Die Ume – Das „Stiefkind“ der japanischen Blütenschausaison

Teilweise schon Ende Februar, aber spätestens Anfang März dreht sich in Japan alles nur noch um eins: sakura 桜, die Kirschblüte. Und vor allem die Frage, wann sie denn nun dieses Jahr in voller Blüte stehen wird. Denn Pläne für hanami 花見, die Blütenschau, mit Freunden, Familie und auch Kollegen müssen gemacht werden, um die kurze Zeit, in der man sich an den zartrosafarbenen Blüten erfreuen kann, auch voll auszunutzen. Denn die Kirschblüte ist nicht umsonst DAS japanische Symbol für mono no aware 物の哀れ, die Vergänglichkeit der Dinge. Kaum erblüht, reicht ein etwas stärkerer Wind, Regen oder einfach die Zeit, um die Blüten in kürzester Zeit von den Bäumen rieseln zu lassen.

Ich kann die ganze Aufregung hier um die Kirschblüten schon verstehen. Sie sind hübsch anzusehen und durch die vielen strategisch gepflanzten Bäume überall in Japan kann man sich, wann immer man will, in das Blütenmeer stürzen. Auch die Merchandise-Industrie springt jedes Jahr auf den Zug auf und versorgt den geneigten Käufer mit allem, was man braucht und auch nicht braucht, um in hanami-Stimmung zu kaufen. Ja, ich bin auch jedes Jahr aufs Neue ein geneigter Käufer 😛

Links der Chiffon-Kuchen, den man dieses Jahr zur sakura-Saison bei Starbucks kaufen kann, rechts ein Tumbler, den es 2008 bei Starbucks zu kaufen gab 😉

Doch eigentlich gibt es in Japan noch eine Blüte, die sehr viel früher als die der Kirschbäume erblüht und dabei doch genauso schön anzusehen ist: die ume 梅, die japanische Pflaume. Das Farbspektrum ihrer Blüten reicht dabei von Weiß über Rosa bis hin zu einem tiefen Magenta.

 Doch irgendwie hat man den Eindruck, dass der Funke in Japan nicht so richtig überspringen will, wenn es um die Pflaumenblüte geht. Das war nicht immer so.

Noch lange vor der Heian-Zeit gelangte die Faszination für die Pflaumenblüte wohl über China nach Japan, wie vieles, was damals seinen Weg von China nach Japan machte. Neben wirtschaftlichen und politischen Beziehungen herrschte damals nämlich auch ein reger kultureller Austausch, wobei Japan jedoch eher auf der Empfängerseite stand und begierig alles aufsaugte, was China als Hochkultur zu bieten hatte. Hofetikette, chinesische Schriftzeichen, und eben auch die Begeisterung für die Pflaumenblüte.

Die Pflaumenblüte hat in China eine lange Tradition. Als Vorbote des Frühlings, der sich bereits im Februar weit vor allen anderen Blüten zeigt, steht sie Wiedergeburt, Stärke und Wachstum und hat ihren Einzug nicht nur in die Literatur gehalten, sondern ist so verwurzelt mit der Kultur Chinas, dass sie im Jahr 1964 zur Staatsblüte der gesamten Republik gemacht wurde. So bezeichnet auch China Airlines seine Flugzeugflotte der Marken Airbus und Boeing als „Pflaumenblütenflotte“ und alle Flugzeuge der Fluggesellschaft tragen die Pflaumenblüte auf der Heckflosse.

Auch in Japan hielt die Pflaumenblüte auf verschiedenen Ebenen als erster Frühlingsbote im noch bitterkalten Winter ihren Einzug, egal als ob Symbol in der Literatur oder als Zierbaum im Garten des Kaiserpalasts. Im man’yōshū 万葉集, der ersten großen japanischen Gedichtanthologie, sollen sich wohl mehr Gedichte finden lassen, die die ume thematisieren, als solche, die sich um die sakura drehen. Bis zur Edo-Zeit, also bis in 16. Jahrhundert hinein, stand das japanische Wort für Blume, hana 花, sogar stellvertretend für die Pflaumenblüte – so wie es das Wort heutzutage für die Kirschblüten z.B. im Wort hanami tut. Und das, obwohl die Kirschblüte wohl schon im Anschluss an die Heian-Zeit begann, der Pflaumenblüte langsam den Rang abzulaufen. Warum? Dafür habe ich keine genaue Erklärung finden können. Vorstellen könnte ich mir einen der folgenden Gründe:

