„Kannst du keine Kinder kriegen, oder was?“

Ein Thema, das in den letzten Tagen in den japanischen Medien vielfach diskutiert wurde: Die Abgeordnete Ayaka Shiomura der Minna no To みんなの党 hält im Tokyoter Parlament eine Rede, in der sie sich für die staatliche Unterstützung vom Frauen, die unfruchtbar sind oder generell Hilfe bei der Schwangerschaft und der Erziehung ihrer Kinder benötigen, einsetzt.  Plötzlich hört man Zwischenrufe: „Heirate du erst mal!“, „Kannst du keine Kinder bekommen?“ Dazu Gelächter. Hier die Aufnahmen von NHK dazu:

Shiomura versucht, die Kommentare einfach wegzulächeln, doch weitere Aufnahmen zeigen, wie sie ihr deutlich zusetzen.

Ausgerechnet aus den Reihen von Premierminister Abe kommen die Stimmen. Inzwischen hat sich nämlich ein Schuldiger zu den Zwischenrufen bekannt: Akihiro Suzuki, ein eher kleines Lichtchen der Regierungspartei, der zudem kurz nach der Rede noch frech in die Kamera kommentierte: „Zwischenrufe? Da waren keine Zwischenrufe! Das höre ich gerade zum ersten Mal!“ Er bekannte sich aber auch nur zur Aufforderung an Shiomura, endlich zu heiraten. Er habe es ja auch gar nicht persönlich gemeint, sondern würde sich um den demografischen Wandel in Japan sorgen. Gut, damit können wir davon ausgehen, dass er also alle Frauen meint. Na, das beruhigt uns ja jetzt. Die anderen Zwischenrufer halten sich bisher bedeckt. Da Suzuki keine wichtige Persönlichkeit in der Partei darstellt, kann auch davon ausgegangen werden, dass die Zwischenrufe eventuell von jemand ganz anderem stammten und der gute Mann nur seinen Kopf dafür hin hält. Denn im Anschluss an die Berichterstattung von NHK war die Entrüstung groß. Eine Beleidigung für alle Frauen, sexuelle Belästigung, der Beweis für das rückständige Denken der LDP, hieß es in Interviews, Umfragen, Zeitungsartikeln. Auf change.org wurde eine Petition gestartet, die forderte, die Urheber der Zwischenrufe ausfindig zu machen und zur Rechenschaft zu ziehen. In kurzer Zeit unterzeichneten 70.000 Leute.

Und das in einer Zeit, in der sich Abe für eine frauenfreundlichere Gesellschaft einsetzen will. Denn dieser hat die Frauen als bisher größte ungenutzte Ressource an Arbeitskraft für sich entdeckt und will mit ihnen nun Japan zu einem neuen Wirtschaftsaufschwung verhelfen. Das macht der Abe gern, den Frauen die Verantwortung für die Zukunft Japans zuzuschieben. Denn gleichzeitig sollen diese bitte auch den demografischen Wandel aufhalten. Arbeiten und so viele Kinder wie möglich in die Welt setzen, aber bitte ohne staatliche Unterstützung. Denn Abe proklamiert Selbsthilfe vor Hilfe durch den Staat. Sicher, noch irgendwas? Die Frauen sind also verantwortlich für alles und so ist praktischerweise auch gleich der Sündenbock gefunden, sollte es nicht so klappen, wie die LPD es sich erhofft. „Die sollen sich mal nicht so haben, die verwöhnten arbeitenden Mädchen! Kinder kriegen, dafür aufhören zu arbeiten, und dann kann man ja irgendwann in den Job zurück“, weiß immerhin Ayaka Sono, Mitglied in Abes „Education Rebuilding Implementation Council“. Zurück in DEN Job? Nein, das passiert meistens eben nicht. Rund 62% der Frauen in Japan geben ihren Job auf, wenn sie ein Kind in die Welt setzen. Und wer es danach wieder in die Arbeitswelt schafft, landet meist in einem schlecht bezahlten Teilzeitjob, der einen trotzdem bis zu 8 Stunden am Tag am Arbeitsplatz hält und bei dem man gefälligst über das Unternehmen des Mannes kranken- und sonstwie versichert ist. Spannend ist die Arbeit, die man dort tut, dann oft auch nicht. Es mangelt an Unterstützung in Form von Kindergärten  und Co., aber vor allem mangelt es an Verständnis, an Umdenken. So ist eine der ersten Fragen, der sich eine Frau in einem Bewerbungsgespräch stellen muss, häufig: „Und? Für wann sind die Kinder geplant? So was müssen wir als Unternehmen ja wissen!“ Matahara nennt man das hier in Japan, maternity harassment. Die Schaffung eines Arbeitsplatzes an dem man sich nicht traut, schwanger zu werden. Aber als Frau, die sich gegen Kinder entscheidet, hat man es auch nicht leicht. Irgendwas muss doch mit einem nicht stimmen. Man würde doch die Zukunft Japans aufs Spiel setzen, mit seinem Egoismus. Wie man es macht …

