Ich war in Ōsaka und habe kaum etwas davon gesehen

Leser, die meinen Blog etwas länger verfolgen, erinnern sich vielleicht an das Wochenende, an dem ich in Itō war, aber kaum etwas davon zu sehen bekam, weil der Tag rigoros mit Aktivitäten, die man alle auch gut in Tōkyō hätte machen können, verplant war. Und was soll ich sagen? Ich habe es wieder geschafft! Ich war in einer japanischen Stadt, dieses Mal Ōsaka 大阪, und habe wirklich kaum etwas von ihr zu sehen bekommen. Es gibt einfach diese Leute, mit denen Sightseeing nicht geht …

Aber beginnen wir doch mal am Anfang: Zum Abschluss von größeren Projekten schmeißt meine Firma für alle, die an diesem Projekt beteiligt waren, eine Abschlussfeier, eine sogenannte uchiage 打ち上げ, die wir offiziell, damit es nicht nur nach Spaß klingt, als hanseikai 反省会, also Selbstkritiksfeier, bezeichnen 😛 Um das ganze Team an einen Ort zu kriegen, wurde beschlossen, die Feier in Ōsaka abzuhalten. Meine Firma kam für Transport und Unterkunft auf. Nun fand ich den Gedanken, ausschließlich für so eine Feier die fast 3 Stunden nach Ōsaka fahren, nicht sehr prickelnd, konnte mir aber den auf die Feier folgenden Tag leider nicht freinehmen, weil ich in meinem neuen Projekt bereits sehr beschäftigt bin und nicht zwei Tage in Folge fehlen kann. Für den Tag der Feier waren jedoch wir komplett entschuldigt, obwohl diese erst ab 18 Uhr stattfinden sollte. Was für ein perfekter Zufall. Wir bekamen die Shinkansen-Ticktes zwar mit Datum und Uhrzeit, aber die kann man ohne Probleme und ohne Aufschlag umbuchen. Ich entschied am Tag der Feier recht früh in Ōsaka anzukommen, mein Gepäck im Hotel abzustellen und bis abends dann Sightseeing zu machen. Dann zur Feier, Nachfeier, ins Hotelzimmer, kurz schlafen, aufstehen, zum Shinkansen und in diesem dann weiterschlafen. Klingt nach ’nem Plan, nicht? Wenn denn mal alles so laufen würde, wie man es plant …

Donnerstag, 5:20 Uhr. Warum hatte ich mir das nur angetan? Ach ja, Sightseeing in Ōsaka. Also raus aus dem Bett! Der Rucksack stand zum Glück schon gepackt bereit. Und dann ab nach Tōkyō, um den Shinkansen zu kriegen. Die Fahrt verlief bis auf einen Ami, der den gesamten Wagon mit seinem Handygespräch unterhalten musste, unspektakulär . Zum Glück „nur“ 45 Minuten, da hatte ich doch glatt noch Gelegenheit zu schlafen.

Reisen im Shinkansen finde ich persönlich sehr angenehm. Die Sitze sind schön breit, meistens ist es ruhig und inzwischen hat man wohl auch W-Lan an Bord, obwohl ich es leider nicht geschafft habe, es zum Laufen zu kriegen. Sitzt man am Fenster hat man sogar eine Steckdose 😀

Gegen 11 Uhr kam ich in Shin-Ōsaka an. Das Wetter war nicht zu berauschend, aber noch keine Spur von dem Regen, der für den nächsten Tag angesagt war. Ich fuhr erst einmal in mein Hotel, um mein Gepäck abzugeben (einchecken konnte ich noch nicht, aber die meisten Hotels bieten an, dass man sein Gepäck bis zum Check-in bei ihnen abstellen kann). Dann machte ich mich auf den Weg zu den mir angepeilten Sehenswürdigkeiten. Unterwegs lief ich an einem Tempel vorbei, an dem ich der einzige Besucher war. Das fing doch schon mal gut an :3