(1) Nachdem vor allem die Heian-Zeit im Zeichen der Absorption von Kultur, Staatswesen, Mode und eigentlich allem anderen Chinas war, wollte man sich langsam von der benachbarten Hochkultur emanzipieren. Ein Schritt könnte daher gewesen sein, DAS chinesische Symbol durch ein eigenes zu ersetzen: die sakura. Natürlich gibt es in China auch Kirschblüten, aber so wie hier inzwischen die Faszination für die Pflaumenblüte kaum noch vorhanden ist, geht den Chinesen auch nichts über ihre ume. Wer braucht da schon Kirschblüten?

(2) Die Kirschblüten eignen sich einfach besser zum hanami, weil sie Ende März/Anfang April blühen und die Temperaturen da auf jeden Fall sehr viel angenehmer sind als Ende Februar/Anfang März. Das wäre ein sehr praktischer und daher auch sehr nachvollziehbarer Grund.

(3) Ich habe keine Ahnung, ob ume-Blüten robuster sind als sakura-Blüten, aber sie erwecken den Eindruck. Vielleicht passt zum wehleidigen mono no aware die zarte, fragile, leicht vom Baum gepustete Kirschblüte einfach besser?

(4) Einfach nur Mode. Geschmack ändert sich, das kann man nicht immer logisch erklären. Das wäre allerdings auch der langweiligste Grund 😛

Was glaubt ihr? Fällt euch noch ein anderer Grund ein? Oder kennt sich vielleicht sogar jemand hier so richtig mit der Thematik aus?

umeboshi via mery.jp

Packt man die ume/sakura-Geschichte übrigens bei den Früchten an, dann hat die ume definitiv die Nase vorn. In Form von umeboshi 梅干し, sauer eingelegte Pflaumen, umeshu 梅酒, Pflaumenwein, und anderen Köstlichkeiten erfreut sie sich das ganze Jahr über großer Beliebtheit, während Kirschen nicht nur jahreszeitlich stark begrenzt verkauft werden, sondern auch noch schweineteuer sind – auch wenn in beiden Fällen die Früchte von einem anderen Baum kommen als der, der die hübschen Zierblüten trägt. Eigentlich schade. Wäre es nicht toll, im Anschluss von Pflaumen- und Kirschblütenschau in Kirschen und Pflaumen nur so zu schwimmen? 😛

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7 Antworten zu Die Ume – Das „Stiefkind“ der japanischen Blütenschausaison

  1. Iris schreibt:

    Hach, ich liebe deinen Blog ❤ du schreibst so toll und die Themen, die du auswählst, sind so interessant!

  2. Michelle schreibt:

    Versteh ich auch nicht, dass alle nur die Skaura lieben. Pflaumenblüten, Apfelblüten… die sind alles schön! Außerdem voll fies, dass Sakura keine Kirschen trägt. Wie geil wär das denn! 😀 Erst ein Fest für die Blütenpracht und dann ein Fest für Bauchweh von zu vielen Kirschen. Hmmmm

    • nagarazoku schreibt:

      Jaaa, was sollen denn diese ganzen Zierblüten, wenn man auch richtige Obstbäume mit richtigem Obst haben könnte??? XD Gerade, wo Kirschen ja hier auch so schweineteuer sind, ist so eine verschwendete Gelegenheit to echt schade 😛

  3. Bommel schreibt:

    Ich bin bis heute ein bisschen mehr Ume-Fan als Sakura-Fan. Jedenfalls finde ich Pflaumenblüten auf Kimonos immer noch ein bisschen hübscher als Kirschblüten. Meine unfassbare Liebe zu Umeboshi und Umeshu könnte daran eventuell auch einen Anteil haben 😉

    • nagarazoku schreibt:

      Bei mir umeboshi eher nicht, aber der umeshu, ja, der guibt den Ausschlag ❤ Ich persönlich finde ja auch die Farbvielfalt, die die Pflaume zu bieten hat, viel toller als die der Kirschblüte.

  4. Pingback: 春が来た? – Ist denn schon Frühling? | Ein Nagarazoku in Japan

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