Und dann beginnt man zu grübeln …

Der Oberste Gerichtshof in Japan hat gesprochen: Wer als Ausländer in Japan lebt, hat keinen Anspruch auf Sozialhilfe, selbst mit permanent residence visa nicht. Damit wurde zum ersten Mal eine klare Grenze gezogen in einem Bereich, in dem es bisher eine große Grauzone gab und es oft vom jeweiligen Bearbeiter abhing, ob man Sozialhilfe erhalten konnte oder nicht. Man kann natürlich trotzdem versuchen, es zu beantragen, aber ab jetzt muss man wohl leider recht fest mit einer Ablehnung rechnen.

Was man dagegen tun kann? Japaner werden! Tja, aber das ist 1. gar nicht mal so einfach, und man muss dafür 2. seine Staatsbürgerschaft aufgeben, da Japan keine doppelte Staatsbürgerschaft akzeptiert. Ab jetzt nur noch mit Tourivisum, wenn man die Eltern besuchen will? Während mir der Gedanke, Ausländer in meiner eigenen Heimat zu sein, nur Unwohlsein bereitet, würde das für einige gerade Einwanderer in Japan bedeuten, ihre Familien nie wiedersehen zu können. Und was, wenn man dann doch wieder in seinem Geburtsland leben und arbeiten will? Kann man seine frühere Staatsbürgerschaft einfach mal schnell wieder annehmen?

Das Ganze regt besonders auf, wenn man bedenkt, dass die meisten Ausländer, die hier leben und arbeiten, genauso Steuern zahlen wie jeder Japaner. Und keinen Yen weniger. Ich kann mir auch nicht aussuchen, ob ich Steuern zahlen will oder nicht, da sie direkt von meinem Gehalt abgezogen werden. Ich zahle also monatlich einen nicht unbeträchtlichen Teil meines Gehaltes in ein System, das ich dann im Fall der Fälle nicht nutzen darf.

Und hier zeigt sich wieder, wovon in Japan ausgegangen sind: Wir Ausländer sind nicht hier, um zu bleiben. Wir arbeiten hier, aber irgendwann kehren wir doch wieder in unser eigenes Land zurück. Und genau darauf ist dieses System ausgelegt. Wozu Sozialhilfe für Ausländer, wenn sie wieder in ihr Land zurückzukehren haben, sobald sie hier nicht mehr arbeiten? Und das sind Entwicklungen, bei denen mir immer wieder die eine Frage im Kopf herumschwirrt: Wie lange will ich wirklich in Japan bleiben? Das ist schade, ich bin doch eigentlich sehr gern hier …

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6 Antworten zu Und dann beginnt man zu grübeln …

  1. Julia schreibt:

    Ausländer bleibt Ausländer… Mit dem Thema scheint man sich auch als Taro-Normalverbraucher in Japan nicht auseinanderzusetzen. Da werden munter Sätze von sich gegeben, die bei uns – zumindest an den Unis, nicht gerade bei Omi am Kaffeetisch – seltsame Blicke ernten würden.

    Ach, Japan…

  2. Michelle schreibt:

    Mwa, ich find diesen Beschluss des Obersten Gerichtshofes gar nicht so schlecht. Nur zu rigoros. Wenn die Leute Steuern in das System eingezahlt haben, sollten sie auch Unterstützungen aus eben diesem System bekommen können. Für eine begrenzte Zeit, wenn sie keine Staatsbürger sind. Meinetwegen abhängig vom Aufenthalt oder der Höhe der eingezahlten Steuern oder so.
    In Deutschland hat man das Problem, dass Leute hier herkommen und allzu schnell Aufenthaltsrecht bekommen und dann auf Jahre und Jahre Hartz 4. Und weil das in der Statistik so mies aussieht, bekommen sie dann recht schnell stattdessen Rente. Zack, weniger Arbeitslose, ist das nicht toll. -.- Sowas wollen die Japaner sich wohl ersparen.
    Ich hab grade mal rumgegoogelt, wie das so ist, wenn man die deutsche Staatsbürgerschaft wieder annehmen will. Man findet lauter Infos für Türken. Echt klasse.
    Aber für Leute wie dich könnte es doch beim Umzug nach Deutschland nicht schwer sein, die deutsche Staatsbürgerschaft wieder anzunehmen… Behördenkrieg, aber machbar?

