[Alltag in Japan] Vom Angestarrtwerden

Als ich mich damals im Jahr 2008 kurz vor meinem Rückflug nach Deutschland mit einer Kommilitonin traf und einmal Dampf darüber abließ, wie sehr es mich ankotzt, hier in Japan ständig und überall angestarrt zu werden, versicherte sie mir: „Wenn du erst einmal zurück in Deutschland bist, wird es dir fehlen.“ Das passierte nie.

In Deutschland kann ich meinen Teil „angestarrt werden“ auch haben – vornehmlich, wenn ich mich mit Kei auf der Straße auf Japanisch unterhalte. Trotz all der Internationalität in Berlin ist das eine Sprache, deren Laut man nun doch nicht allzu oft zu hören bekommt. In Japan werde ich allerdings auch angestarrt, wenn ich Japanisch spreche. Und dann, wenn ich Englisch, Deutsch oder jede andere europäische Sprache auspacke. Ich werde angestarrt egal ob ich aufgehübscht bin oder in Schlabberklamotten den Müll vor die Tür stelle, ob ich zu Fuß oder auf dem Fahrrad einkaufen fahre, ob ich in der Bahn lese, Musik höre oder zocke, ob ich Sonnenbrille trage oder nicht.

Ja, ich gebe zu, ich mag für viele Japaner ein Hingucker sein. Ich habe zwar keine aufregenden blonden Haare und keine exotischen blauen Augen, aber ich bin rund 20 cm größer als die Durchschnittsjapanerin und immer noch rund 3 cm größer als der Durchschnittsjapaner. Darf man den Japanern Glauben schenken, so hat mein Gesicht eine andere Größe als das der Japaner (dazu komme ich in einem eigenen Blogpost noch mal) und meine Nase sowieso. Ich bin also Bill Murray in einem Hotelfahrstuhl in Tōkyō (Ja, Bill! Nicht mal Scarlet!). Ich steche hervor und daher werde ich ständig angestarrt.

Diese Erkenntnis ist natürlich keine neue für mich, allerdings ist das Angestarrt werden eines der Dinge, an die ich mich absolut nicht gewöhnen kann. Denn was macht das Wissen, ständig den Blick anderer Leute auf einem zu haben, weil man anders aussieht, mit einem? Man wird „overly self-conscious“, wie es sich auf Englisch so schön ausdrücken lässt. Die eine Haarsträhne, die da heute Morgen seltsam aus dem Pferdeschwanz gehangen hat, der kleine Soßenfleck auf der Hose, das Shirt, das vielleicht doch etwas eng geworden ist … Halte ich mein Buch vernünftig? Mach bloß keine seltsamen Gesichter beim Zocken! Laufe ich heute irgendwie komisch? Na, interessiert euch, was die Ausländerin so für Lebensmittel kauft? DIE GLEICHEN WIE IHR!!! Es ist einfach wahnsinnig anstrengend. An Tagen, an denen man sich aus irgendeinem Grund eh schon nicht besonders toll fühlt, kann es richtig belastend werden. Und es erinnert einen immer wieder daran, dass man Ausländer ist hier in Japan. Egal, wie lange man hier wohnt. Und ich wohne noch nicht so lange hier. Aber Leuten, die seit 30 Jahren hier im Land leben, geht es ja nicht anders. Dabei haben viele von ihnen mehr als die Hälfte ihres Lebens in Japan verbracht, doch ein Blick reicht, um sie zu erinnern, dass sie „anders“ sind. Nicht Japanisch. Das weiß man hier nämlich auf einen Blick. Und diesen Blick halten einige Japaner sehr gerne sehr lange. Nicht selten fahren Leute mit Fahrrad oder Auto an mir vorbei und drehen ihren Kopf in der Fahrt, so dass sie mich schön lange im Blick haben. Das gleiche auf Rolltreppen.

