Detektiv Inkompetenz und die Spur, die ins Nichts führte

Wie sich ein netter Abendspaziergang doch entwickeln kann …

Da ich die meiste Zeit meines Tages sitzend vor meiner Hausarbeit verbringe, schlug ich Kei heute Abend vor doch einen kleinen Spaziergang über die Brücke bei uns in der Nähe zu unternehmen, damit mir Zuhause die Decke nicht auf den Kopf fällt. Gesagt, getan!

Mit 26 Grad ist es draußen am Abend inzwischen recht angenehm und auch ein paar Sterne waren am Himmel zu sehen, alles ziemlich idyllisch. Bis wir an der besagten Brücke ankamen. Denn auf einmal standen wir am Anfang einer sich komplett über die 100m lange Brücke hinwegziehenden Spur aus Blut. Viele einzelne Tropfen quer über dem Gehweg verteilt. Anfänglich dachten wir noch, es würden sich um ein paar Spritzer handeln, Nasenbluten oder so, aber die Spur zog sich fort und fort und an einer Stelle verteilte sich eine ganze Menge Blut auf dem Geländer und dann war nichts mehr zu sehen O.o An dieser Stelle zerrte ich Kei panisch mit mir den Weg zurück und bat ihn, die Polizei zu verständigen. Was auch immer das war, eine Untersuchung durch die Polizei kann nicht schaden! Kei rief auch sofort an – und hier ging das Theater los.

Das Telefonat dauerte minutenlang. Es tauchten Fragen auf wie „Ja, ist das denn überhaupt frisches Blut?“, „Glauben Sie, das ist ein Notfall?“, „Sind es wirklich mehr als 50 Meter?“ – ähm, sind wir die Profis? Woher soll ich wissen wie alt der verdammte Scheiß ist, ob das ein Notfall ist, und sorry, mein Maßband habe ich nicht einstecken, aber JA, verdammt nochmal, mehr als 50 Meter! Auf die Frage, ob wir bitte genau dort, also NEBEN der Blutspur, auf die Polizei warten können, fragte mein Freund nachdem er meinen panischen Gesichtsausdruck bemerkt hatte, ob das denn nötig sei. Antwort: 「ご協力お願いします!」 – „Wir bitten ganz inständig darum!“ Na, wer kann denn da noch nein sagen? O.o

Und so warteten wir, und warteten, und warteten, und warteten. Ich muss zugeben, dass mit mit jeder Minute, die verging, mulmiger ums Gemüt wurde. Wir stehen da also auf freier Flur neben einer meterlangen Blutspur, und die Polizei findet das in Ordnung so? WTF! In Deutschland befiehlt dir die Polizei, an einem sicheren Ort zu warten, und wenn das dein Zuhause ist!!! Nach 20 Minuten in denen ich mich schrittweise immer weiter weg vom Ort des Geschehens begeben hatte, hatte ich die Schnauze voll und wollte die Polizei informieren, dass wir jetzt nach Hause gehen und man uns ja über mein Handy erreichen könne, wenn es noch Fragen gibt. Kei wollte allerdings noch 10 Minuten warten und dann kamen sie auch endlich, die Herren von der Polizei. Zuerst zwei Wagen. Na ja, mit all der Warterei konnten wir wenigstens sicher sein, dass wenn es einen Täter für das hier geben sollte, er nicht irgendwo im Gebüsch saß. So auf dem Präsentierteller, wie wir da standen, war das ja mehr eine Aufforderung als eine Einladung.

Die Polizisten bequemten sich aus ihren Wagen und ließen sich von Kei den Anfang der Blutspur zeigen. Fünf Taschenlampen wurden angeknipst und eifrig folgten alle anwesenden Polizisten der Blutspur. Ja, alle! Nicht einer blieb bei uns zurück. Wir standen ein wenig verloren rum und Kei wollte den Polizisten hinterhergehen, ich jedoch bestand darauf zu bleiben, wo wir waren – SOLLTE irgendwo was Totes rumliegen, wollte ich das ganz sicher nicht zu Gesicht bekommen! Die Polizisten entfernten sich immer weiter von uns, 20 Meter, 30 Meter, 50 Meter und schwupps waren sie über die Brücke hinweg und für uns nicht mehr sichtbar. Sichtlich verwirrt und allein warteten wir.

Ein paar Minuten später erschien ein weiterer Polizeiwagen. Drei Polizisten stiegen aus, ließen sich von Kei die Blutspur zeigen, knipsten ihre Taschenlampen an und folgten ihren Kollegen. Erneut ließ man uns alleine stehen. Angewidert von dem Anblick des Blutes entfernten Kei und ich uns ein wenig von der Brücke – und dann war auch die Nachhut über die Brücke verschwunden und nicht mehr zu sehen.

