Robespierre und die Leiden des jungen Werther

Heute Morgen hat mein Videorekorder endgültig seinen Geist aufgegeben. Nicht, dass er vorher funktioniert hätte, wie man das Funktionieren eines Videorekoders definieren würde. Aber mein Gerät hatte eben schon immer eine ganz eigene Sicht auf die Dinge. Er liebte Filme ohne Ton und ließ ihn daher beim Abspielen zeitweise einfach konsequent weg. Er hasste bestimmte Sender und weigerte sich daher strikt, ihr Programm aufzunehmen. Auch da war er konsequent, machte keine Ausnahmen. Pro7 kam ihm nicht aufs Band, 9live hingegen schon. Er war überaus kommunikativ und gab beim Abspielen der Videobänder quietschende und piepende Geräusche von sich – wahrscheinlich sah er auch gern dabei zu, wie mich eben diese Geräusche langsam in den Wahnsinn trieben. Auch bei den abzuspielenden Tapes war er wählerisch, nahm nicht alles, sortierte sorgfältig aus. Ganz anders als der Videorekorder meiner Eltern. Ein domestiziertes Gerät, das alles tut, was man von ihm verlangt. Meinem Rekorder hingegen wäre das nie in den Sinn gekommen. Er war ein Freigeist, selbstständig und durchsetzungsfähig, konsequent, oft auch ohne Rücksicht auf Verluste. Einer von den ganz Großen. Der Robespierre der Nutzgeräte! Auch sein Ableben passte in dieses Bild. Groß und theatralisch. Ich für meinen Teil behielt ihn eigentlich nur noch als Deko. Zu faul um ihn zu entsorgen, blieb er einfach in meinem Zimmer stehen. Das konnte er nicht ertragen. Anstatt stillschweigend und unbenutzt auf seine Entsorgung zu warten, wählte er den Freitod. Mit einem lauten Knall und viel Gestank. Wahrscheinlich ein letzter Ausdruck seiner Missbilligung mir gegenüber, die ihm in seinen letzten Jahren so wenig Respekt entgegengebracht hatte. Das soll mir eine Lehre sein. Ich werde ihn vermissen. Das Zwiegespräch mit ihm, die Widerworte. Er hat es mir nie leicht gemacht. Hatte seinen eigenen Willen, seine Vorstellung vom Leben, und verfolgte sie. Ich kann ihm deswegen nicht böse sein. Nein, ganz im Gegenteil, er verdient meinen Respekt und meine aufrichtige Bewunderung. Mich konsequent und ohne Unterlass in den Wahnsinn zu treiben, das hat bisher niemand bis zum Ende durchgehalten.

Lange wird der Zustand ohne Widerworte für mich aber wohl nicht anhalten. Mein DVD-Player plant die Nachfolge von Robespierre, will in seine Fußstapfen treten. Er ist auf dem besten Weg dahin. Schon jetzt spielt er zwar noch alle DVDs ab, sucht sich aus ihnen jedoch bestimmte Stellen aus. Ihn interessiert nicht der Kampf Frodos auf dem Weg zum Schicksalsberg, er bevorzugt die Szenen mit Aragorn und Arwen. Ein Romantiker eben. Aber stark darin seinen Willen durchzusetzen. Er wird wohl dem Beispiel von Robespierre folgen und den Freitod wählen, bevor ich ihn ersetzen kann. Ich werde ihn Werther nennen. Diese romantische Ader, dieses Melodramatische – so etwas hat nur ein echter Werther!

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