Natürlich merke ich es nicht immer, wenn ich angestarrt werde – ich habe sogar Tage, an denen es mir so egal ist, dass ich es kaum mitbekomme – aber ich merke es doch meistens. Ich räume allerdings ein, dass es Unterschiede gibt, wo wie intensiv und oft gestarrt wird. Auf dem Land am meisten, in großen Städten wie Kyōto und Tōkyō, in denen man nicht nur eher an den Anblick von Ausländern gewöhnt ist, sondern die Leute – wie in allen Großstädten – mehr mit sich selbst beschäftigt sind, weniger. Aber doch nie nie. Und manchmal sind die Leute in den Großstädten die aufdringlichsten, weil sie sich von der Anonymität der Großstadt „geschützt“ fühlen.

Und was kann man nun dagegen tun? Sich ein so dickes Fell wachsen lassen, dass es einem egal ist, angestarrt zu werden. Ich bin gerade dabei. Doch der Pelz ist noch etwas fleckig. Auf meiner festen Route morgens zur Arbeit kann ich alles ausblenden, am Wochenende beim Shopping nur bedingt. Bis der Pelz gewachsen ist, kann man das Starren nur knallhart ignorieren oder ebenso aufdringlich zurückstarren. Oft bringt Letzteres die Starrer dazu, ihren Blick abzuwenden. Das war es schon aus meinem Repertoire der Kiste „non violent“ … Vielleicht sollte ich doch den Buchumschlag, den eine Freundin mir damals ausgedruckt hat und der schändlicherweise nie zum Einsatz kam, endlich mal mit mir in die Bahn bringen. Aber ich hab doch jetzt einen Kindle …

via http://arnikristjansson.com
„Warum starren Japaner Ausländer an?“

Was sind eure Erfahrungen mit dem Angestarrtwerden in Japan?
Tipps, wie man am besten damit umgeht?
Oder stört es euch vielleicht überhaupt gar nicht (ihr beneidenswerten Glückspilze)?

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13 Antworten zu [Alltag in Japan] Vom Angestarrtwerden

  1. Claudia schreibt:

    Ich muss zugeben, dass ich es meist nicht mitbekomme. Klar, manchmal starren manche ganz genau (vor allem Schüler), aber dem Rest der japanischen Bevölkerung scheine ich recht egal zu sein. Wenn ich mit meinem Mann unterwegs bin, sagt er, dass er oft angestarrt wird. „Warum hast DU eine Ausländerin (und ich nicht)?“ interpretiert er da rein. 😉 Ansonsten: Scheuklappen.

    • nagarazoku schreibt:

      Scheuklappen sind wahrscheinlich wirklich das beste. Man kann ja eh nichts dagegen machen, und sich jedes Mal aufregen verbraucht Energie -.-‚

      • Claudia schreibt:

        Das Ding ist, dass die aufgewandte Energie keinen Wandel im Verhalten der Japaner mit sich bringen wird…

      • nagarazoku schreibt:

        Das stimmt allerdings, immerhin scheinen auch die Erwachsenen hier starren in Ordnung zu finden. Ich habe jedenfalls noch nie eine Mutter oder einen Vater gesehen, welche ihrem Kind ein „Starren gehört sich nicht!“ zugezischt hätten. Allerdings hatte ich schon Eltern, die mit einem „Wo?“ gleich mitgestarrt haben, als der Spross ihrer Lenden mit ausgestreckten Zeigefinger „Eine Ausländerin!“ rief XD Kindern nehme ich das Starren auch gar nicht übel – es sind Kinder 😉

      • Claudia schreibt:

        Zurückstarren bis es ihnen peinlich wird!! >:)

      • nagarazoku schreibt:

        Haha, das mach ich sogar manchmal XD

  2. hanna schreibt:

    Seit ich auf dem Land gewohnt habe, wo man als eine von zwei Westlerinnen im Umkreis von 50km dann doch sehr auffaellt, finde ich Tokyo ganz angenehm, was das Angestarrt-werden betrifft 😉 Hier bin ich wenigstens nur eine von vielen Auslaenderinnen ^^;

    • nagarazoku schreibt:

