Erkenntnisse aus einem japanischen Krankenhaus

Nachdem wir Ronja in den Bus Richtung Narita gesetzt hatten und damit ihr Rückflug über Moskau nach Hause begann, hatten Kei und ich noch zwei familiäre Verpflichtungen vor uns: einen Besuch am Grab seines Opas und einen Krankenhausbesuch bei seiner Oma, die sich leider immer wieder übernimmt und dann stürzt. Allein seit ich hier bin, dürfte es der dritte Krankenhausaufenthalt aus diesem Grund sein. Dieses Mal war ich das erste Mal bei einem Besuch dabei.

Der Besuch hat bei mir einen ziemlichen Schock hinterlassen. Das Krankenhaus war unglaublich alt und runtergekommen – laut Kei leider wohl normal für Krankenhäuser hier. Ich bin da eher die Berliner quasi-Prachtbauten gewohnt. Auch, dass es eher 2 – 3 Leute pro Zimmer gibt, hier waren es 6! 6 kleine Betten, an dessen einer Seite ein klitzekleiner Fernseher (uralt Röhrenbild) und unter ihm ein winziger Kühlschrank stand, das war es vom Platz für den Patienten. Gut, mehr mag man vielleicht auch nicht brauchen, aber geschockt haben mich folgende zwei Geschichten, die ich im Serviceland par exellence nun wirklich nicht erwartet hatte:

Keis Papa war ziemlich geladen, als wir zum Krankenhaus fuhren, und während der Fahrt erfuhr ich langsam auch, warum. Da Keis Oma am Bein operiert werden musste, darf sie nicht alleine aufstehen und herumlaufen, also braucht sie jemanden, der sie mit dem Rollstuhl auf die Toilette bringt. Da sie auch eine etwas schwächere Blase hat und nach der OP aber viel trinken soll, muss sie daher ungefähr alle 30 Minuten die Schwester ans Bett klingeln. Diese soll nach dem 5. Mal explodiert und Keis Oma angeschnauzt haben, wie es denn sein kann, dass man hier alle halbe Stunde aufs Klo müsse und ob sie die Krankenschwestern vielleicht ärgern wolle. Keis Oma hat sich danach überhaupt gar nicht mehr getraut, die Klingel zu benutzen und am nächsten Morgen unglaubliche Bauchschmerzen gehabt – verständlich!!! Das Krankenhaus hat sich dem wohl bereits angenommen und dem Zimmer eine andere Schwester zugewiesen und der anderen eine Standpauke gehalten – besser für die Meckerschnepfe, wie ich Keis Papa kenne (ich erinnere an die Mushi-pan-Story) hätte er sich sonst der Standpauke angenommen! Und zwar nicht zu knapp!

Es ist schon gar nicht mehr in Worte zu fassen, wie absolut geschockt ich von dem Fakt bin, dass ich in letzter Zeit fast ausschließlich unfähiges Krankenhauspersonal zu sehen bekommen muss – und das unabhängig vom Land. Dem Arzt meiner Mutter für die Herz-OP hätte ich am liebsten das fette Grinsen mit einem harten Prügel aus der Fresse gwischt, und wenn ich den Namen „Bundeskrankenhaus“ – das Krankenhaus, in dem meine Oma für die letzten Tage ihres Lebens eingeliefert wurde und wo man sich absolut „liebe-, respektvoll und kompetent“ um sie gekümmert hat (SARKASMUS!!!) – nur höre, könnte ich zum Massenmörder an weißgekittelten Oberluschen werden. Und auch damals im Pflegeheim meiner Oma sind einige Pfleger ihren Aufgaben mehr ungern als selbstverständlich nachgekommen. Wenn euch euer Job zu viel ist oder euch schon so abgestumpft hat, dass ihr kein Mitleid mehr mit einer am Bein operierten Oma mit blauem Quetschauge habt, nur weil sie etwas öfter auf Toilette muss, dann macht was anderes! Werdet Florist, Kanalarbeiter oder irgendwas anderes, wo ihr keinen Kontakt mit Menschen haben müsst!

Als Keis Oma jedoch meinte, dass ihr die Krankenschwester nicht mehr zugeteilt ist und derzeit alle extra nett zu ihr sind, ließ es Keis Papa auf sich beruhen. Keis Mama lief erst einmal zum nächsten konbini, denn schnell war festgestellt, dass die Oma überhaupt gar kein Wasser mehr an ihrem Bett hatte, obwohl man ihr ja verordnet hat, viel zu trinken. Das sei aber doch gar nichts ungewöhnliches, erklärte man mir, denn Getränke würde es in japanischen Krankenhäusern nicht umsonst geben. Bitte? Nicht einmal Wasser? Das kriege ich ja sogar in jedem popeligen Restaurant umsonst und ein Krankenhaus ist eine Einrichtung, der man wieder halbwegs hergestellt werden soll. Gehören da mindestens zwei Liter Wasser am Tag nicht dazu? Nein, das hat sich der Patient selbst zu besorgen. Fraglich nur, wie die Oma das machen soll, wenn sie ja gar nicht laufen kann und man ihr dann auch noch das Gefühl gibt, sie sei ein Störenfried, wenn sie nach der Rollstuhldame klingelt. Ich weiß, dass meine Mama sich bei ihrem Krankenhausaufenthalt damals Extragetränke wie Cola oder Kaffee auch mitbringen lassen oder selbst besorgen musste, aber Wasser und sogar Tee waren immer mehr als genug vor Ort. Was nützt es mir denn, wenn ich meinen Patienten erfolgreich operiert habe, aber ihn im Anschluss verdursten lasse, weil er sich nichts zu Trinken besorgen kann? Einige Logiken mögen sich mir nicht erschließen, und ich denke wirklich bereits den ganzen Tag schon darüber nach! Jemand eine Idee?

Natürlich kann ich nach diesem einem Erlebnis nicht auf alle japanischen Krankenhäuser schließen, aber der Besuch lässt sich gen Himmel beten, dass ich so lange wie möglich selbst keins von innen kennenlernen muss.

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2 Antworten zu Erkenntnisse aus einem japanischen Krankenhaus

  1. Nori schreibt:

    Sowas mieses!

    Wenn man sich beim Toilettengang helfen lassen muss, ist das demütigend genug. Aber die arme Frau dann auch noch anzugehen! So eine Unverschämtheit!
    Und einmal mehr der Beweis dafür, dass es eben nicht stimmt, dass alle Japaner in diesem Serviceland immer nur freundlich lächeln.

    Die Freundin meines Bruders ist ja Altenpflegerin und meinte vor ein paar Tagen, dass du im Krankenhaus nur drei Taktiken hast, wenn du gut behandelt werden willst.
    1. Du musst verdammt viel Geld haben. Dann kümmert sich der Chefarzt und er wird natürlich seine Leute darauf ansetzen, dass es seinem höchsteigenen Patienten auch gut geht. (Wenn der Chef persönlich rangeht, dann wäre es ja doch peinlich, wenn der Patient Schäden davonträgt.)
    2. Du musst nerven. Alternativ deine Angehörigen. Du musst immer nur meckern, zanken, den Knopf bei jedem Mist drücken, so dass die dich schnellstmöglich loswerden wollen und deshalb alles tun, damit du ganz bald abhaust.
    3. Du lässt durchblicken, dass du selbst oder deine Angehörigen in der Pflegebranche arbeiten. Das beste ist, wenn du sagst, du seist Berufsschullehrer. Dann kriegen die nämlich Angst. Denn dann weißt du ganz genau, zu welchen Leistungen das Personal im Krankenhaus zwingend verpflichtet ist, und dass du wegen jedem Mini-Kram, den die vergessen, sofort Beschwerde einlegen kannst und auch Recht bekommst. Dann springen die kleinen Hüften wie die Wiesel.

    Irgendwo hab ich das ja mal gelesen, dass in Japan nach wie vor auch im Krankenhaus die tatsächliche Krankenpflege gern als Pflicht der Angehörigen gesehen wird. Wozu als Krankenschwester ranpacken, wenn das doch die Schwiegertochter machen könnte?
    Dass heute nun einmal nicht alle Frauen als Hausfrau zu Hause sind und selbst dann nicht 24 Stunden am Tag nur im Krankenhaus sein können, ist denen doch egal.

    Die arme, arme Oma! Ich hoffe, ihr konntet sie so weit aufbauen, dass sie wieder mehr trinkt und sich nicht schämt, dass sie oft austreten muss. Hoffentlich wird sie schnell wieder gesund 😦

    • nagarazoku schreibt:

      Da die Krankenschwester dem Zimmer nicht mehr zugeteilt war, ging es ihr ganz gut und die neue Schwester kam zu Anfang selbst relativ häufig und fragte nach, ob alles in Ordnung sei, um sicherzustellen, dass Keis Oma sich nicht zu sehr zurücknimmt, denn dass schlimmste, das jetzt ja dadurch hätte passieren können, wäre, dass Keis Oma Angst hat, die Schwester für den Toilettengang zu rufen und daher nichts mehr trinkt, damit sie nicht mehr auf Klo muss. Die neue Schwester hat ihr die Angst aber ganz gut genommen 😀

      Weißt du, ich hab ja lange genug in meinem Café gearbeitet, um zu wissen, dass alte und vor allem alte, kranke Leute nerven können, aber ich habe mir das niemals, niemals, niemals nie anmerken lassen, war immer höflich und freundlich und habe auch noch das 50. Mal an dem Tag mit einem Lächeln gesagt „Natürlich grüße ich meine Mama von Ihnen, Frau R.! Und meinen Papa auch! Ja, und meine Hunde grüße ich auch von Ihnen!“ Denn ich war dafür da, dass sich die Damen und Herren am WE ein paar angenehme Stunden mit ihrer Familie im Café machen konnten, nicht um sie anzubrüllen.

      Jaa, jaa, die Schwiegertochter bzw. eigene Tochter muss es wieder machen. Ich frag mich immer, was passiert, wenn selbige mal im Krankenhaus landet? Das System hier ist nicht darauf ausgelegt, dass Männer in irgendwelchen Krankheitsfällen, die sie nicht selbst betreffen, frei nehmen können – wahrscheinlich muss sich dann Oma kümmern. Damit auch ja keine Krankenschwester hier einen Finger zu viel krumm machen muss!

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