreise zu Japans verborgenen Schätzen.

  2. Kitty schreibt:

    hahahaha! nächstes mal fahren wir zusammen! inklusive extensivem sightseeing und toilettenabenteuern!!

    • nagarazoku schreibt:

      Unbedingt! Aber dann muss bis dahin eine von uns unbedingt ihren Führerschein haben- ich glaube, nach Ōme fährt sonst nichts XD

  3. Pingback: [Unterwegs] Ein Ausflug nach Ōme, Teil 2 | Ein Nagarazoku in Japan

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