    • nagarazoku schreibt:

      Na ja, die deutsche Staatsbürgerschafts wiedererlangen steht erst einmal auf einem ganz anderen Blatt, die japanische zu bekommen ist nämlich nicht ganz einfach, selbst wenn man gewillt ist, seine Staatsbürgerschaft abzulegen. Man muss gewisse Voraussetzungen erfüllen und kann trotzdem nach Gutdünken auch nach Jahren im Land abgelehnt werden („(3) that he or she is of upright conduct“ lässt ja nun wirklich viel Spielraum für Interpretationen). Zudem könnten meine Kinder in Zukunft die deutsche Staatsbürgerschaft auch nur erhalten, wenn ich sie selbst noch habe.

      Ich kann verstehen, dass Japan nicht ein Wohlfahrtsstaat wie Deutschland werden will, das können sie sich auch gar nicht leisten bei den fetten Schulden. Aber darum braucht sich Japan eigentlich keine Sorgen machen, davon sind sie noch meilenweit entfernt. Ich finde es in Ordnung, wenn der Staat keine Sozialhilfe an Ausländer bezahlen will, die eben gerade nur für diese Sozialhilfe ins Land gekommen sind. Aber ganz ehrlich: mit den Intentionen kommt niemand hierher. Wir alle wissen, dass Japan nicht mal so richtig für seine eigenen Arbeitslosen sorgen will.

      Hinzu kommt, dass Japan in naher Zukunft auf ausländische Einwanderer angewiesen ist oder das System hier bricht vollends zusammen, da gibt es dank dem fortwährenden Rückgang der Geburtenraten und der Überalterung der Bevölkerung einfach kein Rütteln dran. Daher sollten solche Entscheidungen eigentlich in eine ganz andere Richtung gehen. Wer hier lebt, arbeitet und vor allem seine Steuern bezahlt, ist im System und sollte von diesem System genauso profitieren können. Oder man lässt mir die Steuern, dann kann ich mir davon selbst ein Polster ansparen und darauf im Notfall zurückgreifen. Aber uns hier in die Tasche greifen und uns dann trotzdem Zugang zum System verwehren, das ist in der heutigen Zeit einer Industrienation wie Japan nicht mehr angemessen.

      • Claudia schreibt:

        Da kann ich dir nur absolut zustimmen. Das japanische Sozialsystem bietet sich ja nicht einmal für Japaner zum Ausnutzen an – Arbeitslosengeld für drei Monate und ähnliche Späße. Dass wir das System mitfinanzieren sollen, ohne davon zu profitieren ist eine Sauerei – das Geld hätte ich dann bitte gern bar auf die Hand.
        Ich denke, dass solche Entscheidungen daher rühren, dass Ausländer kein Wahlrecht haben, wir sind für die Politiker keine Zielgruppe und daher höchst uninteressant. Bei der geringen Wahlbeteiligung der Japaner wäre eine organisierte Front der Wähler mit Eijûken sicher eine nicht zu unterschätzende Sache. 😉

      • nagarazoku schreibt:

        Ohohoho, na das wäre ja mal was! Die Regierung weiß schon genau, warum auch die Ausländer mit eijuūken kein Wahlrecht bekommen. Stell dir mal vor, eine Partei, die sich für die Interesse von Ausländern einsetzt! Dann müsste man ja eventuell aufhören, das zu machen, was uns Ausländern hier vorgeworfen wird: das System so lange ausnutzen, bis es nicht mehr passt. Denn was macht denn Japan anderes mit diesen Entscheidungen? Ausländer hier arbeiten lassen und davon mit Steuern und mehr jungen Leuten profitieren, sobald diese jedoch auf Hilfe angewiesen sind, ihnen den Rücken zukehren. Wie im Osten hier, ey!

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