Der gläserne Angestellte

Ich bin erkältet. Schon wieder. Meeeh! Gestern Nachmittag ging es los und irgendwann hörte ich mich so verdammt verschnupft an, dass unsere Chefübersetzerin mich nach Hause schickte. „Schnell ins Bett und auskurieren!“ Na, ich hoffe das hilft. Ich habe bis Oktober nur noch 2 Urlaubstage (und damit ist meine Firma sogar ein leuchtendes Beispiel auf dem japanischen Arbeitsmarkt, die meisten Angestellten bekommen zu Anfang nicht einen einzigen Tag). Wahrscheinlich kann ich danach unbezahlten Urlaub nehmen, aber so richtig weiß ich das nicht. Aber das muss doch gehen, oder? Wenn ich mir jetzt das Bein breche und anrufe, um mich krank zu melden, kann ja wohl kaum einer sagen „Oh, Frau K., Sie haben leider keine Urlaubstage mehr frei. Sie müssen kommen!“

Ja, die japanische Arbeitswelt. Es gibt einiges, an das ich mich erst noch gewöhnen muss. Zum Beispiel den jährlichen Gesundheitscheck. Unternehmen sind nach Artikel 66 des Arbeits- und Gesundheitsschutzgesetzes dazu verpflichtet, dafür zu sorgen, dass Angestellte einmal im Jahr einen Gesundheitscheck ablegen und der Personalabteilung die Ergebnisse vorlegen. Kleinere Firmen lassen den Angestellten sich die Praxis dafür meist selbst aussuchen und erstatten nur die Kosten, größere Firmen haben entweder eine bestimmte Praxis als Ansprechpartner oder gleich einen Arzt im Haus. In einigen Fällen muss man die Kosten für den Gesundheitscheck wohl auch selbst tragen.

Den ersten Gesundheitscheck, den ich ablegte, einen sogenannten yatoi’ire kenkōshindan 雇入れ健康診断, hätte ich eigentlich lange vor meiner Bewerbung machen und zusammen mit all meinen Unterlagen bei Vertragsunterzeichnung einreichen müssen (daher auch der Name „Gesundheitscheck zur Anstellung in einem Unternehmen“). Aber da wir in Deutschland solche Späße wie vom Unternehmen angeforderte Gesundheitschecks – soweit ich weiß – nur für Leute in Berufen mit Kranken, Kindern oder Älteren haben, durfte ich ihn zu einem späteren Zeitpunkt in Japan ablegen. Für den 31.05. hatte ich einen Termin, und meine Fresse, war ich angepisst. Gesundheitscheck. Und das Ergebnis  dann dem Unternehmen vorlegen. Wer weiß, was da alles für Daten drinstehen! Man kennt ja Japan. Die werden sich ja wohl kaum mit einem „Ihr Angestellter kann ohne Einschränkungen seiner Tätigkeit nachgehen“-Schreiben abspeisen lassen. Und ich sollte Recht behalten.

Der Gesundheitscheck für unter 30-jährige beinhaltet folgendes:

  • Messung der Körpergröße, des Gewichts und des Bauchumfangs
  • Messung der Sehstärke und des Hörvermögens
  • Blutabnahme und Untersuchung auf alles mögliche
  • Untersuchung einer Urinprobe, auch aus alles mögliche
  • ein Röntgenbild des Brustkorbs (Untersuchung auf Tuberkolose)
  • Messung von Puls und Blutdruck, sowie Erstellung eines Herzfrequenz-Diagramms
  • Gespräch mit einem Arzt, in dem auch Brustkorb abgehört und Rachenbreich untersucht wird

Klingt viel? Ist es auch. Und je älter man wird, desto mehr Punkte kommen hinzu. So müssen die Damen ab 35 auch zur Krebsvorsorge und alle müssen ein Röntgenkontrastmittel trinken (ich glaube, es ist ein Bariumsulfat oder so was), bevor sie geröntgt werden. Ich weiß nicht so recht, was ich davon halten soll, einem gesunden Körper dieses Röntgen einmal im Jahr aufzudrücken und dann auch noch ohne konkreten Verdacht auf eine Krankheit mit diesen Kontrastmitteln zu arbeiten.

