Unverhofft kommt oft?

Eigentlich wollte ich hier etwas über den japanischen Valentinstag schreiben, merkte dann aber, dass ich ja schon einen Blogpost zu dem Thema habe (nach 8 Jahren bloggen, was für ein Wunder), und man muss ja nicht über dasselbe Thema zwei Mal das Gleiche schreiben 😉

Stattdessen widme ich mich einem anderem Thema, das auch gut in die Kategorie „Liebe “ passt: Und zwar las ich heute einen Artikel in der Asahi Shinbun 朝日新聞, dessen Inhalt sich inzwischen wie ein Lauffeuer im Internet verbreitet hat. Laut diesem Artikel plant der Verwaltungsbereich Shibuya 渋谷 ein Dokument einzuführen, das Partnern in gleichgeschlechtlichen Beziehungen bescheinigt, sich in einem eheähnlichen Verhältnis zu befinden (結婚相当証明書 kekkon sōtō shōmeisho). Bisher handelt es sich dabei jedoch nur um einen Entwurf, der im März erst verabschiedet werden muss, und wir wissen ja, wie stark die konservativen Kräfte in Japan schalten und walten. Doch wer sich einmal ein wenig mit dem Status von LGBTs in Japan beschäftigt, wird zustimmen, dass es sich hierbei um einen fast schon revolutionären Schritt für Japan handelt. Denn abseits von shinjuku ni-chōme 新宿二丁目, in dem sich viele einschlägige Bars für die LBGT-Gemeinde befinden, und den sich immer noch fantastisch verkaufenden Mangagenres shōnen-ai 少年愛 (Liebe zwischen Männern) und yuri 百合 (Liebe zwischen Frauen), sind homosexuelle Pärchen eine bisher ignorierte Gemeinde – wenn man ihre Existenz nicht gleich ganz abstreitet. Nicht nur ein Mal habe ich den Satz „Homosexuelle? Mann, bei euch in Deutschland ist es ja bunt! So was gibt es hier in Japan nicht …“ zu hören bekommen O_o In dieser Hinsicht ist der Entwurf zwar sicher stark ausbaufähig, aber ein Schritt in die richtige Richtung!

Was können Paare mit solch einem Nachweis nun anfangen? Zum einem soll es ihnen einfacher gemacht werden, zusammen eine Wohnung mieten zu können. Denn wenn Vermieter zwei stramme Kerle vor sich sehen, dann denken sie meist an Studenten-WG und verbinden das mit dreckigen Mietern, lauten Parties, und vielen Übernachtungsgästen, und wollen demnach nicht vermieten. Zudem haben homosexuelle Pärchen oft das Problem, das ihnen das Besuchsrecht im Krankenhaus verwehrt wird, wenn ihr Partner eingeliefert wird, da sie offiziell nicht zur Familie gehören (können). Auch Fragen um gesetzliche Vormundschaft könnten so in einem anderen Licht erscheinen.

ABER: Das Ganze ist nicht nur ein Entwurf, der erst noch verabschiedet werden muss, sondern auch kein rechtlich bindendes Dokument. Es ist lediglich eine Art Richtlinie, eine Bitte an Unternehmen, Vermieter und Co., das vor ihnen stehende Paar gleichberechtigt zu heterosexuellen Pärchen zu behandeln. Und wie ich Japan kenne, wird es keine Strafe für diejenigen geben, die sich daran nicht halten. Der Wortlaut ist 「区は区民や事業者に、証明書を持つ同性カップルを夫婦と同等に扱うよう協力を求める方針だ。」Es ist also mehr ein Vorschlag. Der Nachweis könnte auch wieder andere Probleme mit sich bringen, denn gegen LGBT bestehen in Japan nicht nur viele Vorurteile, sondern besonders durch die ältere Bevölkerung Ablehnung und ein „Ich vermiete nicht an Studenten!“ eines Vermieters könnte plötzlich ein „Homosexuelle? Das ist ja noch schlimmer!“ werden. Sich outen tut man in Japan durch das Stigma, das LGBT hier mit sich rumtragen müssen, doch nur sehr selten.

Und dennoch möchte ich diese Entwicklung positiv sehen, denn der Entwurf IST ein erster Schritt in Richtung einer größeren Akzeptanz von homosexuellen Pärchen, wenn auch ein kleiner, im Vergleich zu anderen Ländern später und auch erstmal nur in Shibuya gewagter Schritt.

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2 Antworten zu Unverhofft kommt oft?

  1. Michelle schreibt:

    Och, für Vermieter wie für Chefs hat man immer irgendein Stigma. Student, Arbeitsloser, gerade angefangen zu arbeiten, arbeites aber kleines Kind dabei…. die finden doch alle immer was! Da hilft auch kein Dokument. Obs den Paaren hilft oder sie noch mehr ins Abseits der „Ausnahmen“ reindrängt, wird man ja dann sehen. 🙂

    • nagarazoku schreibt:

      Ja, die Zeit wird es zeigen. Vielleicht macht ja schon der Stempel vom Rathaus auf dem Wisch was aus, um ein wenig am allgemeinen Image homsexueller Pärchen zu drehen, auch wenn eben vorerst nur in Shibuya. Na, wenn Entwurf abgesegnet wird, weiß ich, welches Stadtviertel demnächst ordentlich Zulauf bekommt 😄

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