Rentenkassenwirrwarr

Stellt euch vor ihr wollt euch bei der Rentenkasse für die Nachzahlung nicht gezahlter Beiträge anmelden, müsst dafür nachweisen, dass ihr zu einer bestimmten Zeit in Japan wart, seit für den Zeitraum aber nicht im System registriert, weil die Anmeldung für die Rentenkasse damals noch freiwillig für Ausländer war, und habt aber auch euren alten Reisepass nicht mehr. Klingt weit hergeholt? Ist mir genau so passiert.

Ich habe nicht viel Ahnung vom deutschen Rentensystem, also kann ich keine Vergleiche ziehen. In Japan muss jeder, der das 20. Lebensjahr erreicht hat, in die Rentenkasse einzahlen. Kann man das aus finanziellen Gründen nicht, stellt man einen Antrag und wird von der Zahlungspflicht befreit oder darf einen reduzierten Beitrag bezahlen. Für die Nachzahlung nicht gezahlter Beiträge der letzten 10 Jahre kann man sich nun noch bis zum September dieses Jahres anmelden. Und das wollte ich nun tun. Warum? Als Masterabsolventin habe ich erst sehr spät angefangen, in die Rentenkasse einzuzahlen. Also erst letztes Jahr. Davor hätte ich es mir auch gar nicht leisten können – als Student ist man meistens zu arm dafür. Um später den vollen Betrag an Rente ausbezahlt zu bekommen, muss man aber eine bestimmte Anzahl an Jahren in die Rentenkasse eingezahlt haben. 45, um genau zu sein. Viel, wenn man bedenkt, dass die meisten deutschen Studenten damit nicht vor dem 25., aber wohl meist erst Ende ihrer 20iger anfangen. Für mich würde das bedeuten, dass ich erst mit 74 Jahren in Rente gehen könnte ohne Abschläge in Kauf nehmen zu müssen. Das ist 9 Jahre über dem Renteneintrittsalter O_o Nachdem ich diesen Schock verdaut hatte, ging es für mich darum, Wege zu finden, das auf mindestens 70 zu senken. Wenn ich mir die Situation hier so angucke, bin ich sowieso fest der Überzeugung, dass das Renteneintrittsalter bald schon auf 70 angehoben wird, und dann wäre ich wenigstens im Durchschnitt 😛 Lange Rede, kurzer Sinn: Die Möglichkeit der Nachzahlung kam mir sehr gelegen, denn damit kann ich genau das tun.

Gibt es Zeiträume, die man in Japan verbracht hat, für die man von der Beitragspflicht befreit war, in denen man aber im Rentensystem angemeldet war, geht man einfach zum Rentenbüro seines Bezirks, zum 年金事務所 nenkinjimusho, und beantragt die Nachzahlung. Man kann den ausstehenden Betrag in einem Batzen oder Monat für Monat bezahlen. Der Betrag richtet sich nach dem aktuellen Rentenkassenbeitrag. Ja, hier bezahlt man nicht nach Prozenten, hier bezahlt man einen festen Betrag. Ich glaube, damit schießt sich Japan selbst ins Bein, aber okay.

Gibt es Zeiträume, die man in Japan verbracht hat, für die man von der Beitragspflicht befreit war und in denen man auch nicht im Rentensystem angemeldet war, muss man nachweisen, dass man zum entsprechenden Zeitpunkt in Japan war. Das geht ganz einfach, wenn man zwischendurch nie seinen Reisepass gewechselt hat oder zumindest seinen alten Reisepass noch besitzt. Und das tat ich nun nicht mehr. Dabei war ich mir ganz sicher, ihn noch zu haben, aber er war nirgends auffindbar. Gut, mit all den Umzügen, die ich die letzten Jahre zwischen Deutschland und Japan mitgemacht habe, kann schon mal was verloren gehen, aber das passte nun so gar nicht. Ich musste also einen anderen Weg finden, um nachzuweisen, dass ich von 2007 – 2008 in Japan war.