Kei hat mir eine Praxis ausgesucht, die mit Fahrrad 5 Minuten von uns entfernt war. Ich hatte so keinen Bock auf den Gesundheitscheck (Ich fände ihn ja im Prinzip ganz toll, so einmal im Jahr durchgecheckt werden und genau zu wissen, ob alles in Ordnung ist, aber dass man das Ergebnis eben so seinem Arbeitgeber vorlegen muss …) und ich durfte vorher auch nichts essen, um die Blutwerte nicht zu verfälschen. Das verbesserte meine Laune nicht. Aber die Praxis war sehr schön, sauber und modern (ja, das betone ich hier besonders, gerade das „sauber und modern“ ist in japanischen Praxen nicht immer selbstverständlich) und innerhalb einer Stunde war ich durch. Die Gesundheitschecks werden meist von privaten Praxen durchgeführt. So wie ich gesehen habe, kann man da auch ein ganzes Wochenende dort verbringen und sich auf Herz und Nieren checken lassen, und es waren unglaublich viele junge (!) Paare in blauen und rosafarbenen Bademänteln da, um genau dies zu tun O_o „So Kinders, seid lieb und ärgert Oma und Opa nicht. Mama und Papa sind auf Pärchen-Gesundheitscheck!“ Na, wer will … Aber die Dinger sind nicht günstig!

Die Kosten für den 雇入れ健康診断  muss man übrigens selbst tragen. Knapp 80 € hat meiner gekostet. Ich wurde dann gefragt, ob man das Ergebnis gleich meinem Arbeitgeber zuschicken solle oder mir. Ähm, hallo? Ja, ich würde das Teil vorher schon gerne mal zu Gesicht bekommen! Kann ja wohl nicht sein, dass ich zur Personalabteilung muss, um nachzufragen, ob mit mir alles in Ordnung ist!

Am Freitag Abend erhielt ich dann den Brief. Und es war genau so, wie ich befürchtet hatte:  Auf dem Zettel, der dem Arbeitgeber vorzulegen ist, steht einfach ALLES. Wirklich ALLES! Von meinem genauen Gewicht, Körpergröße, BMI und Co. bis hin zur exakten Anzahl der weißen Blutkörperchen in meinem Blut, meinem Blutdruck und meiner Herzfrequenz. Ich musste beim Arzt ein paar Zettel mit dummen Fragen über meine Gesundheit ausfüllen, und was auch immer ich dort als kleines Wehwehchen angegeben habe, wurde einfach so auf den Wisch für den Arbeitgeber übertragen. Rückenschmerzen, manchmal Tinitus im Ohr, dass mich hin und wieder Kopfschmerzen plagen usw. Vielleicht war ich ja auch dumm, das alles anzugeben, aber ich dachte, das würde dem Arzt im Gespräch helfen und er könnte mir vielleicht ein paar Tipps geben. Aber die Sachen kamen da überhaupt nicht zur Sprache. Tja, weiß ich für den nächsten Test Bescheid, da hab ich dann offiziell gar keine Wehwehchen mehr!

Am Ende gab es trotzdem noch die Gesamtwertung „A“ – keine Auffälligkeiten gefunden, Patient ist bei bester Gesundheit. Na schick. Trotzdem liegt der Zettel jetzt seit Freitag bei mir rum und ich kann mich nicht dazu bringen, ihn einzureichen. Auch mit bestem Ergebnis stört mich der Gedanke wahnsinnig, der Personalabteilung so viel über mich preiszugeben. Einige Kollegen meinen, die würden da sicher keinen Blick drauf werfen und das einfach abheften, aber das kann ich mir nicht vorstellen. Das sind wertvolle Informationen da in ihren Händen, die spätestens bei der Frage, ob jemand zum Festangestellten gemacht oder zum Manager befördert wird, das Ja oder Nein bedeuten könnten. Aber da es gesetzlich festgelegt ist, komme ich wohl nicht umhin, das Ding in den nächsten paar Tagen einzureichen.