Das Ganze hatte unglaublich Atmosphäre und ich war doch sehr auf Sightseeing eingestellt … Und dann lief ich doch einfach meinen Kollegen über den Weg. Klar, im großen Ōsaka, neben einem etwas abgelegenen Tempel, da passiert so was bestimmt ständig. Aber gut, in der Gruppe macht Sightseeing ja auch Spaß, dachte ich, und eine Einladung zum Mittagessen werde ich wohl kaum ausschlagen. Im Nachhinein hätte ich wohl einfach sagen sollen, ich würde mich mit einer Freundin zum Mittag treffen oder so was, aber wer konnte denn ahnen, dass mein Sightseeing damit sein viel zu frühzeitiges Ende gefunden hatte?

Also ging es in der Gruppe weiter. Doch anstatt Sightseeing-Spots, wollte uns einer der Herren erst einmal unser Büro in Ōsaka zeigen. Klingt spannend? War es kein Stück. Wir wurden einmal rumgeführt, allen dort eine Runde vorgestellt – wir zwei Ausländer in der Gruppe natürlich wieder nur mit unseren Vornamen *grummel* – aber eigentlich konnte dort kaum einer was mit uns anfangen. Das Ōsaka-Büro hat mit uns Localizern doch eben nur wenig zu tun. Im Anschluss machten wir uns endlich auf die Suche nach einem Restaurant für unser Mittagessen.

Einer unserer Herren hatte ein Restaurant im Umeda Sky Building 梅田スカイビル empfohlen bekommen, also nahmen wir den doch etwas weiteren Fußweg auf uns. Leider hatte das Restaurant geschlossen. Und anstatt nun dort, in dieser schick gestalteten Passage nach einem anderen Restaurant zu suchen …

… und im Anschluss z.B. den Floating Garden im Umeda Skybuilding selbst zu besuchen, …

… NEIN, stattdessen mussten wir natürlich GANZ woanders weitersuchen. Es war gegen 14.00, wenn ich mich recht erinnere, als wir uns endlich für ein Restaurant entschieden, und ich glaube das zum Großteil auch nur, weil ich anfing keinen Hehl mehr daraus zu machen, wie sehr mir dieser Affentanz gerade auf den Sack ging. Wer sucht denn bitte fast 2 Stunden nach einem verdammten Platz zum Mittagessen? Vor allem, wenn man stattdessen Sightseeing machen könnte? Als könnte man sich nicht auch im konbini eindecken und dann im Laufen futtern! Wir hatten doch abends eh die verdammte Feier mit freiem Essen, da muss man sich doch zum Mittag nicht vollfressen! Boah, war ich bedient!

Als wir dann endlich aus dem Restaurant kamen, war es auch schon fast Zeit, den Shuttlebus in Richtung des Hotels, in dem die Feier stattfinden sollte, zu nehmen. Ein wenig Zeit war noch, aber nichts, wirklich absolut gar nichts Sehenswertes in der Umgebung, und zu den Orten, die ich sehen wollte, hätte ich es nicht mehr rechtzeitig geschafft. Splendid! Resigniert stieg ich also mit meinen Kollegen in den Bus ein und ließ mich zum Hotel fahren. Es gibt einfach Leute, mit denen Sightseeing nicht klappt -.-‚

Die Feier selbst hat meine Laune dann wieder aufgebessert. Der gebuchte Raum war sehr schön, das Essen gut und reichlich, zudem hatten wir eine offene Bar und für Unterhaltung war auch gesorgt. Nach der Feier ging es zur nijikai 二次会, zur Feier nach der Feier. Keine Party in Japan ohne nijikai! Nur brauchten wir auch dieses Mal wieder ewig, um uns für ein Restaurant, oder besser gesagt für ein izakaya 居酒屋, eine japanische Kneipe, wenn man denn so will, zu entschieden. Liegt das an meinen Kollegen oder ist das die Luft in Ōsaka??? O_o 1 1/2 Stunden vergingen zwischen der Ansage, man würde sich jetzt auf zur nijikai machen, und dem tatsächlichen Betreten des izakaya! Somit war es natürlich auch unglaublich spät als die nijikai zu Ende ging, was meistens übrigens eher dadurch passiert, dass man von den Kellnern nach 2 Stunden freundlich, aber bestimmt aus dem rausgeworfen wird.