Recherche im Internet brachte mich nicht weiter. Die meisten Leute hatten eben gut auf ihre alten Reisepässe aufgepasst -.-‚ Meine erste Anlaufstelle war also erst einmal die Immigrationsbehörde, 入国管理局 nyūkoku kanrikyoku. Klingt logisch, oder? Besonders, wenn man bedenkt, dass Japan ja bereits nach Landung von uns Ausländern schon alles an Infos sammelt, was man so sammeln kann. Aber nein, dort konnte man mir nicht weiterhelfen. Man war sogar überaus überrascht ob meiner Frage. So was würde es nicht geben. Könne man sich gar nicht vorstellen. Warum sollte jemand so was brauchen? Nun war ich armer Tor nach einer Stunde Immigrationsbüro so schlau als wie zuvor -.-‚

Was macht man, wenn man in einem Laden beim Verkäufer nicht weiterkommt? Den Manager rufen. (Hab ich persönlich nie gemacht, aber in allen Serien und Filmen läuft es doch immer so, nicht? 😛 ) Der Manager der Immigrationsbehörde ist das Ministry of Justice, das hōmushō 法務省. Und so nahm ich mir also einen Abend und klickte mich durch deren Homepage. Und da fand ich das hier:

http://www.moj.go.jp/hisho/bunsho/disclose_disclose05-05.html

Einen Antrag zur Offenlegung persönlicher Informationen. Und für Ausländer in Japan bedeutet das immer auch Ankunfts- und Abflugsdatum, sowie Visastatus. Dingdingding! Genau das, was ich brauchte! Mitgeschickt hab ich eine Meldebescheinigung, 住民票 jūminhyō , und einen Auszug aus unserem Familienregister, 戸籍謄本 kosekitōhon – erhält man beides beim Rathaus, 市役所 shiuakusho bzw. 区役所 kuyakusho, seines Bezirks. Und zwei Wochen nach Absenden des Antrages erhielt ich gestern per Post alle notwendigen Unterlagen, um nächste Woche ins Rentenbüro zu gehen und ihnen mit einem lauten „HA!“ den Antrag für 2007 – 2008 auf den Tisch zu klatschen! Mann, so viel Aufriss für eine Leistung, die ich freiwillig erbringen will!!! Aber jetzt wisst ihr, wo ihr gucken müsst, falls ihr mal nachweisen müsst, dass ihr in Japan ward 😉

Glaube ich wirklich, dass sich dieser ganze Aufwand gelohnt hat, weil ich dann später ab 70 ordentlich Rente kassieren werde? Keine Ahnung. So wie es derzeit aussieht eher nicht, was? Aber was ist der worst case, wenn ich jetzt das Geld bezahle und später keine Rente kriege? Ich habe umsonst eingezahlt und stehe ohne Rente da. Bezahle ich jetzt und es gibt später doch Rente: Yay, volle Rente! Bezahle ich jetzt nicht nach und es gibt später noch Rente, dann beiße ich mir in den Arsch. Bezahle ich nicht und es gibt auch keine Rente, dann habe ich nichts umsonst bezahlt, kann mir davon aber auch nichts kaufen außer einem „Haha, ich hab damals 2015 kein Geld für die Nachzahlung verschwendet!“ Was ich damit sagen will: Die Vorteile des best-case-scenarios, wenn ich nachzahlen, überwiegen den jetzigen Aufwand und deshalb ziehe ich das jetzt einfach durch. Und selbst, wenn wir irgendwann mal nach Deutschland zurückkehren, waren die Einzahlung durch das schöne Rentenabkommen, das Japan und Deutschland miteinander haben, nicht umsonst. Um das worst-case-scenario abzuwenden – nix, nada, gar nichts mit 70 – werden Kei und ich uns demnächst mal nach privaten Rentenversicherungen umschauen. Mann, erwachsen sein ist ganz schön schwierig -.-‚

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12 Antworten zu Rentenkassenwirrwarr

  1. Bommel schreibt:

    Ich bin sehr stolz auf dich! Du hast das System inzwischen voll im Griff. Bald bist du so versiert, dass du das System für dich arbeiten lassen kannst. So wie Batman!

