[Unterwegs] Auf den Tsukuba-san

Das letzte Mal Bergsteigen muss bei mir bereits 9 Jahre her sein. Bis vor 9 Jahren konnte ich noch jedes Jahr mit meinen Eltern in den Urlaub fahren, und mehr als oft war unser Ziel Norwegen. Und wenn es eins gibt, das man in Norwegen richtig gut tun kann, so ist es Bergsteigen. Dann jedoch begann die Uni und die Sommerferien meiner Geschwister überschnitten sich nur sehr wenig mit meinen Semesterferien, und ja, so hatte sich das mit den Familienurlauben erledigt. Lange, abschweifende Erklärung zu folgendem Ereignis: Am letzten Wochenende verschlug es mich nach 9 Jahren mal wieder zum Bergsteigen. Ziel: der Tsukuba-san 筑波山 in Ibaraki 茨城県.

Ibaraki ist nun nicht gerade bei uns um die Ecke und wir fuhren von Haustür bis zum Fuß des Berges insgesamt mehr als 3 Stunden – länger als wir letztendlich für den Aufstieg brauchten 😄 Das Wetter spielte nicht unbedingt mit, aber weder Flo, noch Kei, noch ich ließen uns davon die Laune vermiesen, denn wie man so schön sagt: Es gibt kein unpassendes Wetter, nur unpassende Kleidung. Und glücklicherweise hatte Kei zwei Regenjacken eingepackt 😄

Wir starteten am Tsukuba-san-jinja 筑波山神社, denn dort setzte uns der Shuttle-Bus, den wir vom Bahnhof aus namen, ab.

Wir durften am Schrein dann Zeugen einer Aufführung der Feuerwehr-Blaskapelle Tsukubas werden. Und weil Flo und ich den gaijin-Bonus haben uns sogar an den für Kinder aufgebauten Spielen beteiligen. JETZT weiß ich endlich mal, wie man einen Feuerlöscher bedient!

Und dann ging es an den Aufstieg. Warum der Berg jetzt als Anfängerberg unter den Anfängerbergen bezeichnet wird, erschloss sich mir unterwegs dann allerdings nicht, da hab ich schon leichtere Pfade bestiegen. Kommt wahrscheinlich immer darauf an, von wessen Standpunkt aus man das Ding als Anfängerberg einstuft. Aber einige Wege ließen da doch etwas Zweifel zu und ich hab hin und wieder ordentlich ins Schwitzen.

Links seht ihr die unendliche Treppe. Gut, es gab wenigstens eine Treppe, aber erstens hab ich nach 300 Stufen aufgehört zu zählen (und da waren wir noch nicht mal bei der Hälfte) und zweitens waren die einzelne Stufen so niedrig, zwei Stufen auf einmal aber wieder so hoch, dass es echt ein Kreuz war, hier hochzukommen >.<

Es fing dann auch irgendwann an zu regnen und die eh schon recht rutschigen da ziemlich glattgelatschten Steine verwandelten sich in eine schicke Schlitterbahn. Ich möchte dazu zu meiner eigenen Schande bemerken, dass wir unterwegs mehrmals von 5-jährigen und älteren Herrschaften überholt wurden 😄 Aber dass der Durschnittssenior hier sehr viel fitter ist als der gleiche Jahrgang bei uns in Deutschland, das wussten wir ja schon 😉

Es gab eine Zwischenstation auf der wir leckere Soba und Ramen essen konnten. Von dort aus ging es jeweils links und rechts auf zwei verschiedene Gipfel. Wir lachten dem scheiß Wetter ins Gesicht und klettern auf beide. Na ja, viel zu sehen gab es oben angekommen leider nicht …

Aber wir waren stolz auf uns!

Unterwegs trafen wir übrigens auf diese Dame hier:

Okay, also man konnte sich bis zur Zwischenstation, wo wir gegessen haben, mit einer Gondel hochfahren lassen. Trotzdem ging es auf die beiden Gipfel nur per Fuß und hier waren die teilweise steilsten Strecken des gesamten Berges. Diese Dame trafen wir unterwegs auf dem Weg zu Gipfel zwei. Ich wusste wirklich nicht, ob ich ihr für so viel Konsequenz abplaudieren oder ihr für so viel Blödheit den Kopf in die nächste Wand rammen sollte. Vor allem, wenn wir mal davon ausgehen, dass die Durchschnittsjapanerin auf solchen Dingern schon auf gerader Strecke meistens nicht mal eine gute Figur abgibt, weil man ja UM GOTTES WILLEN bloß nicht die Hüfte mitbewegen darf, dann sieht man ja sexy aus. Habt ihr schon mal versucht auf Absatzschuhen zu laufen ohne die Hüfte mitzubewegen? Ich weiß: WARUM SOLLTE MAN???