In den guten, alten Zeiten schwelgen da viele Männer. Als die Frauen noch ohne wenn und aber Zuhause blieben, sich um die Kinder kümmerten und das Geldverdienen ihnen überließen. Dass das bei dem heutigen Gehaltsniveau oft nicht einmal mehr die Frauen tun können, die das gerne wollen, kommt ihnen da nicht in den Sinn. Ein Gehalt reicht nicht? Wie das denn, wo die Preise seit Jahren steigen, die Gehälter aber nicht? Aber hey, sitz nicht die ganze Zuhause rum! Du musst arbeiten! Es mangelt an Arbeitskräften!

Frauen in Japan sollen also quasi ein Wunder bewirken. Japans fehlende Arbeitskräfte ersetzen und gleichzeitig den demografischen Wandel aufhalten. Ohne Hilfe vom Staat, versteht sich. Aber alles sofort! Warum seid ihr noch nicht schwanger? Das ist doch euer Job! Und genau dieses Denken zeigt sich in solchen Zwischenrufen. Solange Japans Parlament von Männern mittleren Alters bevölkert wird, die sich an den traditionellen Werten der bubble economy festklammern, wird sich daran wohl auch nicht viel ändern …

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20 Antworten zu „Kannst du keine Kinder kriegen, oder was?“

  1. FujikoToyohashi schreibt:

    Da fehlen einem wirklich die Worte, so etwas unglaublich dreistes und das in einer Parlamentssitzung. Ich finde es gut dass diese Aussagen in kurzer Zeit eine so große Empörung in der Bevölkerung hervorgerufen haben, allerdings denke ich dass es dafür auch genauso viele gab die zugestimmt haben.
    Ich kann dir auf jeden Fall nur in diesem „Ich muss mich mal auskotzen – Anfall“ aus vollstem Herzen zustimmen und mich weiter über die feigen Herren aufregen.

    • nagarazoku schreibt:

      Es ist echt zum Aus der Haut fahren! Alleine, dass so viele Leute über die Zwischenrufe gelacht haben, zeigt ja, wie die allgemeine Einstellung in der LDP ist :S

      • FujikoToyohashi schreibt:

        Allerdings… Auch wenn jetzt (angeblich) der Schuldige für eine Aussage gefunden wurde, das ändert nichts ander Einstellung. Der zweite Zwischenrufer hat sich nicht gemeldet und auch bei dem der sich bekannt hat bin ich mir nicht mal sicher ob das eine „Sündebock“-Aktion ist oder ob er’s wirklich war. *Hrmpf*
        Abe hat sich ja wohl auch zu Wort gemeldet und sich bei dem Parteivorsitzenden für „die Unannehmlichkeiten bei der Versammlung in Tokyo“ entschuldigt. Auch das nicht wirklich überzeugend…

      • nagarazoku schreibt:

        Er könnte sich stattdessen bei der Damenwelt ja auch mal für den Sexismus in der LDP entschuldigen, aber wozu denn? -.- Ein Kollege von mir sprach heute von einem Bericht, in dem es hieß, solche Zwischenrufe seien im Parlament an der Tagesordnung. Der Tag, nach dem das ganze um Shiomura so harsch kritisiert wurde, wäre der erste gewesen, wo mal keine Frau im Parlament beleidigt worden wäre. Krass!

      • FujikoToyohashi schreibt:

        Wow, okay, das war mir gar nicht so bewusst. Chauvinistisch, definitiv, aber das das im Parlament auch so extrem ist hätte ich nicht gedacht.
        Das ist schon ganz schön traurig…

  2. Anika schreibt:

    Das Thema ist für mich ein rotes Tuch…
    Ich muss immer noch in Betracht ziehen, zurückwandern zu müssen wenn ich Kinder haben will…

    • nagarazoku schreibt:

      Ja, geht mir ganz genauso! Egal, wie gerne ich in Japan lebe und arbeite, wenn es daran geht, eine Familie zu gründen, stimmt das Umfeld hier einfach von vorne bis hinten nicht.