Die letzte Bahn hatte sich schon mindestens eine Stunde vorher aus dem Staub gemacht, und so blieb uns allen nur das Taxi. Und hier zeigte sich erst, wie wunderbar umsichtig unsere Projektmanagerin die Hotels gebucht hatte. Alle Damen unserer Gruppe waren nämlich im gleichen Business Hotel untergebracht, während die Männer halbwegs verstreut auf andere Hotels aufgeteilt waren. Was ich zu Anfang noch etwas schade fand, weil man ja so gar keine sanjikai 三次会, die Feier nach der Feier nach der Feier :P, auf einem der Zimmer machen konnte, aber es gab so keinem der inzwischen doch sehr stark angetrunkenen Männer unserer Feier eine Ausrede, sich mit einer von uns Damen in ein Taxi zu schummeln. Ich erinnere mich da an die Story einer Freundin, in der sich ein Typ, der sich schon den ganzen Abend an sie rangemacht hatte, obwohl sie mehrmals ihren Ehemann erwähnte, sich dann in ein Taxi mit ihr warf und versuchte sie beim Aussteigen zu küssen O_o Dem hatte unsere Projektmanagerin gleich einen fetten Riegel vorgeschoben – „Alles Erfahrung“, bestätigte sie mit einem Augenrollen meine Vermutung – und es ging in rein weiblicher Begleitung in unser Hotel 😀

Unser Business Hotel hatte übrigens eine reine Frauenetage! Man musste seinen Zimmerschlüssel an ein Lesegerät im Fahrstuhl halten, damit dieser in der betreffenden Etage überhaupt hielt! Manchmal frage ich mich ja echt, was es da für Vorfälle gegeben haben muss, dass so eine Einrichtung für notwendig empfunden wird …

Für eine Nacht war das Zimmer ganz fantastisch! Es hatte ein bequemes Bett und sogar eine Couch, roch nicht wie die Zimmer der Business Hotels, die ich sonst gewohnt bin, und hatte sogar einen richtig guten Föhn. Bisher hatte ich immer ganz, ganz schreckliche Föhne, bei denen ich das Gefühl hatte, ich würde meine Haare schneller trocken kriegen, wenn ich selbst puste.

Ich hatte gerade meine Sachen abgestellt, da klopfte es an der Tür. Es war unsere Projektmanagerin mit der ich mir das Taxi zum Hotel geteilt hatte. In den Händen hielt sie ein fettes Päckchen. Man hatte ihr wohl am Anschluss an die Feier nicht nur die Reste des köstlichen Kuchens, den man dort für uns bereitgestellt hatte, sondern die noch viel köstlichere Schokodeko des Kuchens mitgegeben. Verständlicherweise wollte sie den Kuchen den nächsten Tag nicht mit sich rumschleppen müssen, also dachte sie sich, wir könnte eine sanjikai im kleinen Rahmen mit Kuchen und Bier in einem unserer Zimmer machen. Perfekt! Wir holten noch die dritte Dame, die sich mit uns das Taxi geteilt hatte, dazu – wir hätten auch noch mehr Damen geholt, aber da diese teilweise schon nach der Feier oder recht früh von der nijikai gegangen sind, wussten wir nicht, ob sie noch wach sind – ich zog jedem von uns aus dem Getränkeautomaten auf unserer Etage – ja, so was gibt es meistens in Hotels in Japan – ein Bier und wir futterten Kuchen, bis wir in ein Zuckerkoma fielen. Was für ein perfekter Abschluss!