Und während ich mich noch über den aktuellen Gesundheitscheck aufregte, erreichte mich eine E-Mail unserer Personalabteilung: „Frau K., Sie sind am 01.07. dran mit dem jährlichen Gesundheitscheck!“ Wie bitte, was? Ich hoch zur Personalabteilung. Ich hatte ja wohl vor 2 Wochen gerade erst einen! Ja, Sache ist: Wer im April anfängt, muss bis Oktober zum firmeninternen Gesundheitscheck. Es gibt noch andere Daten, aber ich wurde eben für den 01.07. eingeteilt. 2 Gesundheitschecks innerhalb eines Monats? 2x Brustkorb röntgen innerhalb von 4 Wochen? JA WOHL KAUM!!! HABEN DIE ‚NEN SCHUSS??? Aber nein, der Termin lässt sich nicht verschieben, wir sind immerhin in Japan. Man hätte vollstes Verständnis dafür, wie unangenehm es wäre, das nach 1 Monat gleich alles noch mal durchzuziehen, aber es ginge eben nicht anders. Na, das werden wir ja mal sehen! Ich ziehe mir von meinem Wisch eine schicke Kopie, und alles, worauf ich keinen Bock habe (Blutabnahme und Röntgen im genauen) werde ich mit Verweis auf mein exzellentes Ergebnis von vor einen Monat ablehnen. Zwingen kann mich niemand! Einmal im Jahr ohne bestimmten Grund den Brustkorb röntgen, finde ich schon krass genug, aber 2x in 4 Wochen? Nein, danke!

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5 Antworten zu Der gläserne Angestellte

  1. Claudia schreibt:

    Gesundheitschecks sind immer unglaublich nervig, und ich wette letztendlich geht es nur darum, dass die Firma abgesichert ist, falls du plötzlich umfällst – 過労死. Mein Mann hat jedes Mal, wenn er zu viele Überstunden macht, einen firmeninternen Check, wo hauptsächlich geschaut wird, ob er suizidgefährdet ist…
    Das mit dem Röntgen finde ich in Japan total krass, für jeden noch so kleinen Scheiß und dann nichtmal mit Schürze vorm Bauch.
    Hoffentlich kannst du die davon überzeugen, dass sich deine Blutwerte innerhalb von vier Wochen nicht komplett verändert haben, ich zweifle nämlich ein wenig daran, dass die nicht trotzdem stur darauf beharren alles nochmal machen zu müssen.

    • nagarazoku schreibt:

      Ein paar der ausländischen Kollegen weigern sich wohl alle 2 Jahre vor dem Röntgen und der Blutabnahme, ein wenig Bockigkeit sind die bei Arzt und HR also schon gewohnt 😛 Ich werde also mein Glück versuchen!

      Ach ja, da checken wir lieber, ob der Angestellte nicht suizidgefährdet ist, anstatt dem entgegenzuwirken und einfach mal die Überstunden zu reduzieren. Ach Japan …

  2. Tabea schreibt:

    Du darfst natürlich trotzdem krank sein und nicht zur Arbeit kommen, auch wenn du keinen Urlaub mehr / noch nicht hast. Aber für die Tage kriegst du dann kein Gehalt, jedenfalls ist das bei uns so.

    Und: Wehr dich gegens Röntgen!! ò.Ó Ist ja wohl mal total bescheuert!!

    • nagarazoku schreibt:

      Ey, wie im Osten hier XD
      Allein dieses Konzept, Urlaubstage als Krankentage aufzubrauchen. Aber ich kann mir unseren Manager zu richtig schön vorstellen: „Die K.? Die braucht keinen Urlaub, die hatte gerade ’ne Woche Grippe!“ 😛

      Dagegen wehre ich mich mit Händen und Füßen! Einige der anderen ausländischen Mitarbeiter weigern sich wohl alle 2 Jahre dagegen und kommen damit durch.

  3. Pingback: Gesundheitscheck – Reloaded | Ein Nagarazoku in Japan

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