  3. Claudia schreibt:

    Was ich Positives aus diesem ganzen Debakel ziehe ist, dass es eine heftige Reaktion gab. Dass es nicht einfach totgeschwiegen wurde. Dass die Petition nicht nur von Frauen unterzeichnet wurde. Japan hat leider oft vor allem wenn es um Frauen geht eine Denke als wären wir in den 60ern steckengeblieben, muss sich aber den Problemen von 2014 stellen. (Bei uns herrscht derzeit übrigens großer Kindertagesstättenausbau, es gibt einfach viel zu wenige Kindergartenplätze, die man sich auch leisten kann…. Dass sie das als Problem erkannt haben – wow.)

    • nagarazoku schreibt:

      Dass diese Affäre wirklich so harsch kritisiert wird, hat mich auch sehr prositiv überrascht! Normalerweise kann man das in Japan ja eher nicht erwarten. Trotzdem haben wir hier noch einen weiten Weg vor uns :/ Ich bin ja schon froh, zu hören, dass Kindergartenplätze ausgebaut werden und so, aber oft hat man das Gefühl, die LDP würde nicht wirklich verstehen, was genau Frauen bei der Kombo Kinder-Job so schwerfällt. Man könnte die Betreffenden ja mal fragen, aber wozu, wenn man sich auch in seiner von Mänern mittleren Alters dominierten Partei gegenseitig auf die Machoschultern klopfen kann?

  4. Carade schreibt:

    mich würgt es wenn ich so was lese, wie in den 60zigern in westdeutschland. stimmt es eigentlich das es zur etikette gehört das frauen den männern die türen aufhalten?

    • nagarazoku schreibt:

      Hm, das einzige, wo ich mir das vorstellen kann, wären alte Etikettebücher, in denen den Frauen erzählt wird, sie haben ihren von der Arbeit heimkommenden Ehegatten gefälligst mit den Hauspantoffeln an der Tür zu empfangen. Essen und Bad schon vorbereitet, versteht sich! Ansonsten sehe ich das hier nicht, aber ich sehe auch kaum Männer, die Frauen die Tür aufhalten 😛

      • bommel schreibt:

        Soweit ich das weiß, ist es so, dass im Firmenumfeld derjenige mit der niedrigeren Position demjenigen in der höheren Position die Tür aufhält. Da gerade die Führungsebene fast ausschließlich mit Männern besetzt ist, kommt es schon häufig vor, dass Frauen ihren Vorgesetzten die Tür aufhalten. Das wirkt für einen europäisch sozialisierten Beobachter natürlich fremd, denn dort gilt unabhängig von der sozialen Position, dass der Dame die Tür aufgehalten wird.
        Während also in Europa das Geschlecht den Ausschlag gibt, ist es in Japan die Position im Unternehmen.

      • nagarazoku schreibt:

        Ah, da spricht der Kenner 😀 Tja, bei uns in der Firma hält niemand niemandem die Tür auf XD

      • Carade schreibt:

        Ok, danke bommel für die Info. In der Reportage haben sie es so dargestellt das Frauen das generell machen müssten so wie im Westen „Ladies first“.

      • nagarazoku schreibt:

        Da ist wohl wieder eine Reportage in die Kategorie „Japan – Ganz anders“ gerannt -.- Dieser ewige Drang zur Exotisierung, ey -.-

  5. Tabea schreibt:

    Kann ich alles nur unterschreiben. Ich bin durchaus sehr willig, Kinder zu kriegen UND zu arbeiten, aber dann müssen die Rahmenbedingungen bitte auch stimmen. Leider kann ich nicht davon ausgehen, dass irgendwer, der hier die Regeln macht, meine Situation auch nur ansatzweise versteht.

  6. Reff schreibt:

    Ich stimme hier vollkommen zu, so ein Verhalten geht wirklich gar nicht. Sowas transportiert Ansichten, die heutzutage schon langsam überholt sind denke ich. Und auf wenn es schon vereinzelte Verbesserungen geben mag, ist diese Denkweise in Japan ja scheinbar noch weit verbreitet :/ Alles auf einmal erwarten .. hm. Aber wenn es so eine scharfe Reaktion gab, dann werden sich die kleinen Verbesserungen vielleicht irgendwann vermehren – zumindest ist dies ein kleiner Grund zuversichtlich zu sein.

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