      Haha, ja, ich erinnere mich, als ich noch im Wohnheim der Tōkai-Uni irgendwo im nirgendwo auf einem Berg gelebt habe, waren die Ausflüge nach Tokyo anstarrtechnisch auch immer Balsam für die Seele. Ich dachte eigentlich, hier in Machida würde ich genauso wenig angestarrt werden, aber dafür ist Machida wohl dann doch noch zu weit vom Schuss weg 😛

  3. FujikoToyohashi schreibt:

    Während meines Auslandsjahres ist mir das Starren auch immer wieder aufgefallen, wobei zurückstarren (mit hochgezogener Augenbraue) meist schnell dazu geführt hat dass sie weggeguckt haben (zumindest für einen Moment).
    Seit wir jetzt wieder hier sind ist es seltsamerweise anders. Ich habe es erwartet und habe mir tatsächlich Sorgen gemacht weil ich mein Selbstbewußtsein momentan sowieso gerade nicht so dolle ist. Aber wenn ich ehrlich bin kann ich in den letzten Monaten nicht sagen dass ich auch nur einmal bemerkt hätte dass mich jemand anstarrt (oder interessierter als gewöhnlich wirkt).
    Ich hoffe das bleibt auch so. Sei es weil tatsächlich niemand guckt oder weil ich einfach so mit mir, bzw. uns, selbst beschäftigt bin dass ich es nicht bemerke 🙂

    • nagarazoku schreibt:

      Vielleicht sind die Leute bei dir in der Gegend alle besser erzogen XD
      Ich merke allerdings auch, dass ich weniger bemerke, wenn ich nicht allein unterwegs und daher mit jemandem beschäftigt bin. Und selbst wenn es mir dann auffällt, macht es mir weniger aus, weil ich jemanden dabei habe, mit dem ich drüber lachen kann 😉
      Ich hoffe, das Nichtangestarrtwerden bleibt für dich weiterhin so! Das macht einem das Eingewöhnen in eine neue Wohngegend nur leicher 😉

  4. Kitty schreibt:

    ein sehr interessanter beitrag! super, das thema mal aus sicht anderer zu hören! ich starre selbst total gerne leute an, wenn sie gut angezogen sind. dann will ich ihren look aufsaugen. oder den schicken bürokraten, der in kasumigaseki einstieg, sich umdrehte und ein propperes babymädchen vorgeschnallt hatte, dem er während er der fahrt immer wieder in die marshmellow-hände biss, während das kind vergnügt quietschte.
    wenn mich andere aus interesse anstarren, finde ich das okay. ich finde es in deutschland sogar wesentlich unangenehmer, weil die leute viel aggressiver und wertender schauen (weil ich ein ungewöhnliches gesicht habe [was in japan qua gaijin-tum normal ist, stichwort blaue augen und dann noch die blonden locken]? weil ich immer overdressed bin [was in japan nie ein problem ist!]?). davon fühle ich mich in japan also befreit. nur ganz selten stört mich dort das angestarrt werden – weil es meistens in kombination mit über mich reden einhergeht. will sagen: mein „passing“ ist überall schlecht, angestarrt werde ich eh und deshalb ist es mir sowieso egal, so lange es bestimmte grenzen nicht überschreitet. ein hoch auf scheuklappen und dickes fell!!

    • nagarazoku schreibt:

      Möge mir beides schnell wachsen!!!

      Aber nein, du hast recht, in Japan ist das Angestarrtwerden meistens ein interessiertes, kein so stark wertendes wie in Deutschland. Wenn ich an dem entsprechenden Tag gut drauf und mit mir im reinen bin, macht es mir oft auch nichts aus. Aber umso mehr an den Tagen, an denen ich mich vielleicht eh schon nicht so toll fühle. Da kann mich das wirklich auf die Palme tragen. Und manchmal ist es auch kein interessiertes, sondern ein abwertendes Gucken. Das hatte ich mal von einer Oma im Bus, der ich offensichtlich an der Hand von Kei nicht gefiel. Sollte mich nicht stören, tat es aber -.-‚

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