Die beiden auf dem Photo standen übrigens vor einem Stein, der wie ein Frosch geformt war und wohl Hauptattraktion auf dem Tsukuba-san war:

Sein Maul war gefüllt mir kleinen Steinen, die von unten hineingeworfen wurden. Wir haben zwar nach einem Schild gesucht, das uns erklären würde, warum – Bringt das Glück oder so? – haben aber keines gefunden. Da das Maul eh schon ordentlich voll war und mit jedem neuen Stein die Chance stieg, dass alle anderen Steine da schnell mal rausplumpsen und einen erschlagen, haben wir es gelassen.

Was wir während unserer Bergtour übrigens beobachten konnten und total toll fanden: das gegenseitige Grüßen der Bergsteiger untereinander gibt es in Japan auch. Gut, hier bedeutete es aufgrund von Massenandrang alle zwei Minuten mit einem konnichi wa um sich zu werfen und ab und an die Frage nach unserer Nationalität zu beantworten, aber irgendwie fand ich es sehr schön, weil ich es so vom Bergsteigen einfach gewohnt bin ^^

Den Rückweg traten wir dann allerdings mit der Gondel an. Der Berg war durch den Regen einfach zu rutschig, um noch vernünftig laufen zu können.

Am Bahnhof angekommen entschieden wir uns noch den Campus der Tsukuba-Uni anzuschauen. Für Flo sehr natsukashii, da es sich um ihre Austausch-Uni aus dem Jahr 2008 handelt. Für mich sehr aufschlussreich, da ich von meinen Kommilitonen ja viele Geschichten gehört hatte und die Uni  nun ganz aus der Nähe sehen konnte. Und liebe Kollegen, eins muss ich sagen: inaka? Ihr wollte mir wirklich erzählen in Tsukuba ist es wie auf dem Land? Kommt mal an die Tōkai, da könnte ihr mal richtiges inaka erleben. Wer über 10 Restaurants, davon 3 Ketten, mehrere Bars und am fußläufig (!) erreichbaren Bahnhof ein riesengroßes Einkaufszentrum mit „The Body Shop“ und einem Food Corner hat und das als inaka bezeichnet, der weiß gar nicht, was ein richtiges inaka ist. Kinders, für euren Luxus hätten wir an der Tōkai Köpfe rollen lassen!

Tsukuba ist übrigens eine Universitäts- und Wissenschaftsstadt. Neben dem riesigen Uni-Campus finden sich hier auch ein Museum, das sich mit Raumfahrt beschäftigt und eine angebliche echte Rakete im Garten stehen hat, …

… sowie ein Roboter-Testzentrum.

Roboter-Test-Sektion
Roboter durchqueren diesen Gehweg, Westseite M 2. Bitte passen Sie auf, wenn sie an Ihnen vorbeifahren.

Abends war da leider nichts mehr los – ich hätte ja zu gerne einen dieser Roboter gesehen! Andererseits: Warum muss ich Platz machen, wenn die Dinger vorbei wollen? Programmiert die doch gleich so, dass die ausweichen können! Ja, ja, so fängt die Weltherrschaft der Roboter an 😛

Kei und ich hatten einen langen Heimweg – wir erinnern und an die 3 Stunden – und zudem war Sonntag, für Kei stand nächsten Tag also auch noch Arbeit an. Dementsprechend machten wir uns bald auf den Weg, kamen jedoch erst knapp vor Mitternacht Zuhause an O.o Und ein Taxi mussten wir uns auch noch gönnen, hatten natürlich gerade den letzten Bus verpasst. Manchmal ist schon unpraktisch hier …

Hier übrigens mein Schrittzähler von diesem Tag:

18.8 km … Ich dachte, der Berg hätte nur 800 m 😄

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5 Antworten zu [Unterwegs] Auf den Tsukuba-san

  1. Julia schreibt:

    Als ich vor 3 Jahren auf den Takao-san gestiegen bin, habe ich NUR solche Tussis in Stöckelschuhen gesehen. Dabei können die ja noch nicht mal auf ebenem Grund mit Absätzen richtig laufen…

    • nagarazoku schreibt:

      Auf dem Takao-san waren wir an diesem WE und oh mein Gott JA, er ist so voll von Tussen und Typen in Host-look-a-like Outfits! Auf der Hauptstraße war der Berg aber ja auch eher ein feuchter Spaziergang -.- Etwas enttäuschend! Auf dem Rückweg haben wir uns daher durchs Gebüsch geschlagen 😄

  2. Pingback: Marathon durch Yokohama | Ein Nagarazoku in Japan

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