Am nächsten Tag ging es früh und vollkommen verpennt zum Shinkansen, denn einige von uns musste ins Büro in Tōkyō und arbeiten … Ich auch -.- Zum Glück kann man im Shinkansen gut schlafen. So hab ich also von Ōsaka wirklich kaum etwas zu sehen bekommen, aber meine Kollegin fasste den Tag ganz treffend als 「気分転換になった」 kibuntenkan ni natta, als nette Abwechslung zum Arbeitsalltag zusammen. Und da stimme ich ihr zu. Trotzdem muss ich dann irgendwann doch noch einmal zum Sightseeing nach Ōsaka. So geht das doch einfach nicht! 😄

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Unterwegs veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

11 Antworten zu Ich war in Ōsaka und habe kaum etwas davon gesehen

  1. Claudia schreibt:

    Oh Gott, zwei Stunden?! Mit leerem Magen bin ich ja komplett unerträglich, ich hätte mich wahrscheinlich recht schnell in eine Wikinger-Frau verwandelt und irgendjemanden geköpft…

  2. juliakaczmarczyck schreibt:

    Ach je… Aber wenigstens klingt deine Projektmanagerin nett.

    Bei mir auf der Arbeit sagen auch alle einfach Julia-san zu mir (und der Herr Minister lässt inzwischen sogar das -san weg O.o), obwohl mein Name in Katakana nicht viel länger ist als der einer japanischen Kollegin mit fünf Silben. Und du hast ja sogar einen japanischen Nachnamen!

    • nagarazoku schreibt:

      Nicht wahr??? Ich hab den Herren danach sogar darauf angesprochen und ihn gefragt, warum wir Ausländer selbst bei solchen Gelegenheiten immer mit Vornamen vorgestellt werden würden, und er meinte überrascht, das wäre ihm gar nicht aufgefallen und er wüsse auch nicht, warum er das immer so machen würde. Also wie soll man es ihnen denn austreiben, wenn sie nicht mal bemerken, dass sie es tun und nicht wissen, warum??? Selbst im business manner-Seminar, das ich letzte Woche belegen musste, rief die Vortragende uns immer mit Vornamen auf, als sollte sie es nicht besser wissen O_o Und die Ausrede, mein Nachname wäre zu kompliziert oder zu lang haben sie ja bei mir nun wirklich nicht, aber selbst wenn er das wäre, tun wir ihnen doch schon immer den Gefallen, den schön in Katakana hinzuschreiben!!! Gnaaah! Das ist echt ein Thema, das mich bezeiten an die Decke treiben kann!

      • juliakaczmarczyck schreibt:

        Ja… Einerseits hat es manchmal Vorteile, für klein und kawaii gehalten zu werden (der Minister scheint voll auf meiner Seite zu sein), aber diese Woche hat mich die Dame, mit der ich das Büro teile und die mich eigentlich einarbeiten soll (wenn sie nur wüsste, was sie tut…) gekitzelt. GEKITZELT. Wie unprofessionell kann man sein???

      • nagarazoku schreibt:

        O___o Was zur Hölle? Da fragt man sich doch echt, ob sie wissen, dass sie eine Kollegin vor sich haben und nicht das Büro-Maskottchen!

      • juliakaczmarczyck schreibt:

        Mit der Frau haben so ziemlich alle Probleme, wie es scheint.

      • nagarazoku schreibt:

        Kann ich mir gut vorstellen -.-‚

  3. Michelle schreibt:

    Mwa, du kommst bestimmt nochmal nach Osaka. 🙂 Ohne Idioten, die dich aufhalten. Solche langen Entscheidungsprozesse zeigen allerdings nur, dass niemand das Alpha-Männchen sein will. Alpha-Männchen entscheiden und führen. Sind eben alles Pflanzenfresser bei dir auf Arbeit. ;-P
    Aber deine Projektmanagerin ist cool! 1A!

    • nagarazoku schreibt:

      Das ist sie, nicht wahr? So viel Um- und Weitsicht!!

      Ja, wahrscheinlich hätte einfach die Zügel in die Hand nehmen sollen, aber ich wollte mich als Neue nicht gleich so aufspielen -.- Beim nächsten Mal läuft das anders!

  4. Pingback: [Unterwegs] Ein Ausflug nach Ōme, Teil 1 | Ein Nagarazoku in Japan

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s