Ich war inzwischen mächtig am zetern. Wie kann man von uns verlangen, neben der Blutspur zu warten? Wie kann man uns einfach so stehen lassen?? Ohne Schutz??? Ohne Befragung?! Wie können 8 Polizisten ein- und dasselbe tun und keiner kümmert sich um uns?!?! Und wie ich da so stand und meckerte, hielten Polizeiwagen Nummer 4 und ein Polizeimoped neben uns, ließen sich von Kei die Blutspur zeigen, knipsten ihre Taschenlampen an und folgten ihren Kollegen, die allerdings bereits auf ihrem Rückweg waren. Mein Gesichtsausdruck in diesem Augenblick muss Götter zum Lachen gebracht haben. Fassen wir mal zusammen: Wir sind inzwischen bei 15 Polizisten, die alle das Gleiche tun, nämlich mit ihrer Taschenlampe einer ominösen Blutspur folgen, während jedoch nicht einer, nicht einer (!!!) von denen auf die Idee kommt, uns mal zu befragen oder generell einfach mal in unserer Nähe zu bleiben? Was, wenn da irgendwo noch ein Täter rumläuft???

Der Trupp traf sich irgendwann in der Mitte der Brücke und hielt daraufhin erstmal Kaffeeklatsch. Auf einmal löste sich eine Figur aus der Truppe und lief auf uns zu, rief uns jedoch auf halbem Weg zu sich. Der Jüngste der Gruppe, wahrscheinlich der Neue, durfte uns jetzt befragen und unsere Daten aufnehmen. Inzwischen standen Kei und ich eine halbe Stunde dort und beobachten Polizisten mit Taschenlampen über die Brücke gehen und verschwinden. Und nun standen wir also da, da uns der Polizist zu sich gewunken hatte MITTEN in der Blutspur, und durften unsere Daten aufgeben.

Der Rest des Trupps kam dann auch zurück, und zwar um uns zu erklären, dass es sich bei der Spur wahrscheinlich nur um Nasenbluten handeln würde. Alle 15 Polizisten schienen überzeugt, ich aber nicht und erwähnte, dass das ja ganz schön fantastisches Nasenbluten sein müsse, wenn derjenige es 100m lang mit über die Brücke schleifen und überall verteilen könne. Stille. Ja, es könnte ja Nasenbluten von einer Schlägerei sein! Dieses Mal schritt mein Freund ein und stellte klar, dass Nasenbluten von einer Schlägerei ja auch in die Kategorie Verbrechen fallen würden. Erneut Stille. Man entschloss sich, da man unsere Kontaktdaten ja jetzt hatte, uns nach Hause zu schicken – natürlich zu Fuß. Zeugen werden wohl nur im Fernsehen der Sicherheit wegen nach Hause gefahren . Aber mit allen möglichen „Danke, dass Sie uns verständigt haben“ und „Seien sie auf ihrem Heimweg schön vorsichtig!“-Sprüchen. Und Leute, in dem Augenblick als Kei und ich uns umdrehten und loslaufen wollten, parkte neben uns Polizeiwagen Nummer 5, 3 weitere Polizisten stiegen aus und erhöhten die Anzahl der anwesenden Deppen auf 18, schalteten ihre Taschenlampen an und fragten nach der Blutspur. Kei und ich gaben uns 50 Meter bevor wir in halb verzweifeltes, halb bemitleidendes Gelächter ausbrachen. Und da fragt man sich nochmal, warum die yakuza es in Japan so einfach hat. 100 Meter langes Nasenbluten und ungesicherte Zeugen – meine Fresse, so viel Inkompetenz kann nicht einmal die Deutsche Bahn mehr toppen!

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Von Zuhause in Japan aus, Wutanfälle veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Detektiv Inkompetenz und die Spur, die ins Nichts führte

  1. Ronja schreibt:

    O_O ???

    ??????????????????????????????????

  2. Herrin der Bommel schreibt:

    Ok. Nach deiner gestrigen Kurzdarstellung hatte ich es erst so verstanden, dass das Pack echt mit 5 Wagen gleichzeitig eintraf (man sich vorher also erstmal versammelt hatte), aber so sind die ja doch nach und nach eingetroffen.
    Was mich aber dann doch zu der Frage führt: Wie kann es sein, dass nicht sofort und von Anfang an von der ersten Charge zwei Leute für euch abgestellt wurden?
    Und dann auch: Für wie lächerlich dumm halten die euch? Was soll dieses „Nasenbluten“-Gequatsche, wenn trotz aller Dummheit selbst die japanische Polizei es dann am Ende doch für wichtig genug hält, um 18 Leute da hinzuschicken?
    Zumindest in der Einsatzleitung hat man demnach wohl zumindest ein bisschen Grips gezeigt und die Sache in Hinsicht auf den Personaleinsatz ernst genommen. Nur haben die echt keine Ahnung gehabt, was sie dann anstellen sollen.
    Bin ja erstmal froh, dass die keine Leiche gefunden haben. Aber mal schauen, wie sich die Sache weiterentwickelt und ob da noch irgendwas kommt.

    • nagarazoku schreibt:

      Ja, ich hab mir auch gegedacht, warum man uns denn bitte insgesamt 18 Leute schickt, wenn man es dann ganz lapidar mit Nasenbluten abtun will. Ich meinte, es kann alles gewesen sein, ein verletzter Salariman,.ein verletztes Tier, eine Schlägerei oder aber eben auch ein Verbrechen und entweder hat die Einsatzleitung das genauso gesehen oder in dem Schuppen war schon so lange nichts mehr los, dass gleich alle mit ausgerückt sind. Ich bin gespannt ob man sich in dem Fall nochmal bei uns meldet…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s