Big in Japan?

Eine der häufigsten Reaktionen, die ich hier am Alltag „provoziere“, ist ein mir plötzlich entgegengeworfenes 「背が高いな!」 – 「sei ga takai na!」 – „Sind Sie/Ist die groß!“

Ich warte an der Schlange am Damenklo und eine Oma mit nur noch einem Zahn im Mund kommt um die Ecke gebogen und bleibt erstmal erschrocken hinter mir stehen. 「背が高いな!」, tut sie lauthals kund. Ich drehe mich um, sie lächelt mich an. „Ich wusste gleich, dass sie keine Japanerin sind. Sie sind ja viel zu groß.“ Ähm … ja … Blitzmerkerin.

Ich treffe mich mit meinem Academic Advisor und meinen Tutor Herrn O. zum Essen. Herr O. kommt etwas zu spät und daher sitze ich bereits. Als wir fertig sind und ich aufstehe, fällt Herrn O. vor Schreck die Aktentasche aus der Hand. 「背が高いな!」Ich lächle müde: „Vielleicht sind ja die Japaner auch nur besonders klein!“ 😛 Pah, was Herr O. kann, kann ich schon lange!

Ich fahre mit dem Fahrrad zum Bahnhof und will Betti dort auf dem kostenpflichtigen Fahrradabstellplatz abstellen. Der Opa will mir zum 100. Mal erklären, wie man den Sticker, der zeigt, dass man bezahlt hat, richtig am Fahrrad anbringt. Ich habe Zeit, lass ihm die Freude, steige von Betti ab, damit er den Sticker fachgerecht anbringen kann, und kassiere gleich die Rechnung:「背が高いな!」Aber mit dem Zusatz: „Sind Sie ein Model?“ hat er es fast wieder gut gemacht XD

Ich steige in die Bahn und (mal wieder) ist kein Sitzplatz frei. Also kämpfe ich mich in die Mitte vor, denn hier sind die Chancen höher, doch noch irgendwann an einen Platz zu kommen. Ich lande neben einer Mama mit ihrem auf den Rücken geschnalltem Kind. Noch schläft es, aber kurz vor Yokohama wacht es auf. Wo bei Mama der Rücken aufhört, fängt bei mir die Brustregion an. Junior muss sich also ziemlich strecken, um mein Gesicht zu sehen, und tut dies auch gleich kund: „Mama! Ein Riese!“ Ich glaube, das hat mir gestern die bisher größte Gesichtsentgleisung meiner bisherigen Japanerfahrungen verpasst o.O

Ich bin laut Perso 1,71 cm groß und damit back in my Germany Durchschnitt. Mittelmaß. Ich brauche bei Bekleidung je nach Laden meistens eine S oder M. Meine Schuhe finde ich im mittleren Größensegment, und viele, viele Frauen um mich herum sind größer als ich – auch ohne Absätze.

In Japan fühle ich mich manchmal wie die Riesenfrau. Ich bin zwar immer noch meine 1,71 cm groß, brauche aber im Laden Größe M/L und manchmal auch XL bei Bekleidung und definitiv XL, wenn ich Schuhe kaufen will. Meine Schultern scheinen sehr viel breiter zu sein, als die der Durchschnittsjapanerin, und über meine Füße wollen wir mal gar nicht reden. Dabei scheitert es meist nicht mal an der Länge, sondern an der Breite des Fußbettes … Ähm, okay, also habe ich keine Clowns- sondern Elefantenfüße? o.O Und dann sprengen ja auch noch meine *hust* Brüste hier eine Menge Formate … Lassen wir das XD

Als ich mir am Wochenende eine Strumpfhose kaufen wollte – eine einfache schwarze, etwas dickere für den Winter, die es in Deutschland ja echt ÜBERALL gibt – blieb bei meiner Beinlänge nur noch ein Modell von Burberry übrig. 23€ … Zum Glück hatte ich einen Coupon. Meine Größe geht damit teilweise also auch schon ganz schön auf den Geldbeutel ó.ò Die Komplexe gibt es aber gratis dazu -.-‚

Ich überrage fast alles und jeden. Gut, in der Rush-Hour bin ich sehr dankbar dafür, denn so komme ich selten in den „Genuss“, die Achselhöhle eines Mitreisenden direkt unter den Riechkolben gehalten zu bekommen XD Man hat auch nie Probleme mich irgendwo zu finden, ich steche überall halbwegs raus, besonders mit Absatzschuhen. Da hören die Vorteile aber auch schon auf.

Mit meiner Beinlänge passe ich mehr als nur knapp unter die Tische in der Uni, doch bei jeder meiner Bewegungen stoße ich mir die Knie an selbigen. Blaue Flecken gehören hier zu meiner täglichen Garderobe. Zudem macht mein eh schon angeschlagener Rücken ja wahrlich Freudensprünge bei den tiefhängenden Waschbecken. Die müssen im Schnitt mindestens 10cm tiefer hängen als die in Deutschland, und wenn ich mich recht erinnere, war das auch im Tōkai-Wohnheim so.

Probleme beim Klamottenkauf hatte ich genannt, auch wenn ich zugeben muss, dass ich im Vergleich zu vor vier Jahren dann doch etwas einfacher passende Klamotten und inzwischen ja auch passende Schuhe, wenn auch in der größten Größe, finde. Und ich bin sehr, sehr dankbar dafür! In Japan scheint die Durchschnittsgröße also auch einem Wandel unterlegen zu sein, auch wenn übergewichtige Leute hier immer noch wirklich fast gar nicht zu sehen sind. Wie macht ihr das nur?

Zu sagen, dass mich die Reaktionen, die ich hier teilweise erhalte, nicht stören, wäre gelogen. Bei so viel überraschten bis geschockten Gesichtern und dem immer wiederkehrenden Ausruf 「背が高いな!」 fühle ich mich erstens nicht immer nur wieder daran erinnert, dass ich eine Ausländerin bin, sondern habe auch noch das Gefühl, dass ich eine 3 m große Ausländern mit vielen bunten Flecken im Gesicht bin. Und dass hier irgendjemand der Meinung ist, man müsse mich ständig daran erinnern ó.ó

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4 Antworten zu Big in Japan?

  1. Ro schreibt:

    *Maunz* Arme Mus! Du bist nicht zu groß, du hast nur Modelbeine – der Opa war der Einzige, der das wakattet hat! 😉 Soll ich dir ne Strumpfhose schicken? Aus dem DM? :-*

  2. Nori schreibt:

    Hm….. Ich bin 2 cm kleiner als du und fand mich eigentlich nur selten so wahnsinnig viel größer als andere. Ich meine, ich fand mich zu den Japanern immer etwa so wie bei uns in Deutschland ne 185cm-Frau zu mir. Groß, ja, aber doch nicht allzu außergewöhnlich.

    Naja, aber solange sie dich deshalb für ein Model halten….

    • nagarazoku schreibt:

      Ich glaube, wenn man hier nicht ständig den Drang verspüren würde, mir das in aller Regelmäßigkeit mitzuteilen, würde ich mir selbst auch gar nicht so außergewöhnlich Extragroß vorkommen, sondern halt nur ein wenig größer… aber so… -.-‚

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