Auf Materialjagd für meine Master-Arbeit

Die Nervosität bezüglich des Treffens mit dem Keiō-Dozenten im jinjiin legte sich im Laufe der nächsten Tage und besonders, als ich im Uniqlo eine schicke weiße Bluse ergattern konnte, deren Knopfleiste ich mal nicht mit meiner Oberweite aufsprengte (zumindest hier in Japan ^^;). Man will ja einen guten Eindruck hinterlassen, und als ich halbwegs businesslike mit schwarzer Hose, Jacket-ähnlicher Jacke und Mantel, sowie der weißen Bluse über die Straßen von kasumigaseki wandelte, war ich im Nachhinein sehr froh, dass ich vorher noch einmal shoppen war. In Jeans und T-Shirt hätte ich mich hier absolut fehl am Platz gefühlt.

In kasumigaseki wandelte ich auf den Spuren meiner bisherigen Seminare an der FU und meiner Hausarbeiten. Da war das METI (damals MITI), von Chalmers Johnson eingeschätzt als das Ministerium, das Japan den Ruf, von der Bürokratie regiert zu werden, eingebracht hatte. Ich lief vorbei am MHLW, mit dem ich mich in meiner Hausarbeit über work-life-balance beschäftigte, und sah vom weiten das Finanzministerium 😀 Ich weiß gar nicht warum, aber ich fand es toll, zumindest die Gebäude, in denen die Prozesse betrieben werden, mit denen ich mich seit meinem Wechsel an die FU auseinandersetze, einmal live sehen zu können.

Ich fand das jinjiin dank guter Wegbeschreibung recht schnell, hatte aber aufgrund eingeplanter Verlaufer – ich kenne mich halt – noch etwa 30 Minuten rumzubringen. Und da sich das jinjiin in der Nähe des Hibiya-Parkes befindet und ich mich nicht allzu weit von ihm entfernen wollte, klatschte ich mich dort auf eine Bank und ging noch einmal meine Unterlagen durch. Die 30 Minuten zogen sich übrigens hin wie Kaugummi, aber so ist es ja immer, wenn man auf den Beginn von etwas Wichtigem wartet ^^;

10 Minuten vor dem Termin machte ich mich mit inzwischen doch wieder etwas zittrigen Knien zurück.

Im jinjiin angekommen, stürzte sich gleich ein Wachmann auf mich:

Wachmann: „Guten Tag, kann ich Ihnen helfen?“
Ich: „Ja, ich habe einen Termin bei Herrn M. um 13.00 Uhr. Meine Name ist…“
Wachmann: „Von welcher Firma kommen Sie denn?“
Ich: *stutz* „Von keiner Firma, ich bin Keiō-Studentin …“
Wachmann: „Aaah, Frau J.!!!“

Und dann ging es los XD Ich wurde in das Gebäude geführt, wo zwei weitere Wachmänner auf mich warteten und mir einen Pass für den heutigen Tag überreichten. Durch die Schranke durch, wo ein Wachmann wartete, der mich zum Fahrstuhl geleitete. Am Fahrstuhl eine Dame des jinjiin, die mit mir auf die 5. Etage fuhr. An der Fahrstuhltür der 5. Etage ein Mitarbeiter von Herrn M., der mich ins Büro begleitete, und im Büro der direkte Untergebene von Herrn M., der mich dann zum Chef persönlich brachte. Was für ein Aufwand!!!

Man setzte mir einen Kaffee vor, und ohne große Umschweife fing Herr M. an zu erzählen. Über amakudari. Über die Zeiten, als amakudari noch vom jinjiin reguliert wurde. Davon, dass ja nicht alles Steuerverschwendung und uneffizient war. Ich zeigte ihm eine Materialsammlung über amakudari, die von ihm als DPJ-Propagandamaterial belächelt wurde … lasst mich raten, welcher Partei er im Geiste wohl angehört 😛

Ich muss zugeben, dass ich nicht alles verstanden habe, was der Herr mir da erzählt hat. Er redete wie ein Wasserfall auf mich ein, und ich nickte freundlich und nahm mit, was ich konnte: eine Buchempfehlung, eine Linkliste zu Material über amakudari, eine Menge Visitenkarten (mit Worten wie „Der Herr hier ist unser einziger Keiō-Absolvent!“ oder „Unser Chef war mal in Deutschland!“ wurde ich einmal quer allen Mitarbeitern des jinjiin vorgestellt), die E-Mailadresse einer Dozentin der Waseda-Uni, die sich mit amakudari beschäftigt, und die Aufforderung, mich immer wieder zu melden, wenn ich Probleme mit meiner Arbeit hätte. Ein Mitarbeiter des jinjiin musste mich zum nahegelegenen Buchhandel begleiten, welcher ausschließlich von Regierungsorganen publizierte Werke verkauft, damit ich mir dort gleich das von Herrn M. empfohlene Buch kaufen konnte. 40 Euronen o.O Na, das Buch ist besser nützlich!!!

Das Treffen verging wie im Flug obwohl ich über zwei Stunden dort war. Und am Ende wäre ich vor Hunger fast gestorben. Mit letzter Kraft schleppte ich mich in einen Doutor Coffee, leibte mich an Eistee und Blaubeer-Beagel und las eine Zeitschrift. Irgendwie wirkt alles, was man macht, gleich viel wichtiger, wenn man es in einem Business-Outfit tut :3

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2 Antworten zu Auf Materialjagd für meine Master-Arbeit

  1. Nori schreibt:

    Hahaha, das Business-Outfit-Feeling kenne ich 😀
    Nicht zuletzt deshalb liebe ich Business-Kleidung auch. Ich bin quasi ein weiblicher Barney Stinson 😉

    Da fällt mir ein: Ich will unbedingt ein Kostüm mit Rock. Bis jetzt hab ich nur einzelne Blusen und Röcke sowie nen Hosenanzug, aber so ein schmuckes Kostüm mit Rock wäre schon toll, gerade für eventuelle Vorstellungsgespräche, die ich vielleicht irgendwann mal habe 😀

    Ich find das super, dass du von dem Treffen so viel mitgenommen hast. (Vor allem ein Buch für schlappe 40 Tacken! Ich vermute, der Kerl wurde für das Treffen mit dir allein durch die Tantiemen angemessen entlohnt.)
    Nee, im Ernst: Ansprechpartner sind echt super, und ich bin sehr stolz auf dich. Du bist mein großes Vorbild und ich stelle mir ab sofort immer dich vor, wenn ich an meiner Arbeit schreibe!
    Dann muss es ja einfach klappen!

    • nagarazoku schreibt:

      (*^^*) So viel Lob, da werd ich ja ganz rot (*^^*)

      Oh ja, ich kann die Liebe eines Barney Stinson zu Anzügen gut nachvollziehen! Business-Outfit – ich könnte mich dran gewöhnen!!!

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