    • nagarazoku schreibt:

      Batmans Milliarden hätte ich dann auch gern! Genie, Milliardär, Herzensbrecher, Philanthropist … Warte, falscher Superheld. Egal, so reich wie einer von denen wäre ich gerne 😛

  2. Anika schreibt:

    Jaja.. Die Nachzahlungen.. Ich zahle momentan noch 3 Renten auf einmal im Monat.. Aber nur noch zwei Monate, dann sind die 2 Jahre voll und ich bekomme endlich meine „volles“ Gehalt ausbezahlt! Yeah!
    Ich darf btw mit 67, vielleicht auch schon mit 63 in Rente! Theoretisch.. Man bin ich froh XD

    • nagarazoku schreibt:

      Früh rentet, wer früh einbezahlt hat 😛 Ich schaue gerade noch nach Möglichkeiten ein paar Rentenbeitragsjahre in Deutschland nachzuholen. Das kann man wohl für Ausbildungsjahre (schließt wohl auch Studium mit ein), aber nur bis 45 und ich weiß nicht, ob man dafür noch in Deutschland gemeldet sein muss -.-‚ Ach ja, den Spaß erwähnt irgendwie niemand so richtig in Schule oder Uni …

      • Anika schreibt:

        Hast du in Deutschland nie Post von der Rentenkasse bekommen? Ich hab regelmäßig Post bekommen, in der ich über die Höhe meiner vorraussichtlichen Rente und den Status überhaupt informiert wurde..

      • nagarazoku schreibt:

        Ich war in Deutschland nicht bei der Rentenkasse angemeldet. Die Beiträge hätte ich mir als armer Student eh nicht leisten können und meine Nebenjobs haben zu wenig bezahlt, um für die Rentenkasse interessant zu sein. Das einzige Mal, das ich was mit denen zu tun hatte, war, als ich den Nachlass meiner Oma geregelt habe :/

      • Anika schreibt:

        Ich weiss aus dem Kopf gar nicht ob mein Minijob angerechnet wurde. Ich hatte ab 18 nen Minijob, auch während des Studiums. Mit 22 hab ich dann mit der Ausbildung angefangen. Das einzige was ich mir aus den Schreiben gemerkt habe, war das Renteneintrittsalter.. Als jemand der nie einer geregelten, festen Arbeit nachgehen wollte, war das für mich am Wichtigsten. Wann werde ich die Scheiss Arbeit endlich los XD

      • nagarazoku schreibt:

        Ich glaube ob Minijobs angrechnet werden hängt immer vom Gehalt ab. Meine haben nie genug gebracht ^^; Aber wenn du mit 22 angefangen hast, bist du 67 dann ja auch endlich da 😛 nee, im ernst: Man muss mit 20 angefangen haben, rente zu zahlen, um mit 65 volle Rente zu kassieren O_o Aber die Rentenkasse hat mir gerade geschrieben, dass man seine Ausbildungsjahre nachzahlen kann. Rente mit 65, ich komme!!! … Eventuell 😛

      • Anika schreibt:

        Hey! In Deutschland haben sie das Rentenalter auf 67 angehoben! Ich bin voll in der Zeit!

      • nagarazoku schreibt:

        Buäh, stimmt ja!!! 65 ist ja das Rentenalter für meine Eltern!!! Na ja, wir dann nachher eh erst mit 70 😛

  3. Michelle schreibt:

    Rente… ich glaube ja, dass das System bis zu meinem Rentenalter komplett zusammengebrochen ist. Das ist nicht erfreulich…
    Aber schon herrlich, wie du dem Staat freiwillig Geld geben willst und der wehrt sich noch erbittert. 😀

    • nagarazoku schreibt:

      Echt mal!!! „Hier, nehmt mein Geld!“ – „Was? Nein! Waren Sie überhaupt hier??“

      So ganz zuversichtlicht bin ich im Hinblick auf das Rentensystem auch nicht – für das japanische noch weniger als für das deutsche. Aber ich hab mich gerne mit Netz und doppeltem Boden abgesichert. Wenn man mir das Geld für die Rentenkasse nicht automatisch vom Gehalt abziehen würde, würde selbst sparen aber wahrscheinlich rosigere Aussichten haben -.-

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