Das Problem mit den Straßenkatzen

In unserer Nachbarschaft wohnt eine ältere Dame, die sich um die Straßenkatzen in der Gegend kümmert. Wann immer man an ihrem Haus vorbeigeht, liegen mehrere Katzen vor oder in ihrem Garten, manchmal satt gefressen, manchmal gerade auf Futter wartend. Einige Katzen sehen ordentlich zerrupft aus, aber auch um die Wunden scheint sich die Dame auch zu kümmern. Es zaubert mir immer ein Lächeln aufs Gesicht die Katzen so friedlich und zutraulich um ihr Haus herum liegen zu sehen.

Anderen scheint das nicht so zu gehen. Wenn ich von der lieben Katzendame bei uns in der Nachbarschaft erzähle, werden oft die Nasen gerümpft. „Sie sollte die Katzen nicht füttern! Das macht das Problem nur schlimmer!“, „Das ist doch eklig! Die Katzen übertragen Krankheiten!“ oder auch „Das Katzenfutter lockt doch alle möglichen Viecher an!“

Wirklich? Das mit den Krankheiten mag stimmen, aber ist es wirklich sie, die das Straßenkatzenproblem bei uns in der Nachbarschaft verschlimmert? Weil sie sich um verstoßene Haustiere kümmert? Sind es nicht eher die Leute, die diese Katzen aussetzen, die das Problem mit den Straßenkatzen verschlimmern?

Ich erlebe diese Art der Argumentation hier sehr häufig. Zu viele Straßenkatzen, die Frau da füttert sie, also ist sie schuld! Als würden die Leute, die Katzen füttern, für noch mehr Katzen auf der Straße sorgen. Das Problem sind doch die Leute, die sich im Überschwung der Niedlichkeit, die ihnen da im Tierladen entgegenmiaut, eine Katze zulegen, Zuhause dann merken, dass ihnen zerkratzte Sofas nur egal sind, wenn es nicht ihre eigenen sind, und die Tiere dann aussetzen oder in Einrichtungen des Umweltministeriums bringen, wenn sie nicht mehr niedlich genug sind, um den ganzen Ärger zu tolerieren.

Laut der Homepage des Umweltministeriums wurden im Jahr 2013 rund 60.000 Hunde und fast doppelt so viele Katzen in ihren Einrichtungen abgegeben. Für rund die Hälfte der Hunde, aber für nur weniger als 1/4 der Katzen konnte ein neues Zuhause gefunden werden. (Quelle) Was passiert mit dem Rest? Der wird eingeschläfert. Meist in großer Anzahl auf einmal mit Gas. Einrichtungen, die die Tiere so lange unterbringen, bis sich ein neuer Besitzer gefunden hat, die wir in Deutschland also als „Tierheim“ kennen, sind nicht nur rar gesät, weil sie auf Spenden angewiesen sind und vom Staat nicht unterstützt werden, sondern vollkommen überlaufen.

“Wir haben ein Katzenproblem! Bitte halten Sie Ihre Katzen drinnen und sorgen Sie dafür, dass sie kastriert sind.”

Dagegen erscheint das Aussetzen ja fast schon die Variante mit Herz zu sein. Katzen kommen schon klar, oder? Ich habe leider keine Zahlen darüber gefunden, wie viele Hunde und Katzen pro Jahr ausgesetzt werden. Das lässt sich wahrscheinlich schwer nachvollziehen. Aber gerade die Katzen vermehren sich, wenn sie nicht kastriert sind, natürlich ohne Zurückhaltung weiter.

Kann man es einer alten Dame verübeln, wenn sie einen zerrupften Vierbeiner vor ihrer Tür findet und ihm jeden Tag eine Dose Katzenfutter hinstellt? Würde sie ihn eingefangen und in eine Einrichtung des Ministeriums für Umwelt bringen, würde auch ihm schon nach wenigen Wochen die Einschläferung drohen. Die meisten Katzen sind nicht gechipt, den Besitzer findet man da nur, wenn er gefunden werden will.

Die Leute, die Straßenkatzen füttern, für deren große Anzahl schuldig zu machen, packt das Problem am falschen Ende an. Mit Hinweisen wie „Bitte die Katzen nicht füttern!“, will man hier besonders in Parkanlagen meist nicht mehr erreichen, als dass die Katzen sich einen anderen Platz zum Leben suchen. Und ein Problem, das man nicht sieht, existiert nicht, oder?

Vielleicht sollte man eher etwas gegen diese Mentalität hier unternehmen, die Menschen Katzen wie selbstverständlich aussetzen lässt, wenn sie sie nicht mehr haben wollen oder können. Richtige Tierheime, also Orte, an denen Tiere untergebracht werden, ohne dass sie nach ein paar Wochen „von ihrem Leiden zu erlöst werden“, wären ein Weg. Oder es auch Menschen schwerer machen, sich Tiere, die wie Hunde und Katzen mit großer und vor allem jahrelanger Verantwortung kommen, im Impuls zu kaufen wie man es hier in den unsäglichen Pet Shops tun kann. Denn würde niemand Katzen aussetzen, dann hätte die Dame bei uns in der Nachbarschaft auch keinen Grund, Katzenfutter vor die Tür zu stellen, oder?

