Wie man sich einen Tutor angelt, obwohl man keinen hätte kriegen sollen

Schritt 1: Man verwirre seinen Dozenten so lange mit dem Nichtwissen über seinen eigenen Studentenstatus, bis dieser quasi von selbst auf die Idee kommt, man würde das Anrecht auf einen Tutor haben.

Dass ich hier quasi ein Sonderfall bin, habe ich ja bereits berichtet. Ehrlich gesagt weiß ich selbst nicht so genau, WAS ich bin.

„Ich bin Forschungsstudent, darf (und will) aber auch Unterricht belegen und Punkte sammeln. Und ich bin auch im Japanese Language Program, denn ich muss ja morgen den entsprechenden Test dafür schreiben. Und eigentlich darf ich japanischsprachigen Unterricht wohl auch nur dann belegen, wenn ich im Test eine bestimmte Mindestpunktzahl erreiche. Ansonsten darf ich nur englischsprachigen Unterricht belegen. Aber ich bin schon zum Forschen hier. Ich kriege ja auch ein Forschungsstipendium … Ich weiß aber nicht, wo das herkommt!“

So oder so ähnlich muss die wirre Beschreibung geklungen haben, die ich meinem Dozenten auf die Frage, welchen Studentenstatus ich denn jetzt habe, gab. Ich weiß es doch selbst nicht -.-‚ Und irgendwo in dieser wirren Beschreibung – wahrscheinlich beim Punkt „Stipendium“ – war dann mein Dozent der festen Überzeugung, man könne mir einen Tutor zuweisen. Also einen älteren Studenten, der sich um alles das kümmert, um das sich mein Dozent nicht kümmern will 😛 Der Tutor erhält dafür wohl ein Gehalt. Nun hatten wir also erstmal im Kopf meines Dozenten drin: Das Nagarazoku kriegt einen Tutor! Ich selbst wusste davon übrigens erst einmal gar nichts.

Schritt 2: Man verlasse sich auf das Verantwortungsbewusstsein seines Dozenten, der einem einen seiner armen, noch unwissenden Schützlinge zuordnen wird, damit dieser sich um einen kümmert. Die erste Vorstellung erfolgt bei einem Essen, das der Dozent natürlich bezahlt.

Zwei Tage nach meiner Dozenten-Verwirrung hatte ich dann eine E-Mail von selbigem mit der Frage, ob man sich am Montag nicht auf ein gemeinsames Mittagessen treffen könne, es müssen ja noch ein paar Papiere erledigt werden. Das Nagarazoku – bar jeder Ahnung – dachte mal wieder an irgendwelche Erlaubniszettel, die bestätigen, dass mein Dozent kein Problem damit hat, dass ich Sprachunterricht belege, freies Forschen betreibe oder zwischendurch aufs Klo gehe 😛 Die E-Mail ging auch an einen Herrn O., eindeutig ein japanischer Name. Hm, wohl ein anderer Student, der auch noch irgendwelche Papiere braucht …

Also dackel ich heute wieder in die Uni, bin schon wieder total genervt, weil ich für ein paar Papiere gleich mal wieder 20€ an Fahrtgeld aus dem Fenster werfen muss, und da warten auf mich mein Dozent, einer seiner ehemaligen Studenten und Herr O., im Höchstfall so alt wie ich, der mir als mein Tutor vorgestellt wird.

Volle Gesichtsentgleisung. Tutor? Was denn für ein Tutor?

Die Gesichtsentgleisung wird von allen Anwesenden ignoriert und Herr O. stellt sich vor.

Ich denke mir, dass das alles schon seine Richtigkeit haben wird und wir gehen zum Essen in die Mensa für die Dozenten … wo ein Essen ab 13 € aufwärts kostet O_o

Schritt 3: Jetzt die Tarnung nicht auffliegen lassen! Mach dich interessant und schaffe Vertrauen! Dein zukünftiger Tutor muss sich für dich verantwortlich fühlen!

Ich wähle ein Essen auf der Karte aus, mit dem ich mich nicht gleich in den ersten 2 1/2 Minuten blamieren werde. Also keine Spaghetti, nichts mit kleinen Körnern, die in den Zahnlücken hängen bleiben, nichts mit Knoblauch …. Joa, das Steak sieht ganz gut aus!

Mein Dozent, sein ehemaliger Student und sein jetziger Schützling tauschen Höflichkeiten aus, erkundigen sich nach der Familie, besprechen die Tagesthemen – welcher Keiō-Dozent ist Minister geworden, wer macht gerade wohin eine Dienstreise, blablabla. Das geht das Gespräch auf mich. Mein zukünftiger Tutor fällt vor Freude fast aus dem Stuhl, als ich ihm mitteile, dass er ruhig auf Japanisch mit mir reden kann. Nee, nee, also an den Englischsprachkenntnissen trennt die Keiō die Spreu nicht vom Weizen -.-‚ Ich darf von mir erzählen, von meinem letzten Aufenthalt in Japan, von meinem Forschungsthema, das irgendwie viel Anklang findet.

NATÜRLICH bezahlte mein Dozent das Essen. Das war mir klar, kaum dass ich die Lass-uns-gemeinsam-Mittagessen-E-Mail fertig gelesen hatte, aber es ist mir doch immer wieder unangenehm. Ach ja, die Kinderstube halt, da helfen auch alle Austauschjahre und Essen mit japanischen Dozenten der Welt nichts XD

Nach dem Essen geht es dann nochmal zurück in das Büro meines Dozenten, denn wir wollten ja, wir erinnern uns, eigentlich ein paar Unterlagen ausfüllen.

Schritt 4: Lass die Bombe platzen! Du hast sie am Haken, alles andere überlass dem japanischen Verantwortungsgefühl, das sich hoffentlich beim Essen eingestellt hat!

Beim Ausfüllen der Unterlagen stellten wir dann fest, dass ich gar keinen Anspruch auf einen Tutor habe, da mein Stipendium nicht vom Staat, sondern von der Uni bezahlt wird. Kinders, macht es doch nicht so kompliziert!!! Wie es sich für einen Japaner aber gehört, hat mir Herr O. trotzdem angeboten, sich um mich zu kümmern und mir alles zu zeigen, mir zu helfen mich durch die Kursbeschreibungen zu wuseln und die notwendigen Unterschriften bei den einzelnen Dozenten einzusammeln. Und genau das ist es, was er auch als mein Tutor gemacht hätte v(^^;) Ein wenig schlecht fühle ich mich schon dabei, denn immerhin bekommt er ja kein Geld für mich, aber keine „Nein, nein, das ist wirklich nicht nötig!“-Aussagen der Welt ließen ihn sich davon abbringen -.- Auf der Visitenkarte, die er mir zum Abschied überreichte, konnte ich dann auch noch feststellen, dass er ebenfalls im Bereich Beamtensystem und Nutzung personellen Kapitals forscht – Da hat sich mein Dozent bei der Auswahl meines Tutors ja nicht lumpen lassen 😉

Und so, meine lieben Kinder, angelt man sich einen Tutor, obwohl man gar keinen hätte kriegen sollen. Einfach nur, weil auf das japanische Verantwortungsgefühl einfach Verlass ist ^^;

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