Hinter Gittern – Der Frauenknast

Nein, ich finde es nicht übertrieben, wenn ich meine ersten Eindrücke über das Wohnheim hier an der Tōkai-Universität so betitele, denn für mich hat das Ganze hier den Charme eines, nun ja, Frauenknastes. Und das meine ich nicht nur von der Einrichtung her gesehen! Aber fangen wir doch mal ganz von vorne an:

Das Wohnheim von außen. Schön runtergekommen, findet ihr? Dann wartet mal, bis ihr das Männerwohnheim zu sehen bekommt!

Bei der Ankunft wurden uns die Zimmer zugewiesen. Ronja und ich bekamen Zimmernummer 409. Aber nicht nur die Zimmer, nein, die Hausmeisterin überreichte mir den Schlüssel mit den Worten: „Nagarazoku, Ihnen gehört die linke Seite.“ Das fand ich dann doch schon … befremdlich, dass wir uns nicht mal selbst die Zimmerseiten aussuchen durften O_o

Das Zimmer war weniger erschreckend als erwartet, aber wir hatten uns auch wirklich auf Schlimmes eingestellt! Nett würde man es mit „spartanisch“ beschreiben. Für jeden ein Bett, ein Schreibtisch und zwei Schränke. Wir konnten uns Dank deutscher Studenten, die vor uns dagewesen sind und uns ihren Nachlass hinterlassen haben, den Luxus eines eigenen, sehr kleinen Kühlschranks leisten (wir können gerade mal das Essen für den Abend drin lagern…). Aber besser, als sich unten den Kühlschrank mit den Koreanern zu teilen, deren Kimchi stinkt so *bah* :9 Und wir müssen eben auch nicht für jede Kleinigkeit nach unten in die Küche rennen!

Zu unserem Zimmer gehört natürlich kein eigenes Bad, sondern auf jeder Etage gibt es Toiletten und Waschmaschinen. Weiterhin darf man sich mit etwa hundert anderen Mitbewohnerinnen genau fünf Duschen teilen. Schlammschlacht ums warme Wasser! Super! Was mich besonders stört – und Ronja und ich inzwischen auch absichtlich boykottieren – sind die Toilettenschlappen. Ich habe nicht vor, mir mit bestimmt an die 30 anderen Mädchen auf meiner Etage den Fußpilz zu teilen (jetzt im Hochsommer trägt keiner von uns Socken)! Ich gehe lieber mit meinen normalen Schlappen aufs Klo, das ist – jedenfalls für mich – viel hygienischer.

Aber kommen wir doch mal zum Frauenknast-Charakter in diesem Wohnheim:

DSCF0082Unten an einer Tafel muss man nach folgendem Code kenntlich machen, wo man sich gerade befindet:

Schwarz und in der Mitte: Ich bin da.
Rot und in der Mitte: Ich bin nicht da, komme aber im Laufe des Tages wieder.
Rot und außen: Ich übernachte woanders.

Besuch ist nur in der untersten Etage und auch nur in der Lobby und in der vordersten Küche, sowie dem Raucherzimmer (gleichzeitig auch das Bügelzimmer – Tolle Kombi!) erlaubt. Und das Beste: wenn irgendjemand was von uns will, werden wir mit Zimmernummer durch das ganze Wohnheim hindurch ausgerufen!

Durch diese Lautsprecher. Das hat dann wirklich den Charme von „Gefangener 409, Sie haben Besuch!“ Sperrstunde haben wir auch: 23.00 Uhr. Danach dürfen wir das Wohnheim offiziell nicht mehr verlassen und können es auch nicht mehr betreten, weil die Eingangstür abgeschlossen wird. Erdbebensicherheit kann uns mal, was? Wenn es denn offen ist, können wir uns durch ein kleines Küchenfenster hieven, immer in der Hoffnung, nicht erwischt zu werden. 

Ihr glaubt, das sei normal hier? Mitnichten! Das Wohnheim unserer männlichen Kommilitonen zeigt, dass es anders geht! Sie haben zwar auch Sperrstunde um 23.00 Uhr, aber einen Hintereingang, den sie danach nutzen können. Einen ganzen Eingang und kein Fenster!!! Sie müssen nur kennzeichnen, ob sie da sind oder nicht, wir Mädchen ob wir wiederkommen oder außerhalb übernachten und dann, wo. Wir werden durchs ganze Wohnheim ausgerufen, die Jungs haben Telefone auf den Zimmern, auf denen sie der Hausmeister erreichen kann. Die Japaner, bei denen man sich über diese Zustände beschwert, meinen zwar immer, die Hausmeister würden sich nur Sorgen um uns machen, aber als halbwegs selbstständige 22-Jährige empfinde ich das alles doch als recht penetrant. Einige mögen ja gegen so viel Einmischung in ihre Privatsphäre nichts haben, aber ich erwarte allein von mir selbst schon eine andere Selbstständigkeit.

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