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6 Antworten zu Das Problem mit den Straßenkatzen

  1. Anika schreibt:

    Du hast schon Recht. Und die Petshops helfen noch dabei sich leichtfertig ein Tier zuzulegen, das dann später ausgesetzt werden könnte.
    Allerdings! es gibt tatsächlich den falschen Ort um wilde Katzen zu füttern (Kinderspielplätze mit Sandkästen, da werde ich auch schon mal richtig grantig!)
    Viele Katzen kommen ohne Zufütterung in der „Wildnis“ zurecht. Und sei es nur, dass sie sich am Müll bedienen. Wäre es dann nicht sinnvoller, wenn die Fütterer das Geld für das Futter in den fetten Jahreszeiten sparen und dafür die Katzen kastrieren lassen? Die vielen Katzen kommen ja nicht nur vom Ausetzen, sondern weil sie sich munter lustig vermehren. Was ihnen natürlich umso leichter fällt, wenn sie gut im Futter stehen..
    Zum Glück gibt es in Japan inzwischen auch viele Projekte, die sich um das Kastrieren von Strassenkatzen kümmern. Das ist meiner Ansicht nach wichtiger als das Füttern von Frühling bis Herbst..

    • nagarazoku schreibt:

      Ja, das mit dem Kastrieren finde ich auch ganz wichtig! Ich habe im Fernsehen eine Sendung über Freiwillige gesehen, die das machen, bestimmt kein einfacher Job. Leider gibt es echt keine zuverlässigen Zahlen darüber, wie viele Katzen da genau auf den Straßen Japans rumtigern und ob das in den letzten Jahren weniger oder mehr geworden sind, aber ich hoffe natürlich, dass das Kastrieren da seinen Teil zu beiträgt. Ich glaube, wenn man hier so einen Service anbieten würde, wo Anwohner anrufen und die Damen und Herren zum Kastrieren vorbeikommen lassen könnte, hätte das sogar noch mehr Erfolg. Denn dass unsere ältere Dame hier die Katzen einfangen und zum Tierarzt schleifen kann, das sehe ich bisher noch nicht kommen (beim Wunden behandeln schafft sie es auch eher nur, ’ne Salbe draufzugeben, bei mehr hauen die Katzen schnell in die Bäume ab) 😄

      Und ja, Katzenkacke in Sandkästen ist ein ganz fettes No Go! Ich bin nicht gegen das Füttern an sich, aber man sollte auf jeden Fall Umsicht dabei zeigen!

  2. juliakaczmarczyck schreibt:

    Generell sind Pet Shops doch moralisch fragwürdig. Wir haben unsere Katze damals vom Nachbarn bekommen (der seine Katze nicht sterilisiert hat und die Babys immer ermordet, wenn sie keiner wollte -.-) und ich würde jetzt, wenn ich mir wieder eine Katze anschaffen könnte, auch eine aus dem Tierheim nehmen. Exotiischere Tiere gehören eh in Züchterhände – nur bitte nicht überzüchten!
    In Japan muss halt alles kawaii sein, das hat eben seine Schattenseiten.

    • nagarazoku schreibt:

      Pet Shops sind allerdings die Geisel aller Haustiere in Japan. Wie man Hunde und Katzen, die sich in einer eindeutig zu kleinen Box den ganzen Tag im Kreis drehen, niedlich finden kann, bleibt mir schleierhaft. Und auch die anderen Tiere tun mir da immer so leid! Die Fische in den Wassersäulen ohne Pflanzen und Versteckmöglichkeiten. Die Hamster, strikte Einzelgänger, die sich da ihren Platz mit 10 anderen teilen müssen. Hier herrscht eben doch noch ein ganz anderes Verständnis gegenüber Haustieren. Ich weiß, dass deutsche Tierläden auch nicht perfekt sind, aber im Vergleich zu den japanischen machen sie einiges richtiger. Wir haben in Deutschland da auch wesentlich strengere Auflagen, mit dem wirkungsvollen Tierschutz ist es in Japan noch ein weiter Weg.

  3. Claudia schreibt:

    Bei uns gibt es Ärzte, die die Tiere kostenlos kastrieren/sterilisieren und einige wenige Projekte, die von der Stadt mitfinanziert werden. Ob da jemand Katzen füttert oder nicht ist doch unerheblich, die Tiere vermehren sich schließlich nicht durch Zellteilung…

    • nagarazoku schreibt:

      Bei euch in der Umgebung wird das gemacht? Das ist ja interessant, dass es tatsächlich hier und dort solche Projekte gibt. Vielleicht spricht sich das bald mal bis nach Kanagawa rum 😀

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