Ich bin jetzt Undercoveragentin

Denn ich habe nun ein Alias. Gut, eigentlich nicht wirklich, denn es ist schon mein richtiger Name, nur in Katakana und Kanji, zwei der drei Schriftsysteme für Japanisch, geschrieben. Und ohne das Geb! Aber das war nicht der ausschlaggebende Grund für mich, mein Alias zu registrieren.

Als ich damals zum allerersten Mal als Austauschstudentin nach Japan kam, war die Registrierung für uns Ausländer weniger copy-paste und faszinierenderweise weniger steif als es heute ist. Man ging ins Rathaus seiner Stadt, füllte ein paar Unterlagen aus und konnte eine Woche später seine Alien Registration Card abholen. Zweitnamen weglassen? Sicher! Geb und Geburtsname nicht mit auf die Alien-Karte? Aber kein Problem! Damals nahm man das alles wahnsinnig locker. Und irgendwie dachten wir zu der Zeit auch, jeder von uns hätte ganz natürlich einen Namen auf Katakana. Was heißt einen Namen? Unsere Namen! Es waren ja keine anderen Namen, nur mit anderen Zeichen geschrieben! Wie falsch wir doch lagen. Doch damals hat uns niemand darauf hingewiesen. Es gab nie irgendwelche Probleme, wenn wir unsere Namen irgendwo auf Katakana hinschrieben. An unserer Austauschuni wurde das sogar mehr als begrüßt.

Und damit im Hinterkopf habe ich mich vor 1 1/2 Jahren bei meinem jetzigen Arbeitgeber beworben. Mit meinem Katakana-Kanji-Namen. Vornehmlich, weil mich die japanischen Unterlagen, die ich für die Bewerbung ausfüllte, irgendwie dazu animierten ^.^; Meinen Vertrag unterschrieb ich natürlich mit dem Geb-Monster, und auch mein Konto musste ich natürlich mit dem Bandwurmnamen angeben. Ansonsten bin ich Frau Kanji Katakana in meiner Firma: im System, auf meinem Firmenausweis, auf meinen Visitenkarten und – und bis hierher hätte das ja alles absolut keine rechtlichen Auswirkungen gehabt – auf meiner Versicherungskarte. Dass ich mich damit auf den Popo setzen könnte, fiel mir siedend heiß das erste Mal auf, als ich auf Keis Schulter gestützt mit meinem verstauchten Knöchel zum Arzt humpelte. Was, wenn sie zu meiner Versichertenkarte auch meinen Ausweis sehen wollen??? Ich hatte ja keinerlei Beweis, dass ich wirklich Frau Kanji Katakana bin. Zum Glück brauchten sie keinen Nachweis, aber das hat mich dann doch grübeln lassen, und ich habe angefangen, mich mehr über „Rufnamen“, 通称 tsūshō, in Japan zu informieren.

Mit einem Rufnamen ist mein Problem nicht zu 100% gelöst, denn Rufnamen erscheinen nicht auf der zairyū-Karte. Ich brauche eine Meldebescheinigung, ein 住民票 jūminhyō, um ihn nachzuweisen. Und die Dinger laufen jeweils nach 3 Monaten ab. Jippie! Aber es gibt mir zumindest eine Möglichkeit legal Frau Kanji Kawamata zu sein und es auch nachzuweisen.

Wie habe ich mein Alias nun bekommen? Also erstmal habe ich vergessen, wie viel einfacher es ist, Kei vorzuschicken. Das hat nichts mit meinen Japanischkenntnissen oder sonstigen Fähigkeiten zu tun, man macht es Ausländern hier manchmal einfach aus Prinzip schwerer.

Da jedes Rathaus bei den Rufnamen seinen eigenen Brei zu kochen scheint, erkundigte ich mich bei unserem, was für Unterlagen ich so brauchen würde. Einmal das Formular, das es natürlich nur vor Ort gibt, und dann Nachweise darüber, dass ich den Namen auch wirklich im Alltag benutze. Aha. Na, das ist ja mal supereinfach, wenn man das legal ja eigentlich nicht unbedingt darf. Ich also: „Meine Visitenkarten mit dem Namen drauf?“ Antwort: „Ja, aber Ihr Antrag kann abgelehnt werden, wenn sich die Nutzung des Namens auf nur einen Bereich ihres Lebens bezieht.“ Ähm … WELCHEN BEREICH AUßER ARBEIT HAT MAN DENN IN JAPAN ALS ARBEITENDER MENSCH BITTE SONST NOCH??? Ich habe zum Glück ein paar point cards auf Frau Kanji Katakana registriert und erhalte auch ein wenig halbwegs unrelevante Post auf den Namen – das sollte doch reichen, oder? Ich sammelte also die letzten Tage erst einmal zusammen, was ich so finden konnte.

Letzten Samstag ging Kei ganz früh am Morgen ins Rathaus, um eine Meldebescheinigung für anderen Papierkram zu besorgen. Ich nüchterte mich nach der Abschiedsfeier eines Kollegen am Vorabend aus *husthust*, lallte Kei aber wohl noch hinterher, er möge mir bitte so ein Alias-Formular zum Ausfüllen mitbringen. Was ich von Kei bekam, war nicht das Formular, sondern gleich das ganze Alias O_o OHNE. JEGLICHEN. NACHWEIS hat man ihn MEIN Alias registrieren lassen!!!

Also, nicht, dass ich mich beschwere, dass ich es jetzt habe, aber da tauche ich als betroffene Person im Rathaus auf und man sagt mir, mein Firmenausweis sei nicht genug, aber eine Person, die nicht mal ich ist, braucht nicht mal den??? Der Grund war dann aber wohl der folgende: Kei ist der Vorstand unseres Haushaltes, der setai nushi 世帯主 – ja, so was gibt es hier in Japan – und der kriegt also nicht nur meine Post vom Rathaus, sondern darf mir auch einfach neue Namen geben 😛 Der Opa am Schalter hätte wohl gemurmelt, es sei besser, wenn die betreffende Person dabei sei, aber das schien ja dann am Ende egal gewesen zu sein. Jedem, der über ein Alias nachdenkt, kann ich also nur raten, seine bessere Hälfte vorzuschicken – selbst mitgehen kann aber zumindest nicht schaden … glaube ich 😛

So, nun habe ich also meinen Rufnamen und fühle mich etwas sicherer, wenn ich meine Versichertenkarte beim Arzt auf den Tisch haue. Dass auch immer alles so kompliziert sein muss -.-‚

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7 Antworten zu Ich bin jetzt Undercoveragentin

  1. Claudia schreibt:

    Ich fülle alles auf Kanji Kana aus. Bisher wollte man höchstens mal „ein Dokument mit Ihrem Nachnamen in Kanji“ sehen, aber da der so auf meiner Krankenkassenkarte steht… Der 通称 dürfte allerdings auch noch registriert sein, das habe ich damals gemacht, als es noch die guten alten Alien Registration Cards gab.

    • nagarazoku schreibt:

      Dann bist du ja auf jeden Fall abgesichtert 😀 Ich finde es total faszinierend, dass die Krankenkassenkarte hier als Ausweisdokument akzeptiert wird, obwohl da doch gar kein Photo drauf ist O_o

      • Claudia schreibt:

        Ich möchte dieses oder nächstes Jahr den Führerschein machen, mal schauen wie das wird. Der Geb.-Kugel bin ich ja glücklicherweise sowieso ausgewichen…

  2. Anika schreibt:

    Bei mir haben ja auch der Mann vom Rathaus und mein Mann über meinen Kopf weg entschieden, dass ich den Rufnamen brauche.
    Japan ist schon witzig XD
    Zum Glück hatten wir vorher schon besprochen, dass ich den Rufnamen möchte.
    Frage mich nur, ob ich ihn wieder los werde, sollte ich ihn irgendwann nicht mehr brauchen..

    • nagarazoku schreibt:

      Bestimmt nur, wenn du deinen Mann mitbringst 😛 Die macht des japanischen Hausvorstandes ist schon eine interessante …

  3. Michelle schreibt:

    Ihr habt das geb eliminiert?! Wie ist denn das gegangen?

    Hehe, der Ehemann wird das schon wissen. Dumme Ausländer. 😀 Herrlich! Zum Kugeln!

    • nagarazoku schreibt:

      Das ging nur, weil es eine Art Künstlername ist und ich mich da auch Prinzessin Regenbogen hätte nennen können, solange ich den Namen auch im Alltag benutze 😛 Schon krass, dass ich mir einen Künstlernamen zulegen muss, um meinen Namen mal wieder ohne Geb zu haben -.-‚ Aber die „Einsatzgebiete“ sind leider auch begrenzt. Der Künstlername erscheint nicht auf meinem Ausländerausweis und darf, glaube ich, auch nicht den Namen auf dem Führerschein ersetzen …

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