Der Kronprinz kommt – so pflücke er die Eicheln vom Baum!

Der japanische Kronprinz ist in Berlin und die ganze Stadt ist in Aufruhr. Na ja, zumindest der Teil, der weiß, dass er gestern in Tegel gelandet ist. In die Nachrichten schafft dieser Staatsbesuch es irgendwie dann doch nicht so verstärkt.

150 Jahre deutsch-japanische Beziehungen sind der Anlass seines dreitägigen Besuchs in der Hauptstadt, welcher mit vielen Presseterminen gespickt ist. Und an einem durfte ich heute mit ein paar meiner ehemaligen Kommilitonen von der HU und meinen derzeitigen Kommilitonen von der FU teilnehmen.

Gefühlt random wurden wir von den Professoren unserer Institute gefragt, ob man Interesse hätte, diesem Treffen beizuwohnen. JA! UNBEDINGT!! Obwohl, zwei Sekunden bevor der Kronprinz den Raum betrat, war ich mir über das Ja gar nicht mehr so sicher. Aber ganz von Anfang!

Angemessene Kleidung wurde verlangt, und so versammelten sich heute 21 Studenten und 5 „Young Leaders“ in der Vorhalle der Stabi mehr oder minder angemessen gekleidet. Bei einigen wenigen war der Definitionsrahmen dann doch etwas weiter ausgelegt worden, aber wenigstens hatte es niemand gewagt, in Jeans oder Sneakers zu erscheinen.

Durch einen Schleichweg geleitete man uns nach der Verteilung der Namensschilder dann in den sogenannten „Ort der Zusammenkunft“ – ein steriler Raum in dem sich nichts befand außer die fünf Tische, an denen wir dann aufgeteilt wurden. Die eigentliche Aufteilung sah es vor, dass die 5 Young Leaders an Tisch A standen, denn dies war der einzige Tisch, an dem Filmaufnahmen stattfinden sollten. Warum auch immer, Tisch A wurde letztendlich von einer FU-Gruppe inklusive mir besetzt – sehr zum Missfallen der YL, aber hey, 1. haben wir uns das ja nicht ausgesucht und 2. da hat sich wohl jemand schon zu früh zu wichtig gefühlt, was? 😛

Und dann passierte eine halbe Stunde gar nichts.

Der Ablauf war streng geregelt. Einmal am Tisch, durfte dieser nicht mehr verlassen werden, bis der Kronprinz das Gebäude verließ. Wir waren quasi an unseren Tisch gekettet. Dann gab uns eine Stabi-Mitarbeiterin plötzlich das Zeichen, die Klappen zu halten – der Kronprinz war also auf dem Weg. Mit einem Mal stürmte ein riesiger Haufen an Kameraleuten in den Raum, prügelte sich um die besten Plätze und stellte ihr Equipment auf. Die deutsch Presse musste sich natürlich gleich wieder daneben benehmen und rumpöbeln, wie blöd die Positionen wären und ob das große Mädel nicht nach hinten und dat kleine Mädel nicht nach vorn könnte.

Der Kronprinz betrat mit einer riesigen Entourage den Raum – Presseleute? Kammerdiener? Gepäckträger? Keine Ahnung, hatte auch keine Zeit, darüber nachzudenken, ICH WAR ZU NERVÖS! Wir hatten vorher einen Zettel mit Regeln bekommen – keine Fragen stellen, keine politischen Themen anschneiden, nicht vor ihm laufen, nicht von hinten fotografieren usw., die alle irgendwie schon einschüchtern genug waren, aber mit der Aussicht, jede Peinlichkeit nun auf Zelluloid gebannt zu kriegen, war ich mir auf einmal nicht mal mehr sicher, ob ich das ganze Gespräch wirklich auf Japanisch absolvieren wollte – man durfte auch Englisch benutzen. Aber ich hab mir dann selbst einen Tritt verpasst und das Ganze souverän durchgezogen.

Seine kaiserliche Hoheit gehört übrigens zu den doch etwas sehr viel kleineren Menschen in Japan (er muss mindestens 1 1/2 Köpfe kleiner sein als ich), aber er hatte wirklich ein sehr sympathisches Auftreten und füllte dadurch den ganzen Raum aus. Er hat die ganze Zeit gelächelt, uns die Hand zu einem Händeschütteln ( o.O ) hingestreckt und sich an allem, was wir ihm erzählt haben, sehr interessiert gezeigt – und wenn ihn das alles einen Scheiß interessiert haben sollte, dann hat er sich das absolut souverän kein bisschen anmerken lassen XD

Der Kronprinz verbracht fünf Minuten an jedem Tisch. Zeit genug, dass sich jeder 20 Sekunden lang mit Namen und Studienfach vorstellen konnte. Danach durfte der Kronprinz uns noch Fragen stellen. Wir waren der Tisch: „Warum studiert ihr Japanologie?“ und „Die Sprache ist doch bestimmt total schwer, oder?“ Also Dinge, die man als Japanologe sowieso fünf Mal am Tag beantwortet 😛

Und dann war das ganze Gespräch an unserem Tisch auch schon vorbei. Die Presse musste abziehen, da sich der Kronprinz nun in Positionen begab, aus denen sie ihn nicht fotografieren oder filmen durften, und wir bekamen endlich etwas zu Trinken serviert. Der Kronprinz begab sich nach und nach an die anderen vier Tische, um auch dort jeweils fünf Minuten lang zu verweilen.

Am Ende hatte er noch 5 Minuten zu viel übrig und da sich niemand von uns traute, ihm eine Frage zu stellen, durften wir ihm dann alle noch erzählen, wie wir Japan fanden, als wir da waren. Und dann war der kaiserliche Besuch so schnell weg wie er gekommen war.

Ein reiner PR-Termin, der es dank unser ehrfürchtig leisen Stimmen wahrscheinlich nicht mal in die Nachrichten schaffen wird. Aber hey, ich hab dem japanischen Kronprinzen die Hand geschüttelt! Und einen japanischen Journalisten zurechtgewiesen, der mir die Worte im Mund umdrehen wollte! 😛 Folgendes Gespräch auf Japanisch:

J: „Was wollen Sie denn den Kaiser fragen?“

Ich: „Ähm … Wir werden ihm wohl besser keine Fragen stellen.“

J: „Ach, und aus welchem Grund nicht?“

Ich: „Die Etikette erlaubt dies nicht.“

J: „Ach, wegen der Sprache ja? Weil Japanisch so schwierig ist, ja?“

Ich: „Nein, nicht wegen der Sprache. Ich habe kein Problem mit der Sprache, aber die Etikette erlaubt ja nicht, dass wir ihm direkt eine Frage stellen.“

J: „Und dass Japanisch so schwierig ist, hat damit gar nichts zu tun?“

Ich: „Ich sprech doch auch gerade Japanisch mit Ihnen, das stellt also wirklich kein Problem dar. Es ist wegen der Etikette.“

Das hätten sie wieder gern gehab, was, dass ich mich da in meinem eigenen Land hinstelle und brav Klischees bestätige, ja? Nix da! Da wart ihr aber am falschen Tisch 😛

Am Freitag werde ich auf einem Symposium im Japanisch-Deutschen-Zentrum Berlin den Kronprinzen noch einmal zu Gesicht bekommen. Dieses Mal nicht aus allzu naher Nähe, denn er wird nur eine kurze Rede halten und soweit ich weiß dann auch den langen Heimflug antreten. Hach, ob da vielleicht noch ein kleines Plätzchen für mich frei ist in seinem königlichen Flugzeug? Ich mach mich auch ganz klein …

Ach ja, und bezüglich der Überschrift: Besagtes Japanisch-Deutsches-Zentrum Berlin hat veranlasst, dass vor Freitag alle Eicheln von den umherstehenden Bäumen abgesammelt werden, damit sie dem Kronprinzen nicht auf den Kopf fallen können. Dass bisher alle Mitarbeiter, Besucher und Nutzer von den Dingern erschlagen wurden, war zwar wochenlang egal, aber JETZT ist eine professionelle Absammlung angeordnet worden XD

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3 Antworten zu Der Kronprinz kommt – so pflücke er die Eicheln vom Baum!

  1. nori schreibt:

    Ich finde immer noch, dass ich am Tisch A ein hübsches Fotomotiv abgegeben hätte, aber naaaaaa gut……. So konnte ich leider auch nicht miterleben, wie du mit den Journalisten gemeckert hast 😉

  2. nagarazoku schreibt:

    Daran besteht kein Zweifel!

  3. Tabea schreibt:

    Professionelles Eichelnabsammeln?? XD

    Ich war mich ja gar nicht bewusst, in welcher Gefahr ich geschwebt habe als ich da letztes Jahr noch zwei Mal pro Woche hingedackelt bin.

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