Ich war in Itō und habe kaum etwas davon gesehen

Bei dem ganzen Abgekotze über Uni und Deppen in der Uni komm ich ja kaum noch hinterher, über die anderen Sachen zu berichten, die ich in den letzten Tagen so erlebt habe. Also nehmen wir das Ende der Vorträge und damit der unseligen Gruppenarbeiten als einen guten Anfang, um ein wenig nachzuholen.

Vom 05. auf den 06.01. erhielt ich die Möglichkeit, mit einer Gruppe deutschlernender Studenten einer recht renommierten Universität einen Ausflug nach Itō 伊藤 zu machen. Wie ich dazu kam? Mitte Dezember nahm ich an einem Event der Japanisch-Deutschen-Gesellschaft teil und unterhielt mich dort mit einer Studentin eben dieser Universität, welche mir spontan ihren Platz bei der Reise anbot, da sie selbst nicht mitfahren konnte. Und nicht nur das, man würde sogar alles für mich bezahlen o.O Und das nach zwei Minuten Gespräch! Wie hätte ich dazu bitte Nein sagen können? Ein anderer Deutscher hatte wohl auch soviel Glück, und so machten wir uns zusammen mit 20 Japanern auf den Weg nach Itō.

Itō liegt übrigens in Shizuoka 静岡, womit man immer nur einen Katzensprung vom Fuji entfernt ist, egal wo man steht 😉

Die Fahrt dauerte EWIG!!! Wir fuhren zwar recht früh mit dem Bus los, kamen aber erst gegen 15 Uhr an. Mit der Bahn würde man gerade einmal 1 Stunde 7 Minuten reine Fahrtzeit brauchen, aber nein, es muss natürlich der Gruppenbus sein, der sich erst einmal durch den Stau in der Innenstadt kämpfen muss -.-‚ Anstatt jedoch nach dem Einchecken im Hotel – ein süßes ryokan 旅館 mit halbwegs schönen Ausblick:

Also anstatt nach dem Einchecken ein wenig die Gegend zu erkunden und die Stadt oder den schönen Strand anzuschauen, ging es zum … Bowling … Ich hasse Bowling! Und ich habe episch verloren:

Im Prinzip wäre es mir egal gewesen, aber die Japaner hatten sich ein lustiges „Spiel“ ausgedacht: Das Gewinnerteam darf dem Verliererteam Befehle geben und das Verliererteam muss alles machen, egal wie peinlich. Echt, wenn sich der andere Deutsche nicht zwischendurch den Finger umgeknickt hätte, ich schwöre euch, wir hätten verloren!!! Danke Karma, dass du mir diese Erniedrigung erspart hast! Japaner sind alles kleine SMs!

Na ja, nachdem wir also zwei Stunden beim Bowling verschwendeten, war es stockfinster draußen und das Einzige, was man noch tun konnte, war den nächsten Supermarkt aufzusuchen und Alkohol für den Abend zu bunkern. Das haben die Herren dann auch mit einem Eifer getan, der seinesgleichen sucht O_o

An das Bowling schlossen sich dann ohne Pause zwischendurch Abendessen, nomikai 飲み会, ein Saufgelage. und nijikai 二次会, das Saufgelage nach dem Saufgelage, an. Ich muss sagen, ich hatte unerwartet viel Spaß, aber den auch erst, nachdem ich mich von dem anderen Deutschen etwas weiter weggesetzt habe, denn der konnte wirklich überhaupt kein Japanisch, obwohl er nun auch schon zwei Jahre studiert, und ich hatte wirklich, wirklich, wirklich keinen Bock, den gesamten Abend Dolmetscher zu spielen für Sätze wie „Gib mir mal die Flasche!“ Dass wir zwar mit deutschlernenden Japanern unterwegs waren, aber SPÄTESTENS während der nomikai nur noch auf Japanisch gesprochen wurde, war mir von Anfang an absolut klar, und natürlich war es für den Herren doof, dann kaum noch mitzukommen, aber, hey, normalerweise werde ich für so was pro Stunde fett bezahlt! 😛

Nomikais und nijikais eignen sich ja auch immer perfekt für Feldstudien. Und irgendwie passt immer vieles, was dort so geschieht, in einen Stereotyp, was es so unglaublich schwer macht, hier nicht ständig mit selbigen um sich zu schmeißen -.-‚ Aber zu eurem Vergüngen drei kurze Ankedoten:

1. Der Ich-vertrag-ja-so-superviel-Alkohol-Deutsche

Wenn Japaner eines an uns schätzen, dann, wie viel Alkohol mehr als sie wir vertragen. Und nichts scheint da einen deutschen Mann glücklicher zu machen, als mit inbrünstiger Bewunderung angesehen zu werden, wenn er das dritte Glas Pflaumenwein kippt ohne rot zu werden. Da der andere Deutsche (ich nenne ihn ab jetzt mal T.) sich ja nicht mit den anderen unterhalten konnte, da sowohl sein Japanisch zu schlecht als auch sein Deutsch zu schnell waren für alle, blieb ihm ja nichts anderes übrig, als zu saufen. Und das musste er auch, hatte er doch im Bus schon stolz die Brust geschwellt beim Berichten darüber, WIE VIEL er doch so verträgt! Ja, ich weiß wie so was meistens endet … Von weitem machte es fast Spaß, zuzuschauen. Die erste Flasche Pflaumenwein kam auf den Tisch und T. goß sich ein, und je größer die Augen der Japaner um ihn herum wurden, desto voller wurde das Glas und desto größer der Schluck, mit dem er es leerte. Anfänger! So ist man nach einer halben Stunde nomikai schon zu nichts mehr zu gebrauchen und kann sich die nijikai ja gleich klemmen! T. soff und soff, es blieb nicht beim Pflaumenwein, sondern schön durcheinander, immer bewundert von allen Japanern. Zu Beginn der nijikai lag T. bereits besoffen am Boden und heulte mich voll, dass er ja mit seiner Freundin, einer Japanerin, so unzufrieden sei, weil sie zwar den Körper einer Frau hat, aber den Geist eines Kindes. Ähm, TMI!!!

Mister T. wurde so nicht nur gänzlich von mir unter den Tisch gesoffen, sondern hatte am nächsten Morgen den übelsten Kater, den ich je gesehen habe O_o So viel vertragen wir also, ja? XD

2. Der Ich-lass-mich-nur-von-einem-deutschen-Freund-abschrecken-Japaner

Eine Freundin hatte mich damals schon davor gewarnt und jetzt habe ich es also am eigenen Leib erfahren: Erwähnt man einen japanischen Freund, stachelt das interessierte japanische Männer ab und zu eher an, einen anzubaggern o.O

Es war ja nicht nur T., der bereits recht früh betrunken war. Ein Japaner hatte es geschafft, bereits zu Beginn der nomikai komplett dicht zu sein. Das kann keine fünf Minuten gedauert haben! Dieser Japaner kam dann also zu mir und fragte auf einmal, ob ich einen Freund hätte. Ich antwortete erst einmal nur mit einem „Ja“. Ich weiß ja immer nicht, was Japaner sich so unter dem „typischen“ Freund einer Deutschen vorstellen, aber es wird wohl in Richtung groß, blond, muskelbepackt und haut dir aufs Maul, wenn du seine Freundin anpackst, gehen. Da war mein Freund dann für ihn noch der 彼氏さん (der „Herr Freund“ sozusagen, aber ohne den Sarkasmus 😛 ). Doch kaum, dass ich auf seine Frage, ob er denn Deutscher sei, antwortete, dass er Japaner ist, flimmerte etwas auf in seinem Gesicht, ein Hoffnungsschimmer wie: „Wenn die auf Japaner steht, hab ja sogar ein Würstchen wie ich eine Chance!“ Anders zumindest kann ich mir das folgende Verhalten nicht erklären -.-‚

Die Type fing erst an, mir ständig Alkohol nachschenken zu wollen, erzählte mir von seiner Verflossenen, die er nicht vergessen könne und bat mich um Rat, fragte mich dann, ob ich mit ihm Knutschen wolle, versuchte nach meinem „AUF GAR KEINEN FALL“ dies als Witz zu tarnen und fragte mich dann am Ende der nomikai allen ernstes auf Japanisch: „Zu dir oder zu mir?“ o.O Ich hoffe, all der Ekel, den ich empfunden habe, hat in meinen „Mit dir? Nirgendwo hin!“ seinen unendlichen Ausdruck gefunden! Seit wann baggert man die Frau eines anderen an??? Mister 21-jähriges Kücken, du hast noch viel zu lernen!

Nachdem sich die Type einen Anpfiff von seinem Dozenten abgeholt hatte (war ja erstaunt, dass der das überhaupt mit bekommen hat), ließ er mich aber in Ruhe … und belästigte andere Mädchen. Smells like desperation!

3. Was auf der nomikai passiert, bleibt auf der nomikai

Und zwar für immer! Es ist egal, wie pervers, vermeintlich homosexuell, dumm, nackt oder einfach nur widerlich du dich auf nomikai und/oder nijikai benommen hast, am nächsten Tag spielt das absolut keine Rolle mehr. Für einige bestimmt ganz dankbar, für mich immer etwas seltsam, denn ich empfinde Alkohol nicht als Ausrede, sich daneben zu benehmen. Aber Herr T. und der „Anbaggerknabe“ werden sich bestimmt gefreut haben …

Am nächsten Tag schleppten sich also fast alle bis auf mich und zwei andere Mädchen mit einem riesengroßen Kater zum Frühstück. Ich habe nie absichtlicher meine Kaffeetasse laut auf dem Tisch abgestellt 😛

Nach dem Frühstück stand „Erkundung der Gegend“ auf dem Plan, und ich dachte, wir würden uns jetzt die Stadt und den Strand, den ich den Tag davor aus meinem Zimmerfenster schon angeschmachtet hatte, anschauen, aber NEIN, wir wurden in den Bus geladen, fuhren eine halbe Stunde zu einer berühmten Brücke, deren Namen ich vergessen habe, durften im Gebiet eine Stunde rumlaufen und dann ging es ab nach Hause ó.ò Leider war das Wetter im Vergleich zum Vortrag auch gar nicht berauschend.

Vorne Klippe:

Wenn man sich umdreht ein Schild mit Telefonnummern der Seelsorge -.-‚

Zwischendurch gesellte sich noch eine kuschelige Katze zu uns.

Wir hielten dann noch kurz bei einer Raststätte, die ich wirklich sehr schön fand:

Und dann ging es daran, den stundenlangen Rückweg nach Tōkyō zu überstehen. Ich hatte am Ende so was von kein Sitzfleisch mehr! Eigentlich war es vom Aufwand her gesehen ja komplett unsinnig, 5 Stunden nach Itō zu fahren, um dort zu bowlen, zu saufen und sich am nächsten Tag für eine Stunde ein wenig Natur anzuschauen, aber hey, ich musste nichts zahlen und hatte meinen Spaß 😉

Allerdings würde ich gerne irgendwann nochmal nach Itō, um mir dann endlich den Strand anschauen zu dürfen, den ich von meinem Zimmerfenster aus angeschmachtet habe ^o^

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Unterwegs veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Ich war in Itō und habe kaum etwas davon gesehen

  1. Nori schreibt:

    Oh Mann, das Seelsorgeschild ist ja mal hart. Und steht da sicherlich aus gutem Grund.

    Ich selbst bin auch kein so großer Bowlingfreund, auch wenn ich finde, dass man seine Zeit noch deutlich schlechter verbringen kann. Aber Begleitungstechnisch klingt das ja nach GAU. Der Quotendeutsche, der sich einen Abend lang kakkoii fühlen darf und in dieser neu gewonnenen Rolle untergeht. Und der kleine japanische Drecksack, der glaubt, die Weiße muss ja ne billige Schlampe sein.
    Mal im Ernst, „zu mir oder zu dir“ nach so einem Abend? Wie scheiße ist der denn???

    Eigentlich hättest du mit zu ihm gehen sollen, nur um ihn dann mit Handschellen an den Bettpfosten zu fesseln. Klischee? Ja. Unreif und blöd? Ja.
    Aber derbe lustig!

  2. nagarazoku schreibt:

    Ja, der Typ war schon echt krass und besonders hasse ich es ja, wenn sie einen anbaggern und es dann als Witz tarnen wollen, so als wäre man zu blöd zu merken, dass das alles nur ein Witz ist und man so jemanden doch niiiiiiiiiiiiiiie anbaggern würde.
    Noch mehr Leid getan hat mir nur der bishônen der Gruppe, der WIRKLICH aussah, als wäre er einem shôjo-Manga entsprungen, und gegen Ende der nomikai bereits von angetrunkenen und kichernden Mädchen umringt war – und es war ihm sooo peinlich und soooo unangenehm ^^;
    Der Deutsche, muss ich zugeben, hat mich sogar noch mehr genervt als der dreiste Anbaggertyp, weil ich den Deutschen und sein dummes Gequatsche nicht nur die fünf Stunden Hin- und Rüchfahrt ertragen musste, sondern ich am Morgen nach der Saufparty seine erste Anlaufstelle für folgende Frage war: „Haben wir gestern irgendwas Rotes gegessen? Ich hab mich heute übergeben und es war Rot!“ TOOOOO MUUUUUCH INFORMATION!!!!!!!!

  3. Tabea schreibt:

    Haha, ich liebe deine Typeneinteilung! Ich bin ein großer Fan von Sozialstudien, vor allem in Japan.

    Wenn der Deutsche auch beim letzten Jugendtreff war, hab ich glaub ich ne Ahnung, wen du meinst. XD

    Und der Baggertyp gehört eingetütet und zum Brennbaren Müll gestellt.

    • nagarazoku schreibt:

      Ja, der war beim letzten Jugendtreff, aber seeeehr unauffällig und ich hatte ihn ganz anders eingeschätzt. Den Namen gebe ich am Di beim Sushi-Essen preis ;D

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s