Bahnfahren rund um Tōkyō – Ein Survival Guide und warum ich die Bahn hier liebe!

Ich liebe die Bahn in Japan! Sie hat nur zwei kleine Mängel, die sich aber ziemlich schnell relativieren, wenn man sie etwas genauer betrachtet:

1. Bahnfahren ist teuer. Während ich in Deutschland für mein Semesterticket rund 170 € für ein halbes Jahr bezahle, kostet meine Monatsfahrkarte hier 280 € pro Monat! PRO MONAT! Und während mein Semesterticket Zuhause für das gesamte Netz der BVG und S-Bahn gilt, gilt meine Monatskarte hier nur für die Hin- und Rückfahrt auf einer festgelegten Strecke – von Zuhause zur Uni und zurück. Jede Fahrt abweichend von dieser Strecke muss extra bezahlt werden. Inklusive meines Fahrradstellplatzes am Bahnhof Hiratsuka habe ich teilweise mehr als die Hälfte meines Stipendiums im Monat nur als Fahrtgeld gebraucht. DAS tut weh.

Jedoch muss man auch bedenken, dass ich, wenn ich mich hier in Hiratsuka in die Bahn setze, nicht innerhalb einer Stadt wie in Berlin herumfahre, sondern von einer Stadt in die nächste. Also so in der Art wie einige Leute in Duisburg wohnen, aber in Düsseldorf arbeiten (oder umgekehrt). In nehme an, dass diese auch einen nicht gerade geringen Anteil ihres Gehaltes für eine Monatskarte auf dieser Strecke aufwenden müssen (oder bezahlen das in dem Fall vielleicht sogar die Arbeitgeber?) Und die dürfte ja dann auch nur für genau diese Strecke gelten.

2. Die tōkyōter Rush-Hour: Bekannt wie ein bunter Hund und gefürchtet wie eine Schweinegrippewelle. Und ich HASSE sie! Für mich sind es 58 Minuten Bahnfahrt stehend, eingequetscht zwischen schwitzenden Businessmännern, die ihre Jackets nicht ausziehen, obwohl die Bahn gefühlte 1000 Grad hat und da neben einem so vor sich hinschwitzen. Alle folgenden Bahnhöfe steigen immer nur Leute ein, keiner scheint in Kawasaki oder Totsuka zu wohnen, nur zu arbeiten. Und selbst wenn dann endlich über die Hälfte der Fahrgäste in Yokohama aussteigt, heißt das noch lange nicht, dass man einen Sitzplatz bekommt. Japaner sind flink und skrupellos, wenn es um Sitzplätze geht. Wenn man jedoch ein paar Fahrten hinter sich und dabei alles gut beobachtet hat, überlebt man die Rush-Hour ohne Probleme und bekommt sogar SPÄTESTENS Yokohama einen Sitzplatz (also auf meiner Strecke zumindest ^^)

a) Wenn man nicht das Glück hat, gleich in Tōkyō einsteigen zu können, wo viele Bahnen ihre Fahrt ja beginnen und wo man dann, wenn man gewillt ist 10 – 15 Minuten auf die nächste Bahn zu warten, um vorne zu stehen, IMMER einen Sitzplatz bekommt (das liegt am netten Anstellsystem – wer zuerst kommt, steht zuerst und darf sitzen), der sollte auf meiner Strecke zwischen Shinagawa und Hiratsuka IMMER ganz hintern oder ganz vorne einsteigen. Die meisten Bahnhöfe haben ihre Treppen und Rolltreppen genau in der Mitte und der Großteil der Leute steigt hier ein. Einmal, weil es bequem ist und man nicht über den ganzen Bahnhof laufen muss, und einmal, weil die, die nach dem ertönen des Abfahrtssignals noch schnell die Treppe runterrasen, um sich in die Bahn zu werfen, natürlich die Wagons in der Nähe der Treppe dafür nutzen. Daher sind die vordersten und hintersten Wagons dann sowieso schon einmal etwas leerer. Yokohama hingegen ist einer der wenigen Bahnhöfe, der seine Ausgänge einmal ganz hinten und einmal ganz vorne hat. Bedeutet: spätestens Yokohama putzen sich diese Wagons ratzfatz leer!

b) NIE in die beiden Wagons einmal genau vor und einmal genau nach den グレーン車 gurênsha, den grünen Wagons, einsteigen. Die grünen Wagons sind die Wagons mit reservierten Sitzplätzen, und in die Wagons vor und nach ihnen rennen immer alle Passagiere, die sich falsch angestellt haben oder die in letzter Minute kommen. Die Wagons sind meistens also auch rappelvoll.

c) Nicht bei den Türen stehen bleiben, sondern sich so durchkämpfen, dass man genau vor einem Sitzplatz steht, ansonsten sind die Chancen zu sitzen gleich null!

d) Leute beobachten! Besonders bei den Durchsagen. Wer packt sein Zeug ein? Wer schaut nervös auf die Uhr oder schreibt schnell eine Nachricht, wohl um jemandem mitzuteilen, dass er gleich da ist? Wer greift (im Winter) nach Schal und Handschuhen? Wer bei der zweiten Durchsage sein Zeug noch nicht weggepackt hat, bleibt entweder sitzen oder ist ein Auf-den-letzten-Drücker-Rausrenner – da such ich mir lieber immer einfachere „Opfer“ 😄

e) Der Platz vor einem scheint frei zu werden? Perfekt, aber nicht die beiden Personen, die neben einem stehen, aus den Augen lassen, denn die wollen genauso sitzen, wie man selbst! Also schon mal den Rucksack abnehmen und damit Eigentumsrecht signalisieren. Wenn die Person vor einem aufsteht, muss man ja ein wenig Platz machen und das ist meistens der Augenblick, in dem der ungeübte gaijin den Sitzplatz an einen findigen Businessmann mit 20 Jahren Erfahrung verliert. Der Trick ist, die Person vorbeizulassen und sich beim Vorbeilassen an ihr vorbei schon auf den Sitzplatz fallen zu lassen. Oder auch die Tasche! Egal wie dreist es wirkt, jeder andere würde es genauso machen!

Und schon sitzt man! 😄

f) Sollte man doch das Pech haben, lange stehen zu müssen, sehen sich ja viele Frauen mit dem Problem der Grabscher konfrontiert. Mir selbst ist es noch nie passiert, aber ich habe da schon einige Storys gehört. Meine persönliche Abwehrmethode: mein Rucksack! In der Berliner Bahn nehme ich ihn immer ab und klemm ihn mir vor den Bauch oder zwischen die Beine aus Angst vor Taschendieben, aber in Japan ist er ein gutes Abwehrmittel nicht nur gegen Grabscher, sondern gegen jeden, der mir in der Bahn meinen Wohlfühlabstand rauben will! Je vollgestopfter der Rucksack, umso besser. Dann nur noch so weit runterziehen, dass er den Popo bedeckt und fertig! Das Bahnpersonal hätte es wahrscheinlich oft lieber, wenn ich das nicht machen würde, um mehr Platz für die anderen Fahrgäste zu schaffen, aber ehrlich gesagt fühle ich mich sonst sehr, sehr unwohl! Der Rucksack gibt mir einen Sicherheitsabstand und „bewacht“ sozusagen meine Rückfront, vorne kann ich selbst aufpassen.

Und wenn man seine Tricks für seine Strecke herausgefunden hat und früh einen Sitzplatz bekommt, dann ist Bahnfahren in Japan eine der angenehmsten Sachen, die man machen kann! (^.^)

1. Keine Bettler, keine Musikanten, keine Zeitungsverkäufer! Da man ein Ticket kaufen muss, um überhaupt erst in den Bahnhof reinzukommen, finden sich solche Leute NIE weder auf Bahnhöfen noch in der Bahn selbst.

2. Kein Telefonieren! Telefonieren in der Bahn ist in Japan verboten. Handys werden auf stumm gestellt, und wessen Handy doch mal loslegt, versucht vor Scham ganz schnell im Boden zu versinken. Genauso werden Handys nicht als schlechten Lautsprecherersatz missbraucht. Es ist absolut ruhig in einer japanischen Bahn. So ruhig, dass es einem manchmal schon unangenehm ist, sich zu unterhalten ^^; Bibliotheksruhig also!

3. Keine dummen Jugendlichen! Ich meine, klar gibt es hier auch Jugendliche und sicher benehmen sich einige von denen aus der Sicht des japanischen Durchschnittserwachsenen absolut daneben und rüpelhaft, aber aus der Sicher des Berliner Durchschnittserwachsenen kann ich dem nur widersprechen! Selbst der von den Klamotten her absolute Oberproll würde hier in der Bahn nie telefonieren, noch seine Füße auf den Sitz packen, noch irgendwen belästigen. Wenn sich nicht gerade japanische Opis mit mir über den 2. Weltkrieg unterhalten wollen, kann ich mich meiner PSP widmen, ohne die ganze Zeit wie ein Fuchs darauf zu achten, ob da jetzt irgendjemand Gefährliches eingestiegen ist. Allein, dass ich meine PSP hier ohne Sorgen auspacke, sollte Bände sprechen. Es ist so angenehm, sich einfach nur in die Bahn zu setzen und keine Angst zu haben vor Jugendlichen, Personen mit Migrationshintergrund, Bettlern, Verrückten und etlichem mehr! Ich will so was auch in Berlin bitte!!!

4. Kaum Verspätungen, und wenn doch mal, dann 100%ige Information der Gäste. Bei einer Verspätung von zwei Minuten kriecht der Bahnmitarbeiter schon im Dreck! So oft wie möglich wird man über die Ursache, den Stand der Dinge und die Uhrzeit, zu der sich die Bahn voraussichtlich wieder in Bewegung setzen wird, informiert. Ein Bahnangestellter gibt über Lautsprecher Umfahrtsmöglichkeiten bekannt, ohne dass jeder Fahrgast einzeln ans Häuschen klopfen und sich vom schon genervten Mitarbeiter den Weg erklären lassen muss, wie es in Berlin ja so oft vorkommt. Und einen technischen Schaden habe ich noch nie erlebt! Na, Berliner Bahn, wäre das nicht auch mal etwas für dich?

5. Sauber! Sauber! Sauber! Graffiti? Zerkratzte Fensterscheiben? Klebrige Böden? Oder noch ekelhafteres …? Japaner, denen ich von unseren U- und S-Bahnen erzähle, schauen mich immer an, als würde ich Geschichten aus einem Gefängnistrakt preisgeben 😄

6. Freundliche Mitarbeiter! Letztens erst habe ich einen Bahnvorsteher eine viertel Stunde lang belagert, da ich einen etwas komplizierten Rückweg hatte, und obwohl der Mann, während er mir den Weg erklärte, eine Bahn abfertigen musste, kann ich in Berlin wohl nur davon träumen, jemals so zuvorkommend und vor allem KOMPETENT behandelt zu werden.

Ach ja, muss ich mehr sagen? ^^

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5 Antworten zu Bahnfahren rund um Tōkyō – Ein Survival Guide und warum ich die Bahn hier liebe!

  1. Nori schreibt:

    Ohhh, ich sag dir, dieser Tage vermisse ich die japanische Bahn so wahnsinnig!

    Hier in Berlin kriecht, da es die letzten Tage deutlich kälter geworden ist, wirklich der Bodensatz des Abschaums unserer Gesellschaft hervor und bevölkert die Bahnen.

    Ungewaschen, oftmals Penner, Berge schlechter Akkordeonspieler, zahlreiche Verrückte (die plötzlich laut anfangen zu schreien oder den Untergang der Welt prophezeihen), es ist so unendlich widerwärtig!

    Zugegeben: Japanische Preise, insbesondere für Monatstickets, möchte ich wirklich nicht bezahlen. Aber so wie es gegenwärtig in unseren Berliner Bahnen ist, kann es doch auch nicht weitergehen.

  2. nagarazoku schreibt:

    Ich wäre ja sogar bereit ein klitzkleines bisschen mehr für mein Semesterticket zu bezahlen, wenn es die Bahn in Berlin einfach mal hinkriegen würde eine vernünftige Atmosphäre zu schaffen indem das ganze verrückte und/oder Bettlerpack einfach mal draußen bleibt. Wie du schon sagst: so ganz es doch einfach nicht weitergehen!

    • Nori schreibt:

      Ach ja… 10-20 Euro mehr pro Semesterticket, dafür aber zumindest im Bereich Stadtbahn/Ring ein bisschen Bahnhofspersonal, das dafür zuständig wäre, diese Leute ganz schnell rauszuschmeißen.

      Selbst die, die es gibt, haben ja nicht mal Bock, was dagegen zu machen.

      Vor ein paar Wochen am Alex: Ein wirklich komplett durchgeknallter Mann im spätmittleren Alter, offensichtlich Penner, sitzt (zum Glück auf dem Regionalbahnsteig und nicht bei der S-Bahn) auf ner Bank und blökt in einer extremen Lautstärke seine seltsamen Weltanschauungen zu den anderen Leuten am Bahnsteig und auch zu denen auf dem S-Bahn-Steig rüber. Der hat allein den gesamten Bahnhof bespaßt und um ihn war natürlich ewig weit und breit alles frei, und du hast gesehen, wie die Leute ihn sehr vorsichtig beäugt haben.

      Und da gehen ein paar Bahnmitarbeiter, auch noch Bahnhofspersonal, da lang —– und gehen an dem vorbei!!! Wollen die mich verarschen? Ich meine, die Bahnhöfe sind immerhin Gebiet der Deutschen Bahn! Die könnten ihm Hausverbot erteilen, die Polizei rufen und ihn rausexpedieren lassen, ihn anweisen, gefälligst nicht die Fahrgäste zu belästigen —- stattdessen ist denen das scheißegal und damit wir, die Kunden, offensichtlich auch.
      Klar, die haben Angst, dass der handgreiflich wird und sie am Ende ein Messer im Bauch haben. Aber der Punkt ist: ICH habe auch Angst! Und ich erwarte, dass mir die verdammte Bahn auf ihrem eigenen Grund und Boden wenigstens ein Mindestmaß an Schutz bietet.

      Wegen sonst was für nem Scheiß schmeißen die Leute aus den Bahnen, aber kaum ist es ein Penner oder Straßenmusikant, trauen sie sich nicht ran.

      Ich hab so derbst die Schnauze voll!

      • nagarazoku schreibt:

        Oh Gott, ich kann da so nachvollziehen!

        Ich bin einmal mit der Ringbahn gefahren und da stieg ein Typ ein und brüllte die ganze Zeit: „Wer will sich prügeln? Wer will sich mit mir prügeln?“ Und das war so ein jungscher Kerl mit Migrationshintergrund und der schien irgendwas genommen zu haben. Jedenfalls lief der durch den Wagon, schubste Leute an oder nahm ihnen ihre Bücher weg, wohl in der Hoffnung, jemand würde sich mit ihm prügeln. Ich bin dann Heidelberger Platz raus und sprach zwei Mitarbeiter der Deutschen Bahn an, die da standen und erklärte ihnen die Situation so schnell wie möglich, denn der Kerl war ja noch in der Bahn und selbige würde bald weiterfahren. Und was haben mir die beiden geanwortet? „Ja, was sollen wir da jetzt bitte machen?“ und gingen weiter!!!!!!!!

        Okay, wenn man auch Faru Holle und den Weihnachtsmann als Sicherheitspersonal einstellt, muss man wahrscheinlich damit rechnen, dass die nichts gegen randalierende Fahrgäste machen wollen/können. Aber ist der Deutschen Bahn die Sicherheit ihrer Fahrgäste SO egal? Kann man da nicht ein paar junge, durchtrainierte Fitnessstudioabhänger einstellen, die solchen Kerlen im Extremfall wenigstens die Prügelei bieten können, die er wollte? Ich war so geschockt von deren Reaktion und dass die mich darauf hin einfach haben stehen lassen!!!! Ich meine, in so einem Fall hätte man ja wohl wenigstens die Polizei verständigen können!

      • Nori schreibt:

        Boah, wie dreist!
        Aber diese pampige Art passt so wunderbar in das Bild, das ich von solchen Leuten habe.

        Neeneenee, es geht bergab mit meinem Land….

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