Wie schnell die Zeit vergeht …

An diesem Freitag bin ich seit genau einem Monat zurück in Deutschland. Viel ist passiert in dieser Zeit, über ausgiebiges Sightseeing mit Kei und Treffen mit Freunden bis hin zur (erst aufgezwungenen, aber dann doch recht netten) Ein-Tages-Betreuung japanischer Studenten der Ritsumeikan-Universität. Im Mittelpunkt fast aller meiner Aktivitäten stand vor allem die Verarbeitung meines umgekehrten Kulturschocks. Mein Aufenthalt in Japan scheint bereits so lange her zu sein …

In der Zeit nach meinem letzten Eintrag hat es mein Magen inzwischen geschafft, sich wieder an das deutsche Essen zu gewöhnen, auch wenn die Portionen, die ich verdrücken kann, doch noch wirklich sehr viel kleiner sind als das, was ich vor Japan noch so runtergekriegt habe XD Aber eins steht fest: Ich liebe deutsches Essen! Ich liebe die Geschmacksvielfalt, ich liebe Brot und Kartoffeln! Und ich liebe, liebe, liebe deutschen Kaffee!

Ebenso euphorisch werde ich über hierzulande erhältliche Kosmetik. Endlich Cremes, die meine Haut nicht aufhellen, und Shampoo, das auf meine Haare abgestimmt ist. Und endlich Wasser in meiner Badewanne, das mir nicht die Haut vom Körper chloren will!

Auch deutsche Häuser find ich einfach nur klasse. Solide und schick, und nicht einfach nur irgendwie auf eine freie Stelle gebaut, so wie einem das in Japan manchmal erscheint. Außen schick, innen geräumig, so muss das sein 😀

Ich finde es auch klasse, dass ich nachts noch mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause komme, meinen Müll dank überall vorhandener Mülleimer nicht mehr mit mir rumschleppen muss, bis ich ihn zu Hause entsorgen kann, und ich liebe die Sehenswürdigkeiten unserer Stadt, weshalb ich das Sightseeing mit Kei mehr als nur genieße.

Allerdings gibt es auch ein paar Dinge an Japan, die ich vermisse, und ein paar Dinge an Deutschland, die mich stören.

Ich fand es so angenehm, dass das Telefonieren mit dem Handy in der Bahn in Japan verboten ist. Hier missbraucht wieder jeder sein Handy als schlechten Lautsprecher oder ist der Meinung, alle im Abteil wären an seinem Gespräch interessiert, weshalb er auf jeden Fall beim Telefonieren laut durch den kompletten Wagon dröhnen muss. Außerdem hat mir die Atmosphäre in den japanischen Bahnen sehr viel mehr gefallen, obwohl ich hier in Deutschland immer einen Sitzplatz bekomme.

Dass deutscher Service arg verbesserungsbedürftig ist, wusste ich ja schon vorher, aber wenn man weiß, dass es anders geht, stört es einen irgendwie noch mehr. Das gleiche trifft auf das Sicherheitsgefühl zu, das ich in Japan hatte. Wo ist mein Wattebausch, in den man mich gepackt hatte, denn auf einmal hin? Außerdem ist in Deutschland alles auf das Nötigste reduziert, was sich besonders bei den Durchsagen in der Bahn bemerkbar macht. Statt einem freundlichen „Vielen Dank, dass sie sich auch wieder heute für unsere Bahn entschieden haben. Die nächste Station ist Hiratsuka, Hiratsuka. Achten sie beim Aussteigen darauf, wo sie hintreten!“, bekommt man hier nur ein „Alexanderplatz“, statt einem überschwänglichen „Einfahrt der Bahn Richtung Shinjuku auf Gleis eins. Treten Sie aus Sicherheitsgründen bitte hinter die gelbe Linie zurück!“, fährt die Bahn einfach ein – hab ich mich beim ersten Mal erschrocken!!! Und obwohl es mehr Mülleimer als in Japan gibt, ist es hier wesentlich schmutziger. Und wo kommt eigentlich das ganze Graffiti her? Und warum muss ich hier für eine Toilette 50 Cent bezahlen, wenn diese eindeutig noch nie einen Putzlappen aus der Nähe gesehen hat?

Aber ich muss ehrlich zugeben, dass ich am meisten von den Menschen hier angenervt bin. Muss jeder wirklich seinen Senf zu allem dazugeben? Saß ich letztens im Tierpark und fütterte mit meinem Bruder Spatzen, da schnauft eine Frau, dass es ja kein Wunder wäre, dass es hier so dreckig wäre, wenn irgendwelche Leute Essen auf den Boden werfen und damit Tiere anlocken würden. Jetzt beschwert man sich also schon über Tiere in einem Tierpark, ja? Viele Leute, an denen ich mit unserem neuen Hund vorbeigehe, müssen ihn erstmal kommentieren. „Dobermann? Sind das nicht Kampfhunde?“, „Guck mal, ein Rottweiler!“, „Bah, guck mal, wie gefährlich!“ Und waren deutsche Nachbarn schon immer so aufdringlich und neugierig? Was geht es die eigentlich an, wie oft ich meinen Hund in den Garten lasse und wie oft ich Gassi gehe? Dass man sich abends dank irgendwelcher bekloppten Jugendlichen nicht mehr so ganz sicher fühlen kann, geht mir auch ziemlich auf den Sack. In Japan habe ich mich IMMER sicher gefühlt. Jahaha, nun bin ich also doch zu einem dieser „Aber in Japan war das so und so“-Männchen verkommen XD

Noch hab ich hier aufgrund der Ferien keinen rechten Alltag, aber in einem Monat geht die Uni wieder los, was mir wieder einmal zeigt, wie schnell die Zeit doch vergeht. Damals war Japan so weit weg, dann waren wir endlich da. Die Zeit bis zum Rückflug schien unendlich weit zu sein, dann war er plötzlich da. Und nun ist Japan wieder so weit weg … Vielleicht sollte ich aufhören, immer der vergangenen Zeit nachzuheulen, sondern mich über das Hier und Jetzt freuen und freudig in die Zukunft blicken, die sicher noch den ein oder anderen Besuch oder Aufenthalt in Japan für mich bereit hält. Darauf erst mal einen deutschen Kaffee!

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2 Antworten zu Wie schnell die Zeit vergeht …

  1. sui fēng schreibt:

    Oh was musste ich schmunzeln beim Lesen deiner Geschichte. Ich hab mich so häufig wieder erkannt und viele Erinnerungen kamen zurück… Danke 🙂 !

  2. nagarazoku schreibt:

    Das